Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die neueste Erwerbung der Berliner Galerie,

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Werner wohl erreicht, wenngleich er einzelne Personen,
wie z, B. die Hauptperson, den Fürsten von Bismarck,
sehr unedel dargcstellt, andere wie z. B. Lord Beacons-
sield fast bis zur Karikatur chargirt hat. Aber jene
höhere Art der Porträtmalerei, die einen scharfblickenden
Pspchologen, einen feinen Seelenkenner voraussetzt und
die eine geistige Belebung der Züge erfordert, ist A. v.
Werner ganz sremd. So ist auch das Kongreßbild
wenig mehr als eine tüchtig und korrekt gemalte Jllu-
stration einer Ceremonie geworden, deren welthistorische
Bedeutung man in den Büchern der Geschichte nach-
lesen muß. Hinter dem Gemälde der Kaiserprokla-
mation in Versailles steht es schon deshalb bedcutend
zurück, weil ihm die Lebendigkeit der Aktion fehlt. —
Der Maler hat übrigens eine Erläuterungstafel für
sein Bild gezeichnet, welche außer den Porträts der
Dargestellten ihre Namen enthält, die von einer alle-
gorischen Umrahmung eingeschlossen ist. Man möchte
behaupten, daß in diesen sinnreichen Allegorien von
Krieg und Frieden mehr Witz und Geist enthalten ist
als in dem großen Bilde. Das hübsch gezeichnete Blatt
ist im Verlage von Paul Bette in Berlin erschienen.
— Der Rahmen des Gemäldes, ein reich mit Em-
blemen versehenes Kunstwerk für sich, ist von dem
bekannten Kunsttischler Max Schulz in Berlin ange-
fertigt.

A. v. Werner ist vom Magistrate auch dazu aus-
ersehen worden, das Treppenhaus des Rathauses, welches
noch seines Wandschmuckes entbehrt, auszumalen. Er hat
die Absicht, auf drei großen Leinwandbildern, die, was
mit dem Geiste des monumentalen Stils im vollsten
Widerspruch steht, in die Wand eingefügt werden
sollen, den Empfang der siegreichen Truppen im Jahre
1871 durch die Berliner Bürgerschaft darzustellen.
Seine Skizzen haben jedoch nicht den Beifall der Stadt-
verordnetenversammlung gefunden, und er sah sich ge-
nötigt neue einzuliefern, über welche die Entscheidung
noch aussteht. Einige Stadtverordneten waren übri-
gens für die in solchen Fällen übliche Konkurrenz
unter einer beschränkten Anzahl Berliner Künstler, in
welcher Absicht sie auch durch eine Petition der Pro-
fessoren Bleibtreu und Burger unterstützt wurden.
Der Oberbürgermeister trat dagegen mit aller Ent-
schiedenheit für A. v. Werner ein, dcm wahrscheinlich
der Auftrag verbleiben wird, obwohl gerade seine mo-
numentalen Malereien in der letzten Zeit wenig Bei-
fall gefunden haben.

Die neueste Lrwerbung der Berliner Galerie.

(„Nextun und Amphitrite" von Rubens.)

Unter dieser Überschrift bringen die „Preußischen
Jahrbücher" einen lehrreichen Aufsatz von W. Bode
über das kürzlich aus der Schönbornschen Sammlung
in die Berliner Galerie übergegangene Bild, welchem
wir — unter Weglassung mancher Wiederholungen
und der gegen die Angriffe der Berliner Tagespresse
gerichteten Polemik — die nachfolgenden Stellen ent-
nehmen:

„Vergegenwärtigen wir uns zunächst kurz den
Gegenstand des Bildes! Auf einer schmalen Landzunge
oder einer Jnsel thront Neptun, durch den Dreizack
in seiner Rechten unzweifelhaft gekennzeichnet. Sein
blaues Gewand hat er über die Schenkel geworfen.
Unter dem Felsen, aus welchem der Gott sitzt, guillt
in breitem Strome Wasser, die Gabe des Neptun,
hervor. Neben ihm zur Rechten steht ein nacktes junges
Weib, welches den rechten Arm um seinen Nacken legt;
ihr leuchtend rotes Gewand, das der Wind zurückge-
weht hat, flattert hinter ihrem Rücken. Ein Triton
ist vor ihr aus dem Wasser aufgetaucht und hebt mit
beiden Händen eine.Riesenmuschel zu ihr empor, aus
deren Jnhalt: Perlen, Korallen, Muscheln, sie mit der
Linken einen Korallenzweig auswählte. Neben dem
Triton ruht in den Fluten, auf ein Krokodil sich lehnend,
eine hellblonde Nereide von üppigen Formen. Ein
kleiner Amor ist beschäftigt, der jungen Göttin ein Perl-
band um den Arm zu legen. Links hinter dieser Gruppe
steht ein Neger mit einer Muschel auf dem Rücken,
aus welcher Wasser strömt; vor demselben sitzend ein
anderer Flußgott, auf seine Urne gestützt. Links am
Ufer ein Löwe, den ein Tiger anfaucht; zuäußerst links
wird ein Nashorn sichtbar; rechts taucht ein Nilpferd
brüllend aus dem Schilfe auf. Jn der Ferne das
Meer; am Strande ein paar Waffervögel, anscheinend
Jbis. Über dem Ganzen ist ein dunkelbraunes Segel
ausgespannt, der Gruppe Schutz vor der Sonne bietend.

. Man Pflegt die jugendliche weikliche Gestalt neben
Neptun gewöhnlich Amphitrite, als die bekannteste seiner
Gattinnen, zu benennen; auf Schmutzers Stich ist sie
als Thetis bezeichnet. Aber mit beiden Benennungen
ist die Umgebung nicht recht zusammenzureimen: das
Nilpferd, das Nashorn, der Löwe, die beiden Jbis,
wohl auch — nach der damaligen Kenntnis — der
Tiger, weisen ebenso sicher auf Afrika wie der als Neger
gebildete Flußgott zweifellos den Niger, der vor ihm
sitzende gebräunte Flußgott sehr wahrscheinlich den Nil
darstellen soll. Nun war Neptun nach einem Mythus,
den uns Apollodor, Nonnos u. a. überliefern mit der
Libye vermählt. Aus sie würde der Ort wie die
Umgebung völlig passen. Auch kann Rubens diesen
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