Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz aus Brcmsn.

^lien, Schiedsgericht beurteilt zu werden, gegen dessen
Eviupetenz sich kein begründeter Einspruch erheben läßt.

O. A.

Aorrespondenz.

(Schluß.)

Bremen, Mitte Januar 1881.

Ungleich kleiner als die vorigen sind die übrigen
^andflächen des Treppenhauses, aber fast nicht eine
ohne allegorischen Bilderschinnck geblieben. Von der
Höhe leuchtet hier das Sternbild der Leyer, dort das
^r Krone aus den Beschauer hernieder, das Sieben-
Zestirn, eine liebliche Gruppe von Kindern, die sich alle
blri goldenes Sternlein auf dem Haupte, dem Schleier
^vr Nacht entringen, während cin anderer Kinderreigen
'u zahllosem Gewimmel durch den nächtlichen Azur
hinzieht. Wurde je die Milchstraße lieblicher gebildet?
^enug, wohin wir den Blick nur wenden, überall
guellen nns in verschwenderischer FUlle die himmlischen
^estalten entgegen, und selbst durch den tiefen Schatten,
lvelcher stets die Flächen der Fensterwand unihüllt,
üeß sich Fitger nicht in seinem Schöpferdrange auf--
halten.

Den ganzen mächtigen Fensterbogen umzog er nnt
^ruppen von derben- lebensvollen Puttenfiguren, und
Zlvar je zwei an einem herabhängendcn Seile sich
vmporarbeitend, bald voll Eintracht Hand in Hand
llufstrebend, bald wieder heftig eutzwcit sich balgend
llnd einander die leckere Frucht dicht vor dem Munde
entreißend, bald gar eincr den anderen mit energischem
^ritt in die Tiefe befördernd oder auch selber sallend
^en Nebenmann mit sich hinabreißend — kurz kein Motiv
öeiii anderen gleichend. Ob diese verschiedenen Gruppen
vicht ganz bedeutungslos sind, ob unser Künstler damit
öielleicht humoristischer Weise allerlei ähnliche Vor-
ioinmnisse in der Handelswelt spmbolisiren wollte, mag
^uhin gestellt bleiben. Unsere werte Kaufmannschaft
ll'öge sich dieses letzteren Werkes darum nicht minder
sveuen, ja dem Künstler sogar dafür doppelt dankbar
sein, da er es den übrigen Malereien trvtz des ge-
vingen Entgeltcs für dicselbcu in nobelstcr Wcise als
sl'eies Geschenk hinzufügte.

Fassen wir aber alles noch cinmal zusammen, so
haben wir in diesem wundervollen gold- und farben-
iouchtenden Raum einen Ort, der wie wenige in
'Heulschland gccignet ist, uns in Jtaliens knnstersüllte
^rachtpaläste auS der Zeit seiner Hvchrenaissance zu
^ersetzcn.

Daß gegen solchcn Reichtum der anstoßeude riesige
^örsensaal mit seinem einzigen noch dazu uach der
kolori)tischcu Seite hin sehr schwachem Bilde, vou Pro-

fessor Janßen, jetzt einen doppelt kahlen Eindruck
macht, ist natürlich. Knüpsen wir weitere Hoffnungen
daran!

Ein anderes monumentales Werk der Malerei,
das man bestimmt hat, unseren alten Nathaussaal zu
schmücken, ist gegenwärtig in Düsseldorf im Entstehen
begriffen. Es ist die beim Professor Hünten durch
den Senat bestellte große Darstellung der Schlacht bei
Coignh, in welcher am 2. Dezember 1870 Bremens
Söhne ihre schönsten Lorbeeren erwarben. Zur Auf-
nahme der nötigen Terrainstudien begab sich der
Künstler erst vor kurzem unter Führung des hitsigen
Majors von Poser an Ort und Stelle, und wir sollen,
wie es heißt, am nächsten Jahrestage jener Schlacht
ihre künstlerische Berherrlichung hier zuerst schauen.

Zu den zahlreichen öffentlichen Kunstwerken, welche
als Schenkung von Mitbürgern unsere Stadt zieren,
wird sich abermals bald ein neues gesellen, das gleich-
sam sür den Ehrenplatz bestimmt ist: Seit lange lag
die Jdee in der Luft, den alten Wilhadi-Brunnen,
der jetzt in einer Anschlagsäule versteckt zwischen Dom,
Rathaus und Börse ein unschönes Dasein führt, eine
neue, würdige Gestalt zu geben; es wurde über den
Gedanken viel hin- und hergesprochen, aber der Mann
der That hat sich erst jetzt gefunden. Wir sind leider
nicht ermächtigt, seinen Nanien zu nennen, aber seinen
leitenden Gedanken haben in diesen Tagen bereits die
bedeutendsten Journale Deutschlands in einem Kon-
kurrenzprogramme veröffentlicht. Architekten und Bild-
hauer wurden aufgefordert, Entwiirfe einzureichen;
ein Preisgericht, bestehend aus heimischen und aus-
wärtigen Fachmännern, wird aus dem Eingesandten
das Schönste auswählen, und es steht zu hoffen, daß in
der deutschen Künstlerschaft ein lebendiger Wettstreit
entbrennen wird um die Ehre, diesen denkwürdigen
Platz, den man als den Ort der allerersten Ansiedelung
betrachtet, mit einem Werke zu schmückett. Leitet einer-
seits der Name Wilhadi-Brunnen, die Nkachbarschaft
des Dvmes, die Sage, daß der heilige Willehadus eben
hier zuerst das Christentum der damaligen nur auS
Fischern besteheuden Bevölkerung gepredigt habe, auf
Bezüge zur Kirche hin, so führt anderseits das Rat-
haus mit seinem herrlichen Renaissanceschmuck zur
Darstellung bürgerlicher Jdeen; drittens endlich deutet
die Börse auf den internationalen Gedanken des Welt-
handels. Je nach seiner subjektiven Neigung wird der
Künstler sich von der einen oder anderen dieser drei
Sphären angezogen fühlen, und die Konkurrenz dürfte
leicht zu den interessantesten gchören. Wir werden
nicht verfehlcn, seincrzeit die eingegangcnen Entwürse
eingehend zu besprechen; heute wollen wir uns darauf
beschränkeu, dem Schenker des Kunstwerkes zu danken,
und wir glaubeu nicht anmaßlich zn scheincn, wenn
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