Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Der Kopist üer Himmslfahrt Mariä von Dürer.

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Raumes der Fall sein; auch hier wird sich das Mo-
derne mit dem Antiken taktvoll zu vereinigen haben.
^öenn sie aber plump in schrofsem Gegensatz gegen-
übertreten, so wird ein Mißverhältnis an Stelle des
i§inklangs die Folge sein. Da nun bei der Aus-
schmückung keine einheitliche Leitung wie beim Bau da
ivar, da die verschiedenartigsten Einflüsse und Rück-
sichten sich geltend machten, so tritt dem planvollen
Bau eine planlose Ausschmückung entgegen, die neben
Mangelhaftem Gutes zeigt, als Ganzes aber voll Wider-
spruch ist und eben dadurch ihren höchsten Zweck nicht
erreicht. Wer freilich nur in jedem einzelnen Augen-
blick nur den einzelnen Eindruck walten läßt, nicht aber
das Einzelne zum Ganzen zusammendenkt, wem der
Schmuck nur eine imponirende Äußerung der Pracht
und des gebietenden Reichtums ist, nicht aber ein sinn-
voller Ausdruck individueller Stimmung und inner-
lichen Lebens, wem unvermittelte Gegensätze nur um
so pikantern Reiz bieten, nicht aber die Sinne belei-
digen, der wird vieles bestaunen und laut bewundern.
Die Kunst zielt aber nicht auf Schöpsung von Einzel-
heiten, sondern von Ganzen, und auch der Schmuck
gehört in den Bereich der Kunst.

Der Außenschmuck spricht zunächst griechisch. Den
Giebel des Unterbaues bekrönt ein ztveifelhafter Apoll,
von Greifen gezogen; Apoll hat mit 5em Drama nichts
zu thun; er ist also der allgemeine Ausdruck dafür, daß
hier die Dichtung einen Kultus gefunden hat. Auf
dem Bordergiebel des Oberbaues tanzt ein zierlicher
Pegasus — wenigstens lassen ihn die Flügel als solchen
erkennen; der Pegasus hat mit dem Drama speciell
nichts zu thun — also Ausdruck der Poesie überhaupt,
nicht der dramatischen Dichtung. Auf dem Giebel der
Rückseite sitzt die Göttin der Poesie, einen Genius unter-
richtend — also wieder die Dichtung im allgemeinen.
Darunter im Giebel die Parzen mit dem von ihnen
beherrschten Leben, aber ohne direkte Beziehung aus
das Wirken der Parzen im Drama. Einzig und allein
der Giebel der Vorderseite am Oberbau erzählt vom
Drama; die Grazien in der Mitte von Gestalten,
welche deutlich von Komödie und Tragödie sprechen.
Jm Giebel des Unterbaues aber ruhen Rhein und
Main, die Bestimmung des Gebäudes als Vereinigungs-
Punkt der ganzen Umgegend zu gemeinschaftlichem
Kultus aussprechend. Jn nächster Nachbarschaft dieser
beiden Gewaltigen und des schmächtigen Apollo's dar-
iiber stehen zwei Frauengestalten; die eine ringt die
Hände, die andere legt die Hand aufs Herz und hält
mit der andern das Gewand — gewiß hvchst bezeich-
nende Handlungen, aus welcher Jeder ohnfehlbar die
Jsabella aus der „Braut Vvn Messina" nnd die Recha
aus „Nathan" erkennen wird. Hier sind wir mit
vinemmale aus der Sprache dcr Shmbvlik in die

der Realistik versetzt, aus dem Klassischen inS Moderne.
Jn die Loggia des Foyers neben den Balkon kommen
noch die Porträtstatuen — von Schiller und Lessing, sollte
man vielleicht meinen, in Bezug auf die über ihnen befind-
lichen Gestalten aus ihren Werken? Keineswegs, son-
dern von Goethe und Mozart — das Porträt aber
führt vollständig in die reale Welt. Über den Rund-
bogenfenstern rings um das Gebäude befinden sich in
bunter Reihe die Reliefporträts antiker und moderner
Dichter und Komponisten, in den Nischen des Ober-
baues allerlei allegorische Figuren, wobei sich das
„Märchen" als Mädchen in Gretchentracht mit Katze
und Spindel sehr gut verträgt mit der nackten Gestalt
der Eitelkeit — Mittelalter, Dornröschenreminiscenzen
und Antike in traulichstem Verein: jedes für sich sehr
schön — aber nebeneinander? Dort stehen denn auch
noch einmal Komödie, Tragödie, ferner Tanz, Wahr-
heit, Ehre, Frohsinn, Volkslied, Sage und Geschichte
sowie Rache — lauter Dinge, die in mehr oder we-
niger Beziehung zum Drama stehen, aber keineswegs
auf das Drama hindeuten, da sie in allen mög-
lichen andern Beziehungen auch vorkommen. Hier
aber müßte überall klar und deutlich die Beziehung
aufs Drama eintreten, um den Zweck des Gebäudes
zu verkünden. An den Langseiten des Daches ziehen
sich Kandelaber hin, deren jeder von drei Genien mit
nach außen gerichteter Vorderseite in göttlicher Nackt-
heit umtanzt wird — sagen können uns diese Genien
weiter nichts. Zudem hat jeder der zahlreichen Kttnstler
einfach und unbekümmert um den Nachbar gearbeitet,
wie es ihm am besten schien, wodurch denn vieles
entstnnden ist, das im einzelnen große Schönheiten
bietet — wie stimmt es aber zusammen?

(Schluß folgt.)

Der Aopist der ^immelfahrt TNAriä von Dürer.

Jn der Kunstlitteratur galt bisher Paul Juvenel
als derKopist des Dürerschcn Bildes: „Die Himmelfahrt
Mariä", welches Jakob Heller aus den St. Thomas--
altar der Dominikanerkirche in Frankfurt a. M. ge-
stistet hatte. Diese Nachricht giebt Sandrart in seincr
Teutschen Acadcmic S. 276 bei Panl Juvenel. Allc
spätern Schriftsteller haben die Angabe einfach repro-
ducirt in gutem Glauben an ihre Richtigkeit, so auch
ich in meincm Anfsatze „Jacob Hcllcr und Albrecht
Dürer" in dem Neujahrsblatt des Vereins für Ge-
schichte und Altertumsknnde zu Frankfurt a. M. 1874.

Nun erschicn in diesen Blättern, Kunst - Chronik,
13. 3ahrg., S. 23, ein Auszug aus einem in dem
königl. Kupferstichkabinet zu Berliu bcfindlichen Fvlio-
bande, welchen Hans Wilh. von Kressenstein angelegt
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