Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Künstler und Kunstgelehrte.

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haupten, der Stiesel drücke Sie? Das vcrstehen Sie
nicht, gerade dieser Stiefel ist der rechte für Sie, das
muß ich wissen, da ich ihn gemacht habe". Jetzt laufen
sie nicht mehr cinzig gegen die Kunstkritik Sturm, die
ganze Kunstwissenschaft ist ihnen im Wege.

Jhneu hat freilich Herr v. Werner cinen sehr
schlechten Dienst geleistet. Denn naiver ist noch selten
die völlige Unbekanntschaft mit Wesen und Aufgabe
der „Kunstgelahrtheit" (wie er sie in seinem Jngrimm
litulirt) dargethan worden, als in sciuem Aussatz in
der „Gegcnwart". Die Wahrhcit dcs von ihm mit
besonderem Nachdruck zum besten gegebenen Satzes,
daß „sich mit allerKunstgelehrsamkeit nicht ein Quadrat-
zoll Bildfläche schaffcn lasse", wird ihm allerseits bereit-
willig zugestanden werden; aber ebcnso gewiß macht
das Bemalen von einer Quadratmeile Leinwand allein
nvch nicht zum Kunstkenner. Dazu gehvrt besvndere
Anlage, besondere Neigung, besvndere Schulung; die
ersteren können bei einem Künstler vhne Zweifel so
gut vorhanden sein wie bei einem Nichtkünstler, die
letztere kann er sich ebenso gut erwerben, aber die Mehr-
zahl verschmäht es, ihre Anlagen nach dieser Richtung
auszubilden, weil sie eben glauben, ihncn fliege von
selbst zu, was andere sich durch langjährige Studien
erwerben müssen. Und wohl nur in dem Sinne werden
„ossiziellerseits" den Künstlern „für die Beurteilung
solcher Dinge ihres Faches die nötigen Fähigkeiten und
die nötige Objektivität" abgesprochen worden sein.
Während er aber darüber wiederholt bittere Klage
führt, bringt er selbst die Beweise sür die Begründung
des Vorwurfs seiner Person gegenüber bei.

„Herr Bode stellt ausdrücklicb die Echtheit eines
Bildes sür die Galerie in erste Linie, während ich als
Künstler mehr anf Güte sehe." — „Güte" und die
ebenfalls angerusene „Schönheit" — Ausdrücke, die fo
viel Unfug angerichtet haben, weil in so allgemeiner
Anwendung jeder etwas anderes unter ihnen versteht,
und die glücklich ausgerottet zu sein schienen! Aber
dürsen wir uns llber deren Hervorholen aus der ästhe-
tischen Rumpelkammer wundern, wenn wir lesen, daß
die Bewegung und die Gliedmaßen der Amphitrite
„geschmacklos" seien, so geschmacklos, wie sie Herrn
v. Werncr „in keinem andern Werkc dcs gewaltigcn
Meisters bekannt sind"? Geschmackvolle und geschmack-
lose Gliedmaßen, dieser Terminus hat wahrlich noch
in unserem Nationalschatze nichtssagender oder nn-
sinniger Redensarten über Kunstwerke gesehlt! Aber
die Krone setzt der „bcrufcne Vertrcter der Bcrlincr
Künstler", als welchen die Redaktion der „Gegenwart"
ihn bezeichnet, seinen Bekenntnissen durch die folgenden
Sätze aufi

„Wir (Künstler) sind dcr Galeriedircktion dankbar
für jedes gute Bild, tvelchcs sie crwirbt, weil es uns

in unseren Studien und unserer künstlerischen Thätig-
keit sördert und den Geschmack des Pnblikums bildet,
nnd fragen dabci nicht viel nach Titel und Namen;
das dafür verausgabte Geld wird zu einer Produktivcn
Anlage, und für ein wirklich guteS Bild Wird uns
darum kciu Preis zu hoch erscheincn.... Aber ich
gcstehe, daß mir die Entwickclungsgeschichtc dcr Malerei
außerordentlich gleichgiltig ist, wcnn das Jntcrcsse für
dieselbe dahin sührt, zn vicr gutcu unzweifelhaftcn
^ Bildcrn eines Meisters noch ein fünftes schlechtes und
zweifelhaftes zn erwerben, nur um cs zu bcsitzen!

! Svlchcn kunstwissenschaftlichen Sport mag sich ein
Privatmann erlauben, der Staat soll cs, nach unserer
Auffassung, als unproduktiv nicht thnn."

Wenn ein Bierbankredner sich darüber aufhält,
daß in deu Bibliothekeu so vicle Bücher aufgchäust
werden, welche ihm und seinesgleichen außerordcntlich
! gleichgiltig sind, und dagegen die Anschaffung von all-
gemeinveiMndlichen, unterhaltendeu uud lehrreichen
Schriften sordert, weil das für solche verausgabte Geld
zu einer produktiven Anlage werde, so kann man
darüber lächeln. Aber wenn der Vorstand einer der
größten Kunstschulen öffentlich solche Weisheit predigt,

I sv wird es allerdings erklärlich, daß ein aller Wissen-
schaft, ja aller höheren Bildung seindseliger Geist nicht
nur unter dem Train des Künstlerheeres immer mehr
um sich greift und sonst ganz verständige Leute sich
berechtigt meinen, über die gesamte Kunstwisscnschast,
von deren Arbeiten sie absolut gar nichts wissen, weg-
Werfend abzusprechen. Jn derselben Zeit, in welcher
fast jeder Handwerker bereits zu der Erkenntnis ge-
kommen ist, wohin uns das Regiment des Utilitarismus
geführt hat und daß wir heute die Sparsamkeit ein-
stiger praktischer Staatsmänner sehr teuer bezahlen
müsscn, in derselben Zeit wärmen Worlführer dcr
„hohen Kunst" jene abgestandene Theorie wieder auf.
Wie unvorsichtig, jene Politiker und Volkswirte auf-
zurusen, welche den Nutzcn jeder Stantsausgabe sofort
lu Ziffern nachgewiesen sehen wollen; ob die es als
Produktive Anlage gelten lassen werden, teure Bilder
zu kaufen, damit wieder Bilder gemalt werden können,
ist wohl sehr zweiselhast!

Und den Bersechtern solcher Anschauungen über
Kunstpflege und Kunststudium sollen die Kunstsamm-
lungen ausgeliefert werden! Es würde denselben gut
ergehen, wenn sür An- und Abschaffung das maß-
gebend wäre, was momentan iu Künstlerkreisen als
gut, wirklich gut, schön, gcschmackvoll, nutzbringcnd an-
geseheu wird. Wie rasch immer eine Generation von
der nächsten verdrängt wcrden möchte!

Übrigens schcint es gar nicht so schwer, zwischen
den streitenden Parteien ein Abkommen zu treffen. Da
nur Künstler befähigt sind, ein richtiges Urteil über
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