Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Das Treppenhaus der Hamburger Kunsthalle.

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Zwci kürze Besuche beschränkten Untersuchungen not-
^mdig sein mußten, so haben sie mir doch die Ver-
"'utung nahe genug gelegt, daß diese frühe romanische
^unstpcriode in ihren malerischen Leistungcn wcit bc-
^utender war als dic ihr folgenden, wovon man sich
^'cht überzeugcn kann, wenn man diese einen entschieden
8"oßartigen Stil und den Einfluß der damals noch
^^endigen Traditionen klassischer Kunst zeigenden
Vildep mit den vvr einigen Jahrcn im Refektorium
ehcmaligen Doininikancrklostcrs in Konstanz, jetzigcn
^uselhotel, befindlichen und dem dreizehnten oder vier-
^^)nten Jahrhundert angehörigen Märtyrergeschichtcn
^^gleicht, die einer Periode des rohesten Naturalismus

^ugehören.

Jch möchte jüngeren Kunstforschern einen Besuch
"uf der so intcressanten Jnsel um so dringender em-
l^hlen, als die ganze Gegend um Kvnstanz herum
s'berall reich an Resten der vcrschiedensten Kunstepochen
die noch lange nicht hinreichend gewürdigt sind.
bieten neben dem so reichhaltigen Konstanz selber
steberlingen, Mersburg, Heiligenberg, Salem, Stein a. R.,
^tcbborn, Rudolphzell einen so unübersehbaren Reich-
t»in von hochinteressanten Kunstwcrken in Kirchen,
^uthäusern, Schlössern rc., lvie sie kaum irgend eine
Uudere Gegend in Deutschland in größerer Fülle zu
b'eten haben möchte.

Das Treppenhaus der Hamburger Auusthalle.

Wir lesen im Hamb. Korresp. folgenden, mit
8p. gczcichnetcn Artikcl: „Dcr provisorischc nnd
^usertigc Eindruck, den unsere Kunsthalle in vielen
^eilen — außen wie innen — immer noch macht,
^uß jedem, der sie zum erstenmale besucht, ganz be-
^'nders im Treppcnhansc cntgegentreten, nm so mehr,
dieser Raum in seiner Gcsamtanlage fast über
^^bühr bevorzugt ist. Schon scine architektonische

^liederung giebt sv deutlich seine Bestimmung für
N'onumentale Malerei zn erkennen, daß man wohl
arüber erstaunen könnte, daß dieselbe nicht längst in
^ugriff genommen ist. Aber so lange mnn aus-

Ichließlich große Historienmalerei hierfür im Auge hatte,
m)lte es uns nicht nur an einer geeigneten Kraft,
luudern es mußte außerdem schwer sein, wirklich passende
^dgenstände hierfür ausfindig zu machen. Was an
b'elen anderen Orten das Nächstliegende sein würde:
"u Bild der vaterstädtischen Knnstentwickelung zn geben,
uuntc bei uns, wo fast alle Anhaltspnnkte aus frühercr
sehlen, nicht in Betracht kommen, und zu einer
b'ufasstuden Geschichte der gesamten Kunst oder zu
^gorischen Darstellungen der einzelnen Kunstgattungen
b' bergl. — Aufgaben, an dencn selbst die bedeutendsten

Meister bisher fast inimcr gescheitcrt sind — mochtc
man sich an entscheidender Stelle mit Recht wohl nicht
cntschließen.

So blicbcn die Wände denn schmncklos nnd kahl,
mit der Zeit fing man beinahe an, sich an diesen Ein-
druck der Ode zu gewöhnen, und nur wenn man Ver-
gleiche mit den Museen anderer Städte anstellte, sagte
man sich wohl, daß dieser Raum doch eigentlich mchr
ciner Bahnhofshalle gleiche als dem Mittelpunkt eines
„Tcmpels dcr Knnst."

Es ist das große Verdienst des Vereins von
Kunstfreunden von 1870, welchcm unsere Galerie
schon so manches ihrer besten Bilder verdankt, jetzt in
dieser Sache die Jnitiative ergriffen zu haben und
zwar in ciner Weise, welche für den ersten Augenblick
vielleicht etwas Überraschendes haben mag, aber doch
gewiß sehr bald die Beistimmung aller Kunstfreunde
finden wird. Abweichend von der üblichen Anschauung,
nach welcher nur die Historienmalerei zur Lösung der-
artiger Aufgaben berufen ist, hat der Verein unseren
LandsniannValentin Ruths mit cinem Chklus land-
schaftlicher Darstellungen hicrfür beanstragt nnd
der Kunsthalle zunächst zwei von den erforderlichen
12 großen Wandbildern zum Geschenk gemacht, welchen
zwei weitere vermutlich im nächsten Jahre nachfolgen
werden; und das bereitwillige Entgegenkommen der
Verwaltung der Kunsthalle läßt hoffcn, daß anf dieser
Grundlage mit der Zeit die gesamte Ansschmückung
des Treppenhauses nachfolgen wird. Seit kurzem
sind nun diese beiden ersten Bilder — beinahe voll-
endet — provisorisch befestigt Ivvrden, und es läßt sich
kaum daran zweifeln, daß dieselbcn in den weitesten
Kreisen den Wunsch erwecken werden, das begonnene
Werk baldmöglichst weitergeführt zu sehen. Auch die
prinzipiellen Bedenken gegen die Anwendung von Land-
schaften an dieser Stelle werden besser und einfachcr
dnrch ihren Anblick widerlegt als durch lange AuScin-
andersetzungen und das Heranziehen ähnlicher Bei-
spiele. Denn selbst wenn es keinerlei Analogien hier-
für gäbe und dies der erste derartige Versuch wäre,
würde er darum von vornherein zu verwerfen sein?
Könnte man nicht sehr wohl geltend machen, daß, wenu
die Historienmalerei für frühere Knnstepochen der aus-
schließlich berechtigte Ausdruck war, doch heute die
Landschaftsmalerei zu einer so großen, durchaus selb-
ständigen Bedeutung erwachscn ist, daß sie für nnsere
Zeit wohl eine ebenbürtige Stellung neben jener be-
ansprnchen darf? — Eines hat sie jedcnfalls vor der
Mehrzahl historischer und mpthvlogisch - allegorischer
Darstellungen voraus: sie spricht unmittelbar zur Em-
pfindung und ist von vornherein ällgemein verständlich,
Während jene meist so viel antiguarische oder philo-
svphische Kenntnissc voraussetzen, daß der eigentlich
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