Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die bildende Kunst in Weimar.

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Korrektur, meist gehen viele Tage hin, ehe eine solche,
und dann eine ziemlich flüchtige, dem Schüler zu teil
wird. Die Nachteile, welche diesem, zumal wenn
er uur ein mittelmäßiges Talent ist, fllr die Zukunft
daraus entstehen, sind kaum zu übersehen, uud die
Folge bei der in ungebundener Freiheit aufwachsenden
jungen Künstlergeneration ist naturgemäß ein mangeln-
der Wetteifer, ein sehr schwacher Fortschritt. Diejenigen
ältern Schüler, welche noch die Korrektur unter Schauß
uud Bauer genossen habeu, weisen größtenteils eine
erfreuliche Fertigkeit im Zeichnen auf uud freuen sich
jetzt über dieJahre, in welchen sie imAntikensaal tüchtig
gedrillt und zu angestrengtemFleiße angehalten wurden.

Ein weiterer, bei den geschilderten Verhältnissen
doppelt iu die Wagschale falleuder Uebelstand ist der
zu kurze Zeitraum, während desseu die Schüler irn An-
tikensaal bleiben. Allerdings ist dies je nach den An-
lagen derselben verschieden, aber selbst der am wenig-
sten leistende zeichnet jetzt nicht länger nach der Antike,
als anderswo für einen begabten Schüler durchaus
nötig gehalten wird. Ein kurzes Jährchen ist in
Weimar die Nvrni für das Antikenzeichnen. Dann
rückt der Schüler in die folgende Klasse auf und kanu
in der Regel einen, neuerdings in Weimar erfundenen,
sehr bezeichnenden Titel mit vollstem Recht bean-
spruchen, welchen wir hier verschweigen müssen. Er
stammt vou der charakter- und haltlosen Zeichnung
her, woran der dem Antikensaal entsprungene gewöhn-
lich laborirt; und nur soviel sei deu Wißbegierigen
verraten, daß die von einem solchen Zukunftskünstler
gezeichneten Glieder, Muskeln und Finger oft mehr
Ähnlichkeit mit Frankfurter Wllrsten haben als mit
deni, was sie vorstellen sollen. Der Übelstand ließe
sich in etwas gut machen, wenn der Schlller nunmehr
in eine richtige Naturklasse käme, wo sich eine geeignete,
energische Lehrkrast fände, welche ihn nach und nach
in andere Bahnen lenkte, aber eine eigentliche
Naturklasse fehlt in Weimar gänzlich! Hat der
Schüler den Antikensaal passirt, so wählt er sich den
Lehrer, vou welchem er sich feruer kvrrigiren lassen und
dessen Hauptrichtung er sich zum Beruf machen will.
Er geht als Landschafter zu Dir. Prof. Hagen, als
Tiermaler zu Prof. Brendel, als Figurenmaler zu
Prof. Struys oder Linnig.

Bleiben wir einstweilen bei denjenigen stehen,
welche Figurenmaler werden wollen. Sie beglücken
die Struyssche oder Linnigsche Klasse, wo täglich
von 9—l2'/2 Uhr morgens Modell, entweder zum
Akt, Halbakt, zur Kostümfigur oder zum Studienkopf
gestellt wird. Die schon länger in der Klasse weilenden
Schüler schwingen stolz den Piusel, während deni neu
Eingetretenen noch die Pflicht obliegt, vorläufig nach
der Natur zu zeichnen.

So beginnt er denn, indem er begierig auf die
Pinsel und Paletten seiner malenden, in seinen Augen
so beneidenswerten Mitschüler blickt. Kreide, Kohlc
und Wischer kommen ihm von Tag zu Tag mehr als
seiner unwürdig vor, und hat er erst einigeKöpfe u. s. w.
nach der Natur gezeichnet. so dringt er in seinen Lehrer,
malen zu dürfen. Sträubt sich derselbe auch bei
manchen zeichnerisch gar zu wenig gebildeten an-
fänglich noch: es uiitzt nichts; denu von Tag zu Tag
werden die Zeichnungen des Schiilers mit mehr lln-
lust gemacht und in folgedessen nicht besser. Endlich
muß dann der Lehrer kopfschiittelnd seine Eiuwilligung
geben, und siehe da, aus dem ungenügend gebildeten
Zeichuer ist, bei sehr vielen schon nach 1—1 '/^jährigem
i Besuch der Kunstschule, ein Maler gewvrden. Das
ist der Fluch, woran die Zukunst der Anstalt scheitern
kann.

So wird nun unter den besprochenen Korrektur-
verhältnissen unter Prof. Struys weitergearbeitet,
während es bei Prof. Linnig verschiedentlich vorge-
kommen sein soll, daß er seinem neuen Schüler den
guten Rat gab, noch eine entsprechende Zeit den
Antikensaal zu beehren. Natürlich ist der so zurecht-
> gewiesene über diese Berkennung seiner Fähigkeiten
j höchst entrüstet, wendet stolz den Rücken und schreitet
j zur selbigen Stunde in die Struysklasse, in welcher es
iiiemals au Schülern aller Gattuugen mangelt.

Den Linnigschülern wird von seiten ihres Lehrers
eine genügende Aufmerksamkeit zu teil, aber sei es
durch Einfluß desselben oder anderer Berhältniffe, sie
beginnen schon bald, nachdem sie zu malen angefangen,
in die grau-braunen Farbentöne ihres Meisters zu
! verfallen, und eine eigene, freie Entwicklung kommt
nicht zu Tage. Die Schüler der Tierklasse unter
j Prof. Brendel und besonderS die Landschafter uuter
! Dir. Prof. Hagen können sich über ihre Lehrcr nicht
! beklagen. Es wird ihnen von Seiten derselben die
größte Ausmerksamkeit gewidmet, und so entstehen denn
i hier auch bisweilen recht erfreuliche Leistungen.

Der Akt, welcher ini Winter von 5—7 Uhr
abends, im Sommer von 6—8 Uhr morgens gestellt
wird, vereinigt gewöhnlich Schüler aller Klassen. Das
Zeichnen danach bei Gasbeleuchtung an den Winter-
abenden ist jedoch äußerst ungesund, da die Lampen
dem Schüler so dicht am Kopse hängen, daß durch
die starke Hitze das Auge geschädigt und Kopfschmerz
erzeugt wird. Übrigens ist es an andern Akademien
in dieser Beziehung vft noch schlechter bestellt.

Die kunsthistorischen Vorträge werden gegenwärtig
vou Prof. Arndt, dem Sekretär der Anstalt, gehalten
und erfreuen sich zahlreichen Besuches. Dieses läßt
i sich weniger von den anatomischen Vorlesungen des
Or. Brehm sagen; die Schüler klagen allgemein, daß
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