Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Em neuer Kupferstich.

ihm befreundeten Jnhaber aus- und eingegangen, bis
auf ganz geringfügige Farbenspuren zerstört seien, keine
einzige Figur, fa kein Kopf auch nur halbwegs erhalten
sei, was nicht zu verwundern, da das Zimmer unter
den letzten drei Jnhabern abwechselnd als Waschraum
und Rumpelkammer (ripostiAiio) gedient habe und
gegenwärtig, wo es auch ihm unzugänglich, in ähn-
licher Weise verwendet werde. So bieten uns denn
zur Beurteilung dieser Kompositionen, von denen vier
(die Geburt der Venus, Venus und Amor auf Del-
Phmen reitend, die verwundete Venus und Amor, Venus
als Dornauszieherin) höchst wahrscheinlich auf raffae-
lische Entwürfe zurückgehen, nur Kupferstiche einen
Anhalt, da sich die Kopien in der Villa Palatina seit
Jahrzehnten der Besichtigung entziehen. Daß aber die
„ä)ag- und Nachtstunden" in dem kleinen Raume, in
dem sowohl die Wände als auch die Decke von anderen
Darstellungen vollständig ausgefüllt waren, sich nicht
befanden und nicht befinden konnten, ist aus Paffa-
vants Beschreibung klar ersichtlich, und es wäre nach-
gerade wohl an der Zeit, wenn schon die Bezeichnung
„Raffaels Tag- und Nachtstunden" nach wie vor sich
in Gebrauch erhalten wird, wenigstens den Batikan
als Herberge dieser problematischen Kompositionen fallen
zu laffen.

Paul Schönftld.

Lin neuer Aupferstich.

Ein neuer Stich von Friedrich Weber ist nicht
nur für das Vaterland des Meisters, sondern weit über
die Grenzen desselben hinaus eine willkommene Gabe;
denn längst haben Webers Werke im Auslande die
ihnen gebührende Anerkennung gefunden. Besonders
in Frankreich, wo Weber als Schüler Oberthürs und
Forsters seine Studienjahre verlebte. (Vgl. Vapereau's
Oiotionnniro äos oontowporains von 1870, S. 1845—
1846.) Schon 1847 ward der Künstler im Pariser
Salon durch eine Medaille ausgezeichnet, und seitdem
brachte ihm jedes folgende Jahrzehnt neue Lorbeeren.
Wir finden seinen Namen unter den Preisgekrönten
von 1859 und 1863 und unter den Preisgekrönten
der letzten Pariser Weltausstellung von 1878. Aber
auch in Deutschland hat Webers Namen einen guten
Klang, 1874 z. B. wurde er zum Mitgliede der Ber-
liner Akademie ernannt. Ein flüchtiger Blick auf das
Werk des Baseler Kupferstechers genügt, um einzusehen,
daß die vielen Auszeichnungen, die ihm zu teil geworden,
durchaus gerecht und wohlverdient sind. Es wird in
der That wenige Stecher geben, die sich wie er in die
Werke der alten Jtaliener und Deutschen eingelebt
haben. Blätter wie Raffaels ViorAS uu linAs, wie

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Tizians „Himmlische und irdische Liebe", Blätter wie die
sogenannte Violanta des Bordone, wie Holbeins Lais
Corinthiaca und die Bella Visconti aus der Samm-
lung Rothpletz befinden sich in den Händen aller derer,
welche Sinn haben für die Feinheiten der Grabstichel-
arbeit.

Das Blatt, dem diese Zeilen gewidmet sind, hat
im Gegensatz zu den meisten bisherigen Arbeiten Webers
mehr ein lokales Jnteresse. Es führt uns die Züge
des für die Entwickelung des schweizerischen Heerwesens
leider zu früh gestorbenen Oberst Siegfried vor.
Hermann Siegfried war der Leiter der kartographischen
Arbeiten des eidgenössischen topographischen Büreau
und der Chef des eidgenössischen Stabsbüreau; seine
Leistungen kommen nicht nur der Militärwissenschaft,
sondern jedem Gebildeten zu gute. Es war deshalb
ein glücklicher Gedanke von seiten der Stabsoffiziere,
den vielen Freunden und Verehrern Siegfrieds das
wohlgelungene Porträt desselben als Andenken darzu-
bieten. Um das Charakteristische im Kopfe seines
Modells zum vollen Ausdruck zu bringen, hat Weber
die ou tuos-Stellung gewählt. Der Soldat, ein
rüstiger Sechziger, steht im Waffenrocke vor uns, un-
entwegt geradeaus blickend. Sein Haupt, aus dessen
Zügen Energie und Strenge sprechen, wird von dichten
weißen Haaren und einem kräftigen Vollbart umrahmt;
das Mißmutige und Ernste seines Blickes erscheint durch
die Brille, welche er trägt, etwas gemildert. Der
Witlensstärke des Militärs stand die hohe Jntelligenz
des Bürgers zur Seite, auch diese spiegelt sich in
Webers Stich klar wieder. Die tcchnische Ausführnng
des Blattes läßt nichts zu wünschen übrig, die Behand-
lung des Waffenrockes zeugt von Geschick, die des
Haares vvn großer Virtuofität. Den Preis des Blattes
hat die Dalpsche Buchhandlung in Bern fllr die Aus-
gabe nvnnt la Isttrs auf zwanzig Franken und für
die Ausgabe mit der Schrift auf sechs Franken fest-
gesetzt.

Wir wollen schließlich den Lesern dieser Zeilen noch
die Mitteilung machen, daß Weber im Auftrage des
schweizerischen Kunstvereins damit beschäftigt ist, Luini's
Madonna au trois rosos in der Brera zu stechen.
Möge es dem tüchtigen Künstler, der nun schon hoch
in den Sechzigern steht, vergönnt sein, seinem reich-
haltigen Werke noch mehr als ein neues Blatt hinzu-
zufügen!

Zürich, den 19. März 1881. Carl Brun.
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