Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

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memsam. Bei geschickt nüancirter Behandlung, die in
dem Kostüm und den Nebendingen einen breiten, flüssigen
Vortrag, in den nackten Teilen einen etwas spitzeren
Pinsel zeigt, in dem gefurchten Gesicht Mommsens die
Töne fest nebeneinander stellt, in den runderen,
fleischigeren Formen des anderen Kopfes sie dagegen
sorglich vertreibt und verschmelzt, ist die wohlberechnete
Gesamtwirkung von durchaus einheitlicher Harmonie
und die Technik als solche ihr anspruchslos unter-
geordnet. Trotz dieser gleichen Vorzüge gebührt indes
der erste Preis doch ohne Frage dem Porträt Momm-
sens, und zwar keineswegs bloß um seines größeren
malerischen Reizes willen. Was ihm Vor allem seine
Überlegenheit giebt, ist vielmehr die in ihm er-
reichte innigste gegenseitige Durchdringung von Por-
trat und Genrebild. Während in der anderen Tafel
die Scenerie doch im wesentlichen mehr oder minder
gleichgiltig ist, so daß die Figur sich von ihr ohne
sonderlichen Nachteil isoliren ließe, kann hier auch das
kleinste der zahlreichen Details der Umgebung des Dar-
gestellten nicht als zufällig und indifferent bezeichnet
werden; in den an sich unbedeutenden Nebendingen, die
so absichtslos erscheinen und doch mit feiner Berech-
nung gewählt und arrangirt sind, klingt im Gegenteil,
sich mehr und mehr verstärkend, derselbe charakteristische
Ton wieder, der in der Schilderung der Gestalt an-
geschlagen ist, und diese Gestalt ist dazu nicht bloß
das lebensvoll aufgefaßte besondere Jndividuum, wie
es uns auch dprt entgegentritt, sondern zugleich eine
wahrhaft typische Figur, — die überzeugend echte Ver-
körperung des deutschen Gelehrtentums einer bestimmten
Zeit, durch die das Bild eine geradezu historische Be-
deutsamkeit gewinnt.

Aunstiitteratur.

Giuliano Bcrti, 8uii' untioo Ouoiuo äi ttavouna s
il Luttistero s l'Dpisoopio s 11 Irioolo. Nu-
vsuuu, illipoArutig, Ouläoriui. 1880. 84 S. 8^.

Der Verfasser der vorstehenden Schrift, ein Pfarrer
an S. Domenico in Ravenna, hat sein Werk dem
Kardinal Cattani, Fürsterzbischof von Ravenna ge-
widmet, als Bruchstttck aus einer umfassenden „Beschrei-
bung aller heiligen und profanen Bauten Ravenna's."
Der Ansang der Abhandlung gilt dem alten Dom
oder der Basilika Ursiana. Auf Grund der Biographie
ihres Gründers, des Bischofs Ursus (nach Berti 379—
396, nach anderen 400—410) in den Lebensbeschrei-
bungen ravennatischer Bischöfe von Agnellus (9. Jahr-
hundert), giebt der Verfasser zunächst, mit hin und
wieder eingeflochtenem lateinischem Grundtext, die Ge-
schichte des Baues der ältesten Kirche der Stadt. Er
sucht der falschen Auffassung Girol. Rossi's (Aistor. !

Luv.) und Fabbri's (8uor. Llsmor.) zu begegnen, die
unter dem von Agnellus mit lupiäibus xrstiosissimis
bezeichneten Schmuck der Wände Edelsteine und Juwelen
verstehen, während eine Stelle des Ambrogio Traversari
(aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts)
deutlich von verschiedenem Marmor spreche (vsstiunt
iutus puristsm vurii murmoris ssotus uä liusum
orustus). Noch heute finden wir ja diese Marmor-
inkrustation an den unteren Wandflächen im Baptiste-
rium zur Seite des Domes, einen diesem fast gleich-
zeitigen Bau. Die übrigen Wandflachen und Wölbungen
waren mit Mosaiken und Stuckornamenten bedeckt, welch'
letztere wir wiederum in gleichen Gegenständen (anima-
lischen Darstellungen) im Baptisterium treffen. Sechzig
antike Marmorsäulen trennten die fünf Schisfe des mit
einer Apsis schließenden Baues, der der Anastasia ge-
weiht war. Mitten im Hauptschiff stand der einzige
Altar. Es ist dies ein interessanter Beleg für die von
Richter (Christliche Archit. u. Plastik, S. 11 ff.) ver-
fochtene Annahme, daß abweichend vom späteren Ge-
brauch wie ersten Kirchen nur einen Altar inmitten
des Langhauses kannten. Jn Ravenna selbst findet
sich bekanntlich noch ein weiteres Beispiel dieser An-
ordnung in S. Apollinare in Classe, wo, einsam und
längst dem Gebrauch entzogen, im Mittelschiff der alte
Altar sich erhebt. Ob der Altar im Dom von einem
Ciborium überragt gewesen, wagt Berti nicht zu ent-
scheiden; im sechsten Jahrhundert wird ein solches von
Holz erwähnt, das von Erzbischof Viktor (539—546)
durch ein silbernes ersetzt ward. Dies letztere sowie
verschiedene von Viktor und Maximianus (546—55t>)
gestiftete Altarbekleiduugen werden von Berti eingehend
behandelt. Die weiteren Schicksale des Altares sowie
die Aufzählung anderer Kostbarkeiten der Kirche, .mit
denen sich das folgende Kapitel (9) beschäftigt, über-
gehen wir hier. — Wohl noch innerhalb der Marmor-
schranken, deren kleine Pseiler silberne Kapitäle zierten,
stand zur Rechten im Mittelschiff ein Ambo, den eine
Jnschrift dem Bischof Agnellus (f 566) zuwies. Teilc
dieses Ambo mit der Jnschrist haben sich erhalten und
stnd jetzt im Umgang hinter deni Chor eingemauert.
Daß diesem Ambo zur Linken ein zweiter (für die
Epistellesungen) entsprochen habe, ist eine berechtigte
Annahme; Berti sucht sie zu stützen durch eine Stelle
des Agnellus, die von einem Judeu erzählt, der sich
beim Gottesdienst „nahe den Jungfrauen an der Stelle
auszustellen pflegte, die Ermolas genannt wird". Dies
sinnlose Wort des Ooäsx üstsnsis ändert Berti in
Sermologus d. i. Prediger. Daß das ursprüngliche Dach
der Kirche zu des Agnellus Zeiten nicht mehr bestand,
schließt Berti aus einer Stelle, in der jener von dem
Gebrauche spricht, vor dem Bilde des Erzbischofs Jo-
hannes Angeloptes während der Nacht eine Kerze
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