Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Nekrologe.

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^nd das komischc Drama repräscntircn. Hier wäre
unseres Erachtens die Stelle gewesen, ivo wenigstens
der einen Seite Schiller seinen Platz hätte sinden
^uissen, der größte deutsche dramatische Dichter, wäh-
^nd auf der andern Seite etwa Kleists „Zerbrochener
^rug", das echt komische Wcrk des andern deutschen
Dichters von wahrhaft dramatischer Kraft eine ent-
sprechende Vertretung der Komödie dargeboten hätte,
^tatt deffen sehen wir beidesmal Shakespeare ver-
treten, den wir freilich kaum als einen Fremden anzu-
sehen brauchen; immerhin aber hätte den deutschen
Dichtern hier der Vorrang gebührt. Einerseits sehen
tvir jetzt Lear mit der toten Tochter auf dem Arme,
anderseits Malvoliv mit den kreuzweise gebnndenen
Kniebändern, eine Komposition, die in Bezug auf
Humor und Feinheit der Auffassung an des Meisters
schönes Werk in der Nativnalgalerie in Berlin keines-
Wegs heranreicht. Damit wir aber ja nicht vergeffen,
baß wir uns in eincm der Pocsie überhanpt geweihtcn
Ranme befinden, fchweben an den Gewölbekappen in
sechseckigen Feldern, grau auf rotbraunen Grnnd ge-
malt, Apollo mit den Musen, höchst gefällig ansgefaßt,
aber hier so wenig wie bereits mehreremale einen
birekten Bezug znm Drania bietend. Dieser ist viel-
Mehr mit Vorliebe den Masken überlaffen, die sich
hier und allerorten finden, wo nur der Blick hin-
fällt, allerdings die einfachste, aber auf die Dauer auch
langweiligste Symbolisirung des Dramas. Fügen wir
noch hinzu, daß im Treppenhause am Eingange zu den
Sperrsitzen die „Deklamation" und der „Gesang" in
Bronze stehen, daß die Stirnwand des Prosceniums
mit zwei Reliefs, Prometheus, der den Menschen bildet,
und Dionysos als Schöpfer der Komödie (nur dieser?!)^
geschmückt ist, so möchte unser Umblick über den bild-
nerischen Schmuck vollendet sein. Von den Lünetten-
bildern der Säulengalerien, gemalten Reliefs, welche
von nackten männlichen Figuren gehalten werden, wollen
wir diesen letztern zuliebe nicht reden: diese erstreben
erfolgreich das schlimmste Ziel der Malerei — die
Täuschung, welche dic Bildlichkeit möglichst in Ver-
gessenheit bringcn und den Schein der vollen, auf die
umrahmende Architektur Schatten werfenden Körper-
lichkeiten erreichen will. Sie stehen damit in seltsamem
Kontrast zu der Gewölbedekoration der Säulengalerien,
bie in gefälligen leichten Formen aus hellem Grunde
Zierliche Ornamente dcr italienischen Renaissance geben
— nnr schade, daß sich dabei drei Kompositionen
schnblonenmäßig wiederholen, und innerhalb jedes Ge-
wölbes je zwei Gewölbkappen wiederum untereinander
übereinstimmen, so daß sie für eine genauere Betrach-
tung wenig Reiz bieten. Auch sonst findet sich in den
Ornamenten, deren eingehendere Betrachtung hier zu
weit führen würde, manches Seltsame; so, wenn in den

Nebenräumen des Foyers die schöne italienische Re-
naissance der Thüren mit den derben Fvrmen der
deutschen Renaissance in den darüber befindlichen Lü-
netten hart zusammenstößt — sie rühren eben wieder
von verschiedenen Künstlern her, dcren jeder seine eignen
Wege gegangen ist.

Und damit kommen wir auf den vorwiegenden
Eindruck zurück, auf welchcn immer und immer wieder
die Betrachtung hinführt, je mehr sie das überaus
prächtige Ensemble in das Detail Verfvlgt und es nicht
auf die momentane Wirlüng hin betrachtet, sondern
den der Gesamtschöpfung zu Grunde liegenden Plan zu
erkenncn sucht. Da muß man denn bedauern, daß dem
einen einheitlichcn Gcist aussprcchendcn und cinen be-
deutenden Schöpfer verkündenden Gebäude nicht ein
ebensvlchcr Geist in der Ausschniücknng entspricht, daß
diese als Ganzes betrachtet widerspruchsvoll und plan-
los erscheint, so sehr auch Schöpfungen einzelner Mit-
arbeiter sich über das Alltägliche erheben, als selb-
ständige Werke betrachtet von tüchtiger künstlerischer
Aufsassung und Ausführung Zeugnis ablegen und da-
durch eine Bedeutung haben, die im einzelnen zu ver-
solgen dem Freunde der Kunst immer aufs neue Freude
gewähren wird.

V. V.

Nekrologe.

8. Otto Fikentscher, Schlachtenmaler und Jllustrations-
zeichner, starb nach langen Leiden am k2. November 1880
in Düsseldorf. Er ivnrde geboren in Aachen dsn 28. Fe-
bruar 183t und begann seine künstlerischen Studien auf
der Düsseldorfer Akademie unter Theodor Hildebrand, lebte
später, ausschließlich mit Jllustrationen beschäftigt, mehrere
Jahre in Stuttgart, dann in München und kehrte schließlich
nach Düsseldorf zurück. Er war außerordentlich begabt,
wußte aber leider sein Talent nicht zur genügenden Durch-
bildung zu bringen. Seine höchst lebendig komponirten
Schlachtenbilder litten unter einer mangelhaften Technik und
wirkungslosen Farbe. Besser waren seine Jllustrationen,
teils Scenen aus den BefreiungSkriegen und den Feldzügen
in Schleswig-Holstein, Böhmen und Frankreich, teils humo-
ristische Episoden aus dem Soldatenleben in Krieg und
Frieden darstellend. Er lieferte deren„eine große Zahl für
die Leipziger Jllustrirte Zeitung, für ,,Über Land und Meer"
und andere Blätter und hat sich damit einen weitverbreiteten
Ruf erworben. Auch gab er ein „Album für die Kavallerie"
mit lithographirten Zeichnungen militärischen Jnhalts (Düssel-
dorf bei Zintgraf) heraus und lieferte Blätter für verschie-
dene illustrirte Werke. Von seinen Ölbildern sind namhaft
zu machen: „Blüchers Rettung durch seinen Adjutanten
Nostitz bei Quatrebras", „Die Attaque des 7. Kürassier-Re-
giments bei Mars-la-Tour", „Zurückgedrängte französische
Dragoner-Vedette".

L. O. v. Massenbach ch. Jn Düsseldorf starb am
12. November der langjährige Präsident des Kunstverems
für Rheinland und Westfalen, Freiherr Otto von Massenbach,
der sich um alle künstlerischen Bestrebungen der Stadt große
Verdienste erworben. Er war am 28. Juli 1797 zu Jnster-
burg geboren, trat früh in den Staatsdienst, wurde 1830 Regie-
rungsrat in Trier, war 1838—40 Ober-Regrerungsrat in
Düsseldorf, dann Vicepräsident in Koblenz und kam 1851
als Regierungspräsident zurück nach Düsseldorf, wo er in
diessr Stellung Gelegenheit fand, sein warmes Jnteresse für
Kunst und Künstler thatkräftig zu bekunden. So hat er
namentlich die Erwerbung des Jacobischen Gartsns durch
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