Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Ein hessisches

fleißig gearbeitete Katalog weist aus, daß auf den etwa
900 Bildern der Ausstellung gegen 300 Mitglieder herr-
schender Fannlien dargestellt sind, begreiflicherweise die
große Mehrzahl dem vsterreichischen Kaiserhause an-
gehörig, dessen Sammlungen dem Komite zur Ver-
fügung standen. Die österreichische, ungarische, polnische
und englische Aristokratie stellte ein sehr ansehnliches
Kontingent, während aus Deutschland uud Rußland
nur vereinzelte Bilder vorliegen, andere Länder aber
gar nicht vertreten sind. DerVollstLndigkeit wegen ist zu-
nächst die Sammlung von Musikerporträts zu erwähnen,
welche in großer Anzahl ausgestellt sind, darunter ein-
zelne vortreffliche Leistungen; die Gelehrtenwelt ist sehr
unvollständig vertreten; es sind beispielsweise die großen
deutschen Philosophen von Leibnitz bis auf Schopen-
hauer so gut wie gar nicht da, obgleich dieselben
gerade in der auf der Ausstellung dargestellten Zeit
(1680—1840) die Hauptträger deutschen Geisteslebens
waren; daß Schiller und Goethe, Körner und die
jüngere Generation der deutschen Dichter auf der Aus-
stellung fehlen, erscheiut daneben, bei der weiten Ver-
breitung ihrer Bilder, als eine verzeihliche Außeracht-
lassung. Die österreichische Diplomatie ist mit schönen
Porträts ihrer wichtigsten Repräsentanten vorhanden;
von französischen Politikern und Staatsmännern trafen
wir außer Robespierre nur wenige untergeordnete,
während von den großen Engländern, welche gerade
in diesem Zeitraum ganz gewaltig in die Geschicke
Europas eingriffeu, keiner im Porträt auf der Aus-
stellung ist. Die Geistlichkeit, der Bürgerstand, die Schau-
spieler und Dichter sind spärlich, die bildenden Künstler
ziemlich vollständig, letztere meist in Selbstporträts
vertreten; trotzdem vermissen wir auch da die Porträts
eines Cornelius, Carstens, Genelli u. v. a.

Sehen wir ab von den dargestellten Persönlich-
keiten und sehen die Bilder nur von der künstlerischen,
formalen Seite an, so finden wir, wie eingangs er-
wähnt, vornehmlich die österreichische Kunst, besonders
des vorigen Jahrhunderts, wie wir sie auf der aka-
demischen Ausstellung im Jahre 1877 kennen lernten,
in großer Vollständigkeit ausgestellt. Jn dieser Hinsicht
bietet die historische Porträtausstellung nichts Neues.
Jnteressant ist es, daß man die französische Kunst, wenn
auch nur in wenigen Epemplaren an der Seite ihres
Ablegers vergleichsweise betrachten kann, bedauerlich, daß
die gleichzeitige italienische Kunst, deren Einfluß ja
immer noch ein sehr großer war, nicht ebenfalls reich-
lichsr und würdiger dargestellt ist. Die deutsche Knnst
ist dnrch die markigen Leistungen eines der Hauptver-
treter der neueren, befreienden Schule, Schnorrs näm-
li ch sehr würdig repräsentirt, und es ist eine wahre
Erguickung, gerade am Schlusse der Ausstellung das
Ange wieder an diesen vom Geiste der alten Meister

Dcnkmälerwerk.

umwehten Zeichnungen laben zu können. Denselben
gleichzustellen sind die wenigen Arbeiten des früh ver-
storbenen Schesfer von Leonhardshoff. Jm ganzen
wäre neben der Breite, mit der man die Kunst der Ver-
fallszeit behandelte, eine bessere und deutlichere Be-
tonung der Wiedergeburt der Kunst am Platze gewesen.

Jndem wir es uns vorbehalten, in einem nächsten
Aufsatze einzelne hervorragende Bilder der Ausstellung
zu besprechen, können wir schon diesmal sagen: dieselbe
ist interessant, anregend, verdienstlich; aber an der That-
sache, daß die Barockzeit eine Periode tiefsten Kunstverfalls
war, kann sie nichts ändern. Die vortrefflichen Porträts
eines Kupeczky, Müller, van Schuppen, die guten eines
Meytens beweisen eben nichts mehr als die sattsam
bekannte und anerkannte Thatsache, daß die Kunst des
Porträtirens auch in Verfallszeiten sich auf einer relativ
achtenswerten Höhe zu erhalten Pflegt. Auf diesew
Gebiete ist es der Kontakt mit der Natur, der die
Kunst vor dem tiefsten Falle bewahrt, wenn ihr auch
aller Ernst und idealer Schwung abhanden gekommen
ist. Wie sehr übrigens auch das Porträtfach verwildern
kann, zeigt das technisch vollendete und schön gemalte
Bildnis Rakoczy's von Kupeczky (Nr. 11), der in dem
Augenblick dargestellt ist, da er wutschäumend den
Säbel zieht. Grimmig blickt der Dargestellte aus dem
Bilde heraus, als wolle er jeden niederhauen, der ihm
die Ehre anthut, sein gemeines, ungewaschenes Gesicht
anzusehen. Meytens, der höfische Maler geschminkter
Schönheiten, stellt Tökely (Nr. 276) in derselben
Stellung dar, mildert aber den Ausdruck zu einem
süßen Lächeln, das zu der drohenden Stellung so komisch
paßt, daß man unwillkürlich an den Operettenhelden
erinnert wird, der im entscheidenden Augenblick einen
Fuchsschwanz statt des Schwertes aus der Scheide zieht.

Roheit und zuckersüße Übertünchung derselben,
Gemeinheit und theatralische Geschraubtheit charak-
terisiren bei aller technischen Virtuosität auch die Por-
trätkunst der Zopfzeit. Porträts wie das prächtige von
Roslin sind so seltene Ausnahmen, daß der Künstler,
selbst darob erstaunt, auf sein Bild schrieb: „Hn äss
ouvruAss gu'il u luit .... 1s oouruut cks Is. vis
uvss ls plus ä'uKrsiusuts st gu'il vroit uu äss
moius koiblss gu'il a äu lllirs."

I. Krsnjavi.

Ein hessisches Denkmälerwerk.

Z. Allgemein anerkannt ist als geschichtliche That-
sache, daß die Lande am Rhein, und nicht zum min-
desten am Mittelrhein, die Wurzelstätte der bildenden
Kunst in Deutschland sind. Hier hat die niedergehende
Kunst derRömer die erstehende frühchristlich-germanische
Kunst bedingt, worauf, nach dem Wogen der Völker-
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