Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Ein Mttnchener Bürgershaus.

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Weise den Geschmack des Publikums wie der Hand-
werker zu bilden, und die vorhandenen Lehrinstitute cnt-
sprechend zn organisiren und zu ergänzen. Jn beiderlei
Richtung sind im Laufe der letzten Jahre erfrculiche
Fortschritte gemacht worden, so daß also die früher von
uns gegebenen Anregungen nicht erfolglos geblieben sind.
Die knnstgewerblichen Produkte friiherer Zeit, welche
seither im alten Museum wegen Raummangels eine
meist sehr ungünstige Aufstellung hatten, sinden sich
jetzt in schöner Anordnung im Erdgeschoß des neuen
Galeriegebäudes. Auch in der hiesigen Gewerbehalle
sollen die auf Hebung der Kunstindustrie gerichteten
Bestrebungen Berücksichtigung finden. Was die Lehr-
institute betrifft, so fehlt es hier zwar an eigentlichen
Fachschulen für cinzelne Zweige des Kunsthandwerks,
was unter anderen in Beziehung anf Thonwaren-
industrie sehr zu beklagen ist, dagegen ist für den Zeichen-
unterricht an der gewerblichen Zeichenschule svwohl
als auch an der königl. Akademie der bildenden Künste
hinlänglich gesorgt. An ersterer Anstalt wird auch an-
gehenden Kunsthandwerkcrn Unterricht im Modelliren
erteilt. Bei den Zeichenübungen der Elementarklasse
nnd des Antikensaals der königl. Akademie finden jetzt
auch die Bedürfnisse solcher Schüler tunlichst Berück-
sichtigung, welche es vorziehen möchten, nach Absol-
virung des Antikensaals sich zu Zeichnern und Mo-
delleuren fiir das Kunstgewerbe, statt zu Malern und
Bildhauern, weiter auszubilden. Es verdient Aner-
kennung, daß auch dieses Jnstitut, dessen eigentliche
Aufgaben nnd Ziele auf dem Gebiete der höheren Knnst
liegen und das, wie erst unlängst die Ausstellung der
Schülerarbeiten zeigte, die ersreulichsten Fortschritte in
neuerer Zeit gemacht hat, auch nach jener Seite hin
Anregung und damit zugleich seiner eigenen Wirksamkeit
breitere Grundlagen zu geben sucht.

G. Wtttmcr.

<Lin Atünchener Bürgershaus.

Ob die gemalte Architektur an den Fronten der
sogen. Herzog-Maxburg aus der Zeit Wilhelms V. her-
rührt, oder, was wahrscheinlicher ist, aus einer späteren,
ist eine noch offene Frage. Das aber steht fest, daß
sowohl unter dem genannten Herzoge als auch unter
seinem Sohne und Nachfolger, Kurfürst Maximilian I.,
wenigstens dieBürgershäuser, während sie allwählich ihre
gotischen Giebel verloren, mit Frescobildern religiösen
und geschichtlichen Jnhalts bemalt wurden. Diese
Sittc, über einen großen Teil Süddeutschlands ver-
breitet, reicht in sehr frühe Zeiten zurück und ist mit
dem auch bei kirchlichen und weltlichen Festzügen sich
bethätigenden Farben- und Formcnsinn der Bapern,
-riroler nnd anderer süddeutscher Volksstämme vcr-

wachsen, somit volkstümlich und geschichtlich berechtigt.
So erzählt Sandrart in seiner „Teutschen Malerakade-
mie" mit großerBewunderung von Christoph Schwarz,
daß er die Fronten mehrerer Bürgershäuser in München
mit Frescobildern bemalt habe, und nennt sie so vollen-
deter Art, „daß in Deutschland und Jtalien niemals
etwas Schöneres und Ruhmwürdigeres gemalt, jeman-
den zu Gesicht gekommen". Die schöne Sitte erhielt
sich bis weit ins achtzehnte Jahrhundert hinein: die
älteren von uns wissen sich noch an mehr denn vierzig
Häuser zu erinnern, die mehr oder minder reichen
Bilderschmuck aufzuweisen hatten. Jetzt sind sie bis auf
wenige verschwunden, mit Nichten aber der Farben-
und Formenstnn des Volkes. Ein Beweis dafür ist die
rege Teilnahme, die sich in allen Schichten desselben
für den Bilderschmuck kund giebt, mit welchem erst der
Gasthofbesitzer Degenkvlb und nun der Dekorations-
maler Josef Wagner ihre Wohnhäuser ausstatteten.
Das Haus des letzteren an der Perusa- uud Theatiner-
straße erhebt sich auf einem einst vom Pütrich-Frauen-
kloster zum h. Christof überbauten Areal. Daran
nun knüpft die in deu reichen Stilformen der deutschen
Spätrenaissance gehaltene Dekoration der kürzlich ent-
hüllten Südfronte an. Sie hat vor der des Hotel
Bellevue zwei Momente voraus: Einheit des künst-
lerischen Gedankens und klare organische Entwickelung
desselben durch alle Stockwerkc Les Hanses. Jedes
architektonische und ornamentale Moment geht aus
dem Ganzen mit innerer NotwendigkeH hcrvor, und
nirgends Legegnen wir einem Zufälligen oder gar Will-
kürlichen. Derselbe Organismus tritt in der Einftigung
der figürlichen Darstellungen und eines Architektur-
bildes in das Ganze zu Tage. Es sind das die Gestalten
der h. Maria und des h. Christof, beide mit dem
Christkind, die Büste Ludwigs des Strengen, der die
Klosterstiftung bestätigte, des älteren Ludwig Pütrich,
der sie als der erste seines Geschlechtes bercicherte, der
ersten Oberin nach erfolgter Regulirung, Agnes Kiener
von Rain, die Dotation durch die Pütriche und die
Ansicht des Klosters im Jahre 1721. Dic Madonna
und der h. Christof dürsen geradezu als rnustergiltig
bezeichnet werden. Und obwohl kaum eine der Formen,
welche die Spätrenaissance schuf, unbenutzt blieb, Säulen,
Obelisken, Genien, Früchte und Blumen, Vasen, Kar-
tn',' -d Draperien in bunter Reihe wechseln, so
leil, rter die Übersichtlichkeit des Aufbaues in
eine M-nU- und zwei Nebengruppen nirgcnds. Auch
vvn den stilgemäßen Schrifttafeln hat Wagner einen
sachgemäßen Gebrauch gemacht und namentlich darin
größere Mäßigung bewiesen als Schraudolph am Hotel
Bellevue. Rechnet man zu diesem Vorzuge noch einen
warmen Gesamtton voll Ernst und Harinonie, so kann
man wohl mit Recht sagen, daß Miinchen durch die
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