Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Wiener Dombau-Verein.

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^ieselben wcgen dcin allzuvielcn Latcin, welches sie ent-
iMtcn, wvhl für Mediciner, aber nicht fiir Maler ein-
Ü^richtct seien. Die Perspektive trägt dcr als Lehrcr
Bildhairers Pros. Dvnndorf bekannte Hr. Franz
^aede in wenigen Vorträgen eben so gründlich wie
iaßlich vor. Es ist bedauerlich, daß die Kunstschüler
ur Weimar keine Gelegenheit haben, noch andere Vor-
iaägc, z. B. über Geschichte und Ästhetik, hvren zu können.
Banicntlich thätc lctzteres sehr nvt, da bei den ge-
schilderten Verhältnissen mindestens der Schüler
uicht zn der Erkenntnis gelangen konnten, was über-
i)aupt Kunst ist, ebensowenig wie sie die Schönheiten
^cr Antike verstehen lernten; denn das Verständnis
^crselben bedingt vor allcni cin gründliches Studinin
nach der Natnr, welches dem Figurenmaler in Weimar
sast gänzlich mangelt. Es ist denn auch eine gar zu
uatürliche Folge, daß unter den Schülern der jetzigen
^ehrweise eigenttich nnr Landschaft, Tierstück nnd
hunioristisches Genre gepflegt wird. Historie und nackte
Fignren entstehen nicht, weil ein gcnügendes Vcrständnis
dasür mangelt.

(Schluß folgt.)

Wiener Dombau - Verein.

Jn Wicn ist cin Vercin in der Entstehung be-
griffen, wclcher die Teiliinhme aller ernsten Knnst-
frennde lebhast in Anspruch zn nehmen verdient; es
handelt sich uni die Vollendung der seit Jahren im
Zuge befindlichcn Restaurativnsarbciten an dem glän-
zendsten Bauivcrke der dcntschen Ostmark, dem chr-
Würdigen Dvm von St. Stephan. Und zwar betrifft
die noch durchznführende Arbeit vornehmlich das Jnnerc
und seine künstlerische Ausstattnng.

Der Fürst-Erzbischof Vvn Wien, Kardinnl Ur.
Kntschker, hattc ai» Abend des 20. Oktober einc An-
zahl von Personen aus den verschiedensten Ständcn
nnd Berufsklassen dcr Wiencr Bevölkerung in dcn
Saal deS Architekten- und Jngenieurvereins geladen,
nm die zunächst erforderlichen Schritte zu beraten.
Die Geistlichkeit, die hohe Beamtenwelt, der Reichs-
rat, die Gemeindevertretung, endlich die Kreise der
Architekten- und dcr Gclehrtenwelt waren in der etwa
l50 Personen zählenden Versammlung vertreten.

Der Kardinal-Fürst-Erzbischof, an dcssen Seite
Weihbischof Dr. Angcrer Platz genonimen hatte, übcr-
nahm den Vorsitz und bcgrüßte die Versammelten,
welchen er den Dank für die wohlwollende Bereit-
willigkeit, mit der sie der Einladung gefolgt, und für
das Jnteresse, das sie der Gründung des Wiener Dom-
bau-Vercins entgcgcnbringcn, aussprach. Der Kar-
dinal wies auf die Wichtigkeit und hohe Bedentung

dieser Angelegenheit hin, allein es fehle an den cnt-
sprechenden Mitteln, die zu beschasfen nun Aufgabe des
zu gründenden Vereins sein werdc. Nach diesen ein-
leitenden Worten forderte der Kardinal den Dombau-
meister Schmidt auf, über den Uinfang und das Zicl
der beabsichtigten Restanrirung des Stephansdomes
Bericht zu erstatten.

Dombaumeister Schmidt nahm das Wort nnd
besprach in eingehender Weise die Restaurirungsar-
beiten an der Metropolitankirche in dcn letzten zwanzig
Jahren. Die Bewilligung von Beiträgen seitcns der
Kommune habe es erniöglicht, daß zunächst diejenigen
Arbeiten im Jnnern der Kirche vorgenommen werden
konnten, welche zur Berhütung von Unglücksfällen not-
wendig waren. Das großartige Dach von ungeheurer
Dimension mit gewaltigen Flächen übt nämlich einen
so großen Druck auf das Ganze aus, daß sich derselbe
in das Jnnere fortpflanzt und hier Schäden vernr-
sacht. Diese zu beseitigen war nun cine Hauptaufgabe
in den letzten Jahren. Das Projekt der künftigen
Restanrirnngsarbeiten charaktcrisirte der Redner dahin:
es sei notwendig, mit aller Kraft anzustreben, daß der
Nachivelt kein unvvllendctcs Werk hinterlassen wcrde
und daß der Ban mit allen Mitteln der mvdernen
Technik nnd nach allen Regeln der Kunst seincr Boll-
ciidnng cntgcgengeführt werde. Aber diese Vollendung
müsse auch cine rationelle sein. Redner betonte, daß
er sich bei Ausführung des Baues in extrem konser-
vativen Grenzen halten wcrde. „Jch halte dafttr",
fuhr er fvrt, „daß, so lange nicht großartige Gcdanken
dcr Restaurirung zu Tage treten und stipnlirt werden,
alles ain Stephansdomc erhaltcn werden
müsse, ja nicht nur erhalten, sondern zum alten
Glanze zurückzuführen sei. Der Schmutz der
Jahrhunderte muß gereinigt werden; in dieser Bezie-
hung", sagt Redner, „bin ich nicht konservativ! Aber
cs dürfen z. B. dic Pfeiler nicht etwa angestrichen,
sondern sie müssen von der falschen Tünche befrcit
werden. Das Alte muß klargelegt werden, damit die
einstnialigc Pracht wieder hervortrete." Anch an der
Außenseite des Domes sei noch vieles zu restauriren.
„Die vielen kleinen Annexbauten müssen in einer
würdigen Weise restaurirt, beseitigt oder umgestaltet
werden, wenn die Harmvnie des Ganzen wiederher-
gestellt werden soll."

„Zum Schlusse, bemerkte der Redner, muß noch
eine Frage berührt werden, die hier nnd anch in
Deutschland vielfach diskntirt worden ist; es ist dies
die Frage des Ausbanes des zweiten Turmes.
Seine Ansicht sei speciell bezüglich des Stephansturmes
die: Wenn der Meister für ein solch riesiges Kunst-
tverk den Plan vorlegt, so freut sich das lebende Ge-
schlecht, und das nächste Geschlecht hofft wohl noch auf
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