Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die junge kunstgewerbliche Generation in Ästerreich.

der Jndustrielle selbst soviel kimstlerische Bildung und
Kunstvermögen besitzt, wie es für den Produktionszweig
nötig ist, den er beherrschen soll. Er wird dann nicht
einen geistigen Beiftand und Souffleur, in sxsois einen
Architekten, brauchen, um zu erfahren, was er thun
und was er lassen soll. Daß es jetzt, auch in deutschen
Landen, notwendig geworden ist, die Kunst im
Handwerk zu retten, ist eben ein Zeichen, daß sich die
ganze Kunstindustrie in einem Regenerationsstadium
befindet. Der Ubergang zu gesuuden und normalen
kunstgewerblichen Produktionsverhältnissen aber wird
gewiß dadurch wesentlich erleichtert, daß, wie es jetzt bei
uns in Wien der Fall ist, die junge Generation der
Kunsthandwerker in guter Schule heranreift, um die
Kunst im Handwerk selbst nben zu kvnnen, wie es in
den Blütezeiten des Kunsthandwerkes der Fall gewesen
ist. Wir führen diese Thatsache, die eine erfreuliche
und für Wien charakteristische ist, deswegen besonders
an, weil sie einen wichtigen Punkt berührt, der
als Streitfrage von Ludwig Pfau und Luthmer
in geistvoller Weise behandelt wurde, nämlich die
Stellung des Architekten im Kunstgewerbe,
eine Lebensfrage namentlich des deutschen Kunstge-
werbes. Die Heimat und der rechte Boden für das
Kunsthandwerk ist und bleibt die Werkstatt. Sie ist
durch nichts zu ersetzen.

Wo in Österreich eine Schule gegründet wurde,
die mit gut vorgebildeten Kräften ausgestattet werden
konnte, hat sich je nach den lokalen Verhältnissen bald
ein Kreis von Jndustriellen gebildet, welche sich der
von der Schule ausgehenden Bewegung angeschlossen
hat. Nirgend aber hat sich die Bevölkerung fllr
die Ausnahmen kunstgewerblicher Jdeen empfänglicher
gezeigt als, wenn wir Wien, das Centrum der ganzen
kunstgewerblichen Bewegung im Herzen der Mouarchie,
ausnehmen, in Deutschböhmen, Jnnsbruck, Salz-
burg und in den österreichischen Alpenländern. Es zeigte
sich auch in andernGebieten desReichs, daß dieBevölke-
rung, welche in den Gebirgen lebt (z. B. die Ruthenen
in Galizien), eine viel größere handliche Geschicklichkeit
und Empfänglichkeit für Fvrm und Farbe haben als
die Bewohner der Ebene.

Wenn wir jetzt einige jüngere Namen nennen und
einzelne Orte bezeichnen, so geschieht es nicht in der
Absicht, vvllständig sein zu wvllen, sondern um gewisser-
maßen beispielsweise auf Personen und Zustände auf-
merksam zu machen, die vielleicht außerhalb Österreichs
nicht sv bekannt sind wie in Wien. So hat sich in
Jnnsbruck, wo an der Staatsgewerbeschule Architekt
Deininger, Bildhauer Fuß und Maler Roup wirkcn,
ein außerordentlich reger Verkehr hergestellt zwischen
den Gewerbsleuten und der Schule. Jn Salzburg
hat der geistvolle und lebensfrische Direktor der Staats-

gewerbeschule, Camillo Sitte, unterstützt vondenHerren
Kienbacher, Salb und Mell, die ganze gewerb-
liche Bevölkerung der Stadt in Bewegung gebracht.
Prof. Sterz, Leiter der keramischen Fachschule in
Znaim, koncentrirt die Thätigkeit der Schule in höchst
einsichtiger Weise auf die Veredlung des Nutzgeschirres
für den bürgerlichen Hausbedarf. Jn Graz, wo der
treffliche Ortwein die Grundlagen der kunstgewerb-
lichen Strömung in der Staatsgewerbeschule gelegt
hat, wirken jetzt die Herren Lacher, Kühn und
Lepusich, Hand in Hand gehend mit der Wiener
Kunstbewegung. Jhre Namen fanden wir auf der
Grazer Ausstellung als tüchtige Förderer und Berater
fast auf allen Gebieten kunstgewerblichen Strebens.
Jn den industriereichen Bezirken von Reichenberg und
Gablonz wirken an der Staatsgewerbeschule, derWeberei-
schule in Reichenberg und der kunstgewerblichen Fach-
schule in Gablonz eine Reihe von jüngeren Kräften,
Brausewetter, Brenek, Drahan, Sobota und
Larch, durchweg Kräste, die Jahre hindurch sich ihre
Bildung in der Kunstgewerbeschule des Österreichischen
Museums erworben haben.

Jn jüugster Zeit wurde auf Sektionsrat Freih.
v. Dumreichers Anregung der erste erfolgreiche Ver-
such gemacht, in dem großen Bezirk der Hausindustrie
von Gablonz die Volksschule zur Mitwirkung bei der
gewerblichen Thätigkeit heranzuziehen. Gedenkt man
noch der Wirksamkeit des Ciseleurs Lind, des Malers
Neynier in Prag, Greils in Hallstadt und der
Lehrkräfte, welche in Grulich, Wallachisch-Meßeritsch
(Mähren), in Teplitz und an andern Orten wirken, so
erhält man ein lebendiges Bild der zahlreichen jüngern
Kräfte, die teils in Staatsgewerbeschulen, teils in
Fachschulen thätig sind und die alle bestrebt sind, der
Kunst im Gewerbe ihr Terrain zu erobern. Unter den
jüngern KUnstlern, welche iu Wien in ausgezeich-
neter Weise auf kunstgewerblichem Gebiete wirken nnd
jetzt als Lehrer an der Kunstgewerbeschule fungiren,
sind vor allen drei Künstler zu nennen: der Architekt
Leopold Theyer, ein Schüler Friedrich Schmidts,
ein Kllnstler, der einem speciellen Gebiete, der Aus-
stattung von Bucheinbänden, seine künstlerische Kraft
in erfolgreichster Weise gewidmet hat, der Ciseleur
Stephan Schwartz und der Zeichner Hans Macht.
Letzterer, gleich gewandt und sicher in verschiedenen
Zweigen dekorativer Kleinkunst, leitet jetzt ein Atelier,
das in Berbindung mit der chemisch-technischen Ver-
suchsanstalt sich mit der Pflege des Emails und der
Keramik beschäftigt. Stephan Schwartz verdankt man
eine Reihe von Kunstwerken der Gravir- und Ciselir-
kunst, die sich den besten Arbeiten dieser Art in der
Würdigsten Weise anreihen.

Es ist nicht zu verkennen, daß sich neben der
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