Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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16. Iahrganc>
Beiträge

die Oerlagshandlung in
keipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

^6. ^)uni

Nr. 36.
Inserate

ct 25 ssf. fnr die drei
Mal gespaltene j)etit-
zeile werden von jeder

1881-

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

bildende Aunst" gratis^ für stch allein bezogen kostet der Iahrgang y" Mark sowolst im Buchhandel als auch bei den deu^chen ^

und österreichischen j)ostanstalten.

Inhalt: Die Arugausstellung im Msterreichischen Museum. — j)rachtwerke deutscher Aunstindustrie. — Aorrespondenz: New-L)ork. — Aunst«
gewerbliche Aonkurrenz in Berlin. — Das Berliner Münzkabinet; Aus Basel. — Lrnst Stückelberg. — Zeitschriften. — Inserate.

Die Arugausstellung iu: Ostcrreichischen Museum.

Ein Kulturhistoriker des siinstcn Jahrtausends
wird vielleicht einmal die Behauptung aufstellen. daß
die „alten Germanen" vom 14. bis zum 18. Jahr-
hundert noch dem Fetischdienste ergeben waren. „Wir
sinden, wird er schreiben, aus dieser Zeit zahlreiche
Objekte aus Thon, Steinzeug. Glas, Porzellan und
Mctall, die so forgfältig, mannigfach und liebevoll
ausgefllhrt sind, daß wir mit Sicherheit annehmen
können, es hier mit Kultusobjekten zu thun zu haben.
Jn ihrer Form weichen sie zwar von der menschlichen
Gcstalt ziemlich stark ab, obwohl wir bei vielen Kvpfe,
Arme, ja selbst Beine antreffen, im übrigen aber zeigen
sie durchweg so entschieden individuellen Charakter,
daß wir diese Dinge unmöglich als bloße Gebrauchs-
gegenstände ansehen können. Es scheint vielmehr, daß
sie, sowohl öffentlich als auch im Hause aufgestellt,
Gegenstände religiöser Verehrung waren. Viele dieser
Götzen sind mit Namen beschrieben, offenbar bestimmte
Haus- und Familiengötter. Jn allen Lagen des Lebens
wurden sie angerufen und in kurzen Sprüchen, welche
auf der Vorderseite des Gottes angebracht sind, fordert
dieser zum Frohsinn, ja selbst znr Ausgelassenheit auf,
spendet Trost, oder spricht zu den Gläubigen Worte
tieser Lebensweisheit".

Ein solcher Jrrtum ist keineswegs ausgeschlossen,
wenn die germanische Nation cinst von der Erde ver-
schwunden sein wird. Denn dann lebt kein Volk mehr,
das siir die Poesie des Trunkes das rechte und wahre
Verständnis hat, das in einem kräftigen Schluck die
beste Waffe gegen alles Ungemach des Lebens findet.

Daß das köstliche Naß sich auch in köstlichen Gefäßen
präsentire, ist eine notwendige Folge dieser Schwärmerei.
Jn welcher Weise aber sllr solchen Zweck die glück-
lichsten Formen gefunden wurden, ist charakteristisch
fiir den Geist der dentschen Kunst, ihre unerschöpfliche
Phantasie und Getvandtheit. Die Schonheit allein
kann bei uns eincm Kunstwerk nie zn größercr Popu-
larität verhelsen, es muß, und sei es selbst auf Kosten
der Schönheit, auch sinnig, bedeutungsvoll und reich
an mannigfaltigen Beziehungen sein. Gilt dies von
der hohen Kunst, so ist es im Kunstgewerbe noch viel
mehr der Fall. Die reine Frende am Schönen um
seiner selbst willen, wie sie etwa der Jtaliener em-
psindet, ist dem Durchschnittsmenschen in Deutschland
fremd.

Diese Prinzipien, auf das liebste Hausgerät an-
gewendet, mußten in den verschiedenen Gegenden
Deutschlands im Verlaufe mehrerer Jahrhunderte einen
Reichtum der Produktion hervorbringen, dessen Übcr-
blick für uns Epigonen ebenso lehrreich wie lustig und
gcmeinverständlich ist. Jn der That hat mit dcm
Aufschwnnge der moderncn Knnstindnstrie kaum irgend
cin Produkt so schncll wieder Anklang nnd Berbrcitnng
gefunden wie die „altdeutschen" Krllge. Man nimmt
in unseren Tagen allcrdings oft mit recht schlimm
geratenem Zeuge vorlieb; desto wohlthuendcr ist cs, sich
cinmal in einer großen Sammlung alter Krüge von
dcn Eindrllcken unscrcr keramischen Magazine zu crholcn.

Da steht das hartc nnverwüstliche Gcschlecht der
Steinzeugkriige vom Nicdcrrhein. Von Mainz bis
Köln, vereinigt in vier große Töpsergilden, Leteiligten
sich einst zahlreiche Orte an dieser Jndnstrie. Da
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