Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

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Gemäuers fesselte, stellte Karl Mosers Nußbaum-
gruppe die Üppigkeit der Pflanzenwelt auf den Hügel-
geländen an der Etsch zur Schau, hielteu Thomas'
Dachstein, E. v. Wörndle's Stuybenfall bei Reutte,
Ötzthal, Gardasee, Duper Ferner, Pertisau durch
goldene Töue des Sonnenlichtes, Verklärung der Natur
vder großartige Züge der Wirklichkeit den Blick ge-
fangen, und Unterbergers Monte Cristallo mit dem ^
beschatteten Dürrensee gab trotz der grellen Beleuch- I
tung des Vordergrundes und dem matten Blau des ^
Abendhimmels von der Scenerie des Hochgebirges ein ^
wirkungsvolles Bild. Hirten, Schmuggler, Mönche,
Eremiten, Dichter, Wilderer, Erzähler, Frauen aus
dem Zillerthal, von Montafon und dem Bregenzer
Walde bezeichneten die Mannigfaltigkeit der Aufgaben, j
in deren Lösung neben Meisterhändeu manche unge- ^
übte Kraft, mauches keimende Talent nach Anerkennung
gerungen.

Durch die Thür der Aula trat man in den letzten
Bildersaal, der neben Porträts und Gemälden reli-
giösen Jnhalts Defreggers Hoferbild umschloß.
Wenige Bildnisse aus dem Beginn seiner künstlerischen
Laufbahn hatten Anlaß zur Rückschau auf den Bil-
dungsgang dieses hochbegabten Tirolers geboteu, der
sast in jedem neuen Werke dem Vaterlande ehrenvolle
Huldigung bringt. Ohne bei den Einzelfiguren des
bekannten Gemäldes zu verweilen, das den Helden des
Tiroler Volkes mit seinen Getreuen in der Hofburg zu
Jnnsbruck zeigt, sei uur der Hinweis auf die Charak-
teristik in den Köpfen der bäurischen Genossen ge-
stattet, welche in rhythmischer Gruppirung bis zu dem
beschatteten Passeirer an der offenen Pforte den Sand-
wirt umgeben und mit jener ernsten Ruhe, welche die
Söhne des Felsenbodens unter allem Wechsel des Ge-
schickes bewahren, aus die Wirkung der kaiserlichen
Botschaft in dem Gemüte des überlegenden, mißtrauisch
zögernden Führers harren. Wohlthuend dämpfen sich
die Farben von der Mittelgruppe nach den Seiten,
treten die Zuschauer vor den markigen Gestalten der
Hauptpersonen in den beschatteten Hintergrund; Tracht
und Haltung künden den Bauersmann, aber die ge-
bräunten Gesichter mit den individualisirten Zügen
offenbaren geistigen Adel, Selbstgefühl und Kraft. So
lichtvoll sind die Köpfe von dem dunkeln Braun des
Hintergrundes abgehoben, so wirksam die Schatten ver-
tieft, daß jede Einzelgestalt in plastischer Begrenzung zu
vorteilhafter Geltung kommt. Wenn Hofers Tafel-
runde nicht durch die Tragik seines Todesganges er-
greift und nicht den Gluthauch der Begeisterung im
letzten Aufgebot und Siegeszuge der Tiroler atmet,
so gehören die Gestalten in der Hofburg doch zu den
besten Schöpfungen des Meisters, der das Volksleben
mit unübertrosfener Wahrheit zu zeichnen weiß.

Durfte der Jnnsbrucker Ausstellung weder erfreu-
liche Anregung aus das Kunstgewerbe, noch Schärfung
des Urteils für die Wertschätzung des Geleisteten abge-
sprochen werden, so hatte sie doch durch ungleiche Ver-
teilung des Stoffes die Übersicht erschwert. Wie
glänzend das Gesamtbild der tiroler Kunst sich vor dem
Auge entrollte, ihm fehlte der Glorienschein namhafter
alter Meister, und die Schatten miuder bedeutsamer
Erzeugnisse trübten des Beschauers Blick. Da ferner
keine photographischen Nachbildungen wichtiger Stücke
aufgenommen wurden, um spätere Vergleichung zu er-
leichtern, so bleibt der Gewinn des Unternehmens für
die Geschichte der vaterländischen Kunst mindestens
zweifelhaft. G. Dahlke.

Aunstiitteratur.

A. t>. Wurzbach, Die sranzösischen Malcr des
achtzehnteu Jahrhunderts. Stuttgart, Verlag
von P. Neff. Mit 60 Bildern iu Lichtdruck. Fol.

Zwar ist die Kunst nur Eine und immer wird sie
denselben Zweck haben: eine edle lebensvolle Jdee in
ein schönes Gewand zu hüllen. Dennoch ist sie zu-
gleich eine Tochter der Zeit und des Landes, in der
sie geboren wird, und trägt den Stempel beider an sich.
Mag der Künstler auch noch so originell sein, er ist
doch von seiner Umgebung beeinflußt, sowohl in der
Wahl des Stoffes als auch in der Durchführung der
Fvrm. Wäre Raffael in einem anderen Lande als
Jtalien und zu einer anderen Zeit geboren, und wäre
ihm nicht absolut die Gelegenheit entzogen gewesen,
zum Bewußtsein seiner Künstlernatur zu gelangen, er
wäre zu derselben Kunsthöhe emporgestiegen, wo er
jetzt thront, — aber das Repertoire seines Schaffens
und auch der äußere Habitus desselben hätte sich ge-
wiß ganz anders gestaltet. Daraus folgt, daß man
aus den Kunstschöpfungen auf die Zeit und deren
Charakter zurückschließen kann, in der sie entstanden
sind. Dies gilt selbst für jene Zeit, in welcher Nieder-
länder und französische Akademiker, anstatt selbständig
zu schaffen, nach Jtalien pilgerten, um von dort italie-
nische Kunst nach Hause zu Lringen; es beweist, daß
der Boden, dem sie entstammten, steril war -- wie
ihr Geist; denn die ersten Meister ließen sie kalt, und
sie holten sich ihre Kunst von Meistern dritten, vierten
Ranges und verfielen dem Mänierismus. Diesen
Eklektikern gegenüber muß die selbständig aus sich schaf-
fende Kunst, selbst wenn sie, durch den iu der Gesell-
schaft herrschenden Tou irregeführt, auf Abwege gerät,
immer im Vorteil bleiben.

Nirgends zeigt sich diese Wahrheit glänzender als
bei den Franzosen des verflosseuen Jahrhunderts. Ein
echtes Kind ihrer Zeit, mit allem übersprudelnden Witz,
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