Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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16. Iahrgang.

Nr. 15.

Jnserate

ü 26 ssf- für die drei
Mal gespaltene ssetit-
zeile werden von jeder
Buch- u.Kunsthandlung
angenommen.

1881.

Veiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst.

Erscheint von September bis Iuli jede woche am Donnerstag, von Iuli bis September alle ^ Tage, für die Abonnenten der „Zeitschrift für
bildende Aunst" gratis; für sich allein bezogen kostet der Iahrgang 9 lNark sowohl im Buchhandel als auch bei den deutschen

und österreichischen jDostanstalten.

^nh alt.- Die Reichenauer wandgemälde. von Friedrich j)dcht. — Das Treppenhaus der yamburger Runsthalle. — Martin Gropius ch —
^r. G. Hirt^. „Liebhab^ s)ho^ographien altertüinlicher Schnitzwerke im Swynschen hause Lehe^

Beiträge

find an ssrof. Dr. L. von
^ützorv (wien, There-
^anumgasse 25) oder an
die Berlagshandlung in
^eipzig, Gartenstr. 6,
zu richten.

20. Ianuar

Die Reichenauer tVandgernälde.
von Friedrich Pechl.

Bekanntlich haben sich in Deutschland weder aus
ber Zeit der Karolinger noch selbst aus der der säch-
hschen Kaiser Wandgemälde erhalten, obwohl ihre Zahl
w den romanischen Kirchen wie Palästen allem An-
scheine nach sehr groß gewesen sein mnß. Man war
nlso für die Beurtcilung dcr Malerei jener Zeit, da
nuch kaum irgendwelche Täfeln sich konservirt haben,
lediglich auf Glasgemälde und vor allem auf Miniaturen
nngewiesen. Das älteste halbwegs erhaltene Wandbild
ist nach Woltmanns Geschichte der Malerei die ein
jüngstes Gericht darstellende Freske auf der Außenseite
der westlichen Apsis der Kirche in Oberzell aus der
slnsel Reichenau im Bodensee. Profesior Adler an der
Bauakademie in Berlin giebt eine Abbildung der Kirche
in seiner vor einigen Äahren erschienenen schönen
Monographie über die drei höchst merkwürdigen Ba-
siliken der durch ihre Abgelegenheit und Unzugänglich-
keit vor vielen Zerstörungen geschützt gebliebenen Jnsel.
2hr Zeichner muß freilich noch viel mehr gesehen
haben, als mir zu entdecken möglich war, da ich von
Konstanz aus die Kirche vor einigen Wochen wieder-
holt besuchte: eine sehr primitiv und ärmlich aufge-
sührte dreischiffige Säulenbasilika, die Abt Hatto im
^ahre 888 gründete; doch hat sich von seinem Bau
^nr Krypta und Chor erhalten. Sowohl dieser als
^er westliche Haupteingang sind durch Apsiden abge-
schlossen, von denen die westliche das obenerwähnte
^ild enthält und, wie leicht zu sehen ist, erst später
angefügt ward. Leider sind Chor und Decke der Kirche

vor einigen Jahren sehr unglücklich restaurirt worden;
das nach Adlers Forschungen wahrscheinlich zwischen
den Jahren 995 — 1010 von Abt Witigowo erbaute
Schiff aber hat sich mit Ausnahme der oberen Fenster-
reihe, die später verändert ward, und der Decke ganz
erhalten. Nur sind die Wände zu Ende dc vorigen
Jahrhunderts, wahrscheinlich weil die Malereien, die
sie ganzbedeckten, viel gelitten hatten,der damals allgemein
grassirenden Tünchwut zum Opfer gefallcn. Als nun
vor einiger Zeit ein junger und intelligenter Pfarrer,
Hr. Feederle, an die einsam zwischen den weit zerstreuten
Häusern der Gemeinde liegende Kirche kam, machte er
sich, angeregt durch Adlers Monographie und an
einigen Stellcn nächst der Orgel unter der abgefallenen
Tünche Reste von Malereien bemerkend, daran, die-
selbe mit einem Hämmerchen weiter abzuklopfen und
deckte so nach und nach ein ganzes Bild aus, welches
in fast lebensgroßen Figuren die Erweckung des Lazarus
darstellt. Hier ist Lazarus, ganz in Binden ein-
gewickelt und wie von unsichtbaren Gewalten empor-
gehoben, ebenso schauerlich wie der Christus machtvoll
und die flehend vor ihm knieende Martha edel. Die
sich die Nase zuhaltenden Figuren hinter dem Lazarus
erinnern, wie dieser selbst, sehr an Giotto's Komposition
in Sta. Maria dell' Arena.

Weitere Forschungen zeigten bald, daß beide Lang-
seiten des Schiffes von oben bis unten bemalt waren.
Das erzbischöfliche Ordinariat sandte unserem Pfarrer
nun in der Person des Architekten Bär eine kunstver-
verständige Hilfe, ein Gerüst wurde erbaut, und dic
ganze südliche Langscite des Schiffes in den beiden
letzten Sommern allmählich bloßgelegt. Sie zeigte eine
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