Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Korrespondenz auS New-Dork.

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Kunstwerke abzugeben, so überlasse man ihnen die
Tageskritik gänzlich; dafür brauchen sie sich dann nicht
um die Kunstgeschichte zu kümmern, welche denjenigen,
iu deren Namen Herr v. Werner und Genossen sprechen,
ja doch so „gleichgiltig" ist."

Aorrespondenz.

(SchlußO

New-Dork, im Mai 1881.

Zugleich mit der Akademie wurde auch die Aus-
stellung der Society vs American Artists in
der Kurtzschen Galerie eröffnet. Hier ist die Zahl der
Bilder, außer einigen Zeichuungen, Radiruugen und
Holzschnitten, auf etwas über 100 beschränkt, welche
von der Jury unter mehr als fünshundert Einsendungen
ausgewählt worden sind. Um das durchschnittliche
Niveau zu erhöhen, war es geboten, eine strengere
Kritik zu iiben als in srüheren Jahren, und dies ist
denn auch soweit gelungen, daß man nur wenig ganz
Schlechtes findet, und eine ganz interessante kleine Aus-
stellung zustande gekvnimen ist. Das hervorragendste
Bild, das schon durch seine Größe vor allen anderen
in die Augcn fällt, ist jedoch das Werk eines Aus-
länders, nämlich Bastien Lepage's Johanna d'Arc,
welcher die Heiligen erscheinen. Es ist eine Leistung
von hoher technischer Vollendung, um derentwillen es
unter den Künstlern selbst mit enthusiastischer Ver-
ehrung betrachtet wird, während die Kritik die Augen
auch für das Verfehlte offen behalten hat, und das
ausspricht, was das Publikum von Anfang an mehr
oder weniger klar empfunden hat. Abgesehen davon,
daß der Gegenstand uns in unseren Tagen trotz der
ehrlichen und unehrlichen Bisionäre, die noch hier und
da auftreten, und trotz der Vorliebe, mit der die franzö-
sischen Kttnstler immer wieder dazu zurückkehren, uns
ziemlich fern tiegt, fätlt es nicht allein dem Kenner
auf, daß das Bild zu groß sür den Jnhalt ist. Ferner
tadelt man, daß die Heiligen nicht vor den Augen
der verzückten Visionärin, sondern hinter ihr erscheinen,
da wo sie sie schlechterdings nicht sehen kanu, und da
der Beschauer natürlich der Richtung ihrer Augen solgt,
so wird er irre geleitet, und es dauert eine Weile, bis
er die Gestalten zwischen dem Laub der Bäume ganz
anderswo entdeckt, als wo er sie von Rechts wegen
suchen mnßte.

Viel Lob ist einem Bilde von Thomas Eakins
zu teil gewvrden, tuä^, sivAin^ u pattiotio 8vn§"
genannt. Die drei Gestalten sollen Porträts sein, nnd
folglich kann man ihnen kcinen Vorwurf daraus machen,
daß sie nicht schöner sind, daß sie so verwünscht haus-
backen und alltagsprosaisch aussehen; aber große Freude
kann man an ihnen nicht haben, wenn man ihnen auch

lebensvolle Wirklichkeit zuspricht, und die Verdienste
der Ausführung anerkennt. William Chase, einer
der bedeutendsten unter den jüngeren Künstlern, ist
gegenwärtig an einem größeren Bilde beschnftigt, dem
er Zeit und Kräfte widmet, und hat zu dieser Aus-
stellung keines seiner besten Werke beigetragen. Das
„Jnnere eines Ateliers", worin er selbst einer jungen
Dame gegenübersitzt, ist zwar mit Birtuosität gemalt,
aber zu inhaltlvs, zu gleichgiltig in der Situation,
zu einförmig in derBeleuchtung — oder vielmehr iu dem
Mangel an Licht, um einen lebhaften Eindruck zu
machen. Dasselbe gilt von einer jungen, weißgeklei-
deten Dame, die vvn hinten gesehen, auf einer Zimmer-
orgel spielt. Man freut sich der verdienstvollen Arbeit,
aber man verlangt nicht nach näherer Bekanntschaft,
ruft nicht: l'ournsri s'it vous ptait! Eine „Musik",
Halbflgur in Lebensgröße, von Alden Weir, ebenfalls
von vorzüglicher Behandlung, der man einen der
Ehrenplätze eingeräumt hat, gehört in gewissem Maße
in dieselbe Kategorie. Es ist eine schöne Oestalt, eine
Vvrtreffliche Aktstudie, aber warum sie gerade die Musik
vorstellen soll, das wird uns nicht klar, es sei denn wegen
der Lyra, welche sie in der Hand hält. Der Kopf ist
verfehlt. Dieses zwar feingeschnittene, aber nüchterne,
mürrische, schmollende Gesicht ohne einen Funken von
Poesie, das an anderer Stelte seine Berechtigung finden
würde, bietet doch nicht das geringste annehmbare
Material für eine Muse dar. Als Porträt würde das
Bild alles Lob verdienen, und der Tadel wird nur in-
soweit herausgefordert, als der Künstler sein selbst-
gestecktes Ziel verfehlt hat. Ein lebensvolles Porträt
eines alten Herrn, eine Herbstlandschaft mit schönen
Bäumen und ein glänzendes Blumenstück zeigen die
Vielseitigkeit des talentvollen Malers. Wyatt Eaton
hat drei Porträts ausgestellt, deren zwei reichlich sür
den unangenehmen Eindruck entschädigen, welchen das
dritte, übrigens gut gemälte, hervorbringt. Der steisen
uninteressanten und anspruchsvollcn jungen Person
würde der Künstler eine Wohlthat erwiesen haben,
wenn er Stellung und Ausdruck einigermaßen modi-
fizirt hätte. John Sargent, Abbvt Thayer und
William Sartain haben ebenfalls lebensvolle, wohl-
ausgeführte Porträts ausgestellt, und Eastman Iohn -
son hat ein kleines Mädchen in der verschneiten Straße
mit einem Handschlitten am Bande in seiner liebens-
würdig-realistischen Weise porträtirt. Ein spanischer
Zigeuner, von Dannat, ist eine fein ausgeführte
und lebensvolle Aktstudie. Gedney Bunce hat eine
schöne, strahlende venetianische Marine und ein paar
Berggipfel aus Maine ausgestellt, wie überhaupt die
Landschafts- und Marinemaler viel Gutes lieferten:
Arthur Quartley eine prächtige Marine, „Nach dem
Regen", Bolton Jones eine Herbstlandschaft, Wyant
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