Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Das Kölnsr Dombaufest.

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Tempels Vollendung. Am 14. August 1848 weihte in Gegen-
wart König Friedrich Wilhelms IV. der Erzbischof Johannes
v. Geißel, nachmals Kardinal, das von König Ludwig I. von
Baiern mit kunstreichen Glasgemälden geschmückteKirchenschiff,
und am 3. Oktober 1855 bei der Feier der Vollendung des von
Zwirner erbauten Südportals sah das dankbare Köln den
königlichen Protektor und Schirmherrn des Dombaues zum
letzten Male in seinen Mauern. König Wilhelm wohnte am

13. Oktober 1863 der Jnauguration der mit Ausschluß der
Türme in allen Teilen vom Dombaumeister Voigtel voll-
endeten, durchWegnahme der seit 1322 bestehendenTrennungs-
mauer zwischen Chor und Langschiff zu einem Ganzen ver-
einigten Domkirche bei. Der Ausbau der beiden 160 Meter
hohen Westtürme, unter dem Erzbischof Paulus Melchers
begonnen und mit reichen, vom Staate und den Dombau-
vereinen gewährten Mitteln gefördert, wurde von dem Dom-
baumeister Voigtel in der zu hoher Kunstblüte herangebildeten
Dombauhütte nach 13jähriger erfolgreicher Thätigkeit am

14. August 1880 vollendet. Zum ewigen Gedächtnis an den
nach Verlauf von sechs Jahrhunderten glücklich beendeten
Ausbau des größten deutschen Domes, des höchsten Bau-
werkes der Erde, haben Seine Majestät der deutsche Kaiser
und König von Preußen Wilhelm und ihre Majestät die
Kaiserin und Königin Augusta, Jhre kaiserliche und königliche
Hoheiten der Kronprinz und dis Frau Kronprinzessin, die
Prinzen und Prinzessinnen des preußischen Königshauses
nebst den von Sr. Majestät dem Kaiser geladenen deutschen
Fürsten und hohen Gästen diese Urkunde unterzeichnet, welche
in den Schlußstein der Kreuzblume des südlichen Dom-
turmes niedergelegt werden wird. So geschehen zu Köln
am Rhein, den 15. Oktober 1880, am Geburtstage des in
Gott ruhenden königl. Schirmherrn, König Friedrich Wil-
helms IV., der den Plan zur Vollendung dieses herrlichsten
Gotteshauses erfaßt und bis an sein Lebensende gefördert
hat, im zwanzigsten Jahre der glorreichen Regierung Sr.
Majestät des Kaisers und Königs Wilhelm, dem dritten
Jahre des Pontifikats Sr. Heiligkeit des Papstes Leo XIII.
8o1i äoo Aloriu."

Nach Verlesung der Urkunde wurde dieselbe von
den höchsten Herrschaften und einigen anderen vom
Kaiser dazu ausersehenen Personen unterzeichnet und
alsdann an ihren Bestimmungsort auf der Spitze des
Südturms befördert. Jnzwischen nahm der Kaiser das
Wort und hielt die mit einem donnernden Hoch aufge-
nvmmene Weiherede, deren Wortlaut wir fvlgen lasscn:

„Wer gedenkt in dieser Stunde nicht des Tages, an
welchem weiland König Friedrich Wilhelm IV. der Welt
geschenkt wurde ? Wer gedenkt nicht jenes 4. September 1842,
an welchem Mein in Gott ruhender königlicher Bruder an
dieser Stelle öffentlich und fsierlich es verkündete, daß er be-
schlossen habe, den seit Jahrhunderten seiner Vollendung
harrenden Kölner Dom dieser Vollendung entgegen zu führen?
Dem geschichtlich gewordenen Krahne fügte der königliche
Bauherr zum Gedächtnis seines großartigen Unternehmens
den ersten Baustein hinzu, der uns heut umkränzt dort oben
entgegentritt. Die allmächtige Vorsehung hat es nicht ge-
wollt, daß der unvergeßliche König sein eben so großes wie
kühnes Unternehmen, das er mit Vorliebe und Kraft för-
derte, vollendet sehen sollte. Aber die königlichen Worte,
die Derselbe bei der Feier vor 38 Jahren hier sprach, zün-
deten nicht nur in preußischen, sondern in allen deutschen

Landen. Die Regierenden an deren Spitze gaben das Zeiche"'
den großen Gedanken erfaßt zu haben, und somit wurde
dieser ein nationales Gemeingut.

Schon Friedrich Wilhelm 111. glorreichen Andenkens h^
seit dem Jahre 1825 durch krüstiges Einschreiten den danials
allein bestehenden Chor vor dem Untergange gerettet, ^
steht nun heute der vollendete Kölner Dom, eines der größten
Bauwerke aller Zeiten, als ein Denkmal frommen Sinnes,
menschlicher Einsicht und Umsicht, einheitlicher Arbeit, aus-
dauernder Thatkraft und Opferfreudigkeit vor uns.

Mögen die zum Himmel emporstrebenden Türme dara»
erinnern, daß ohne den gnadevollen Beistand Gottes nichts
auf Erden gelingt. So gebührt also vor Allem dem Atl-
mächtigen unser Dank, der dieses kühne und gefahrvolle
Unternehmen sichtlich schützte und vollenden ließ. Demnächst
steigt unser Dank zu dem königlichen Bauherrn empor, dessen
erhabenem, schöpferischem Geist wir dieses Werk verdanken,
welches von Jahrhundert zu Jahrhundert seinen Namen
deshalb dankbar preisen wird. Eine andere erhebende, Mei-
nem Herzen wohlthuende Pflicht der Dankbarkeit erfülle Jch
an dieser Stelle, indem Jch den Allerhöchsten und Höchsten
Regierenden und Freien Städten im neugeeinten deutschen
Vaterlande den tiefgefühlten Dank aussprechs für Wort und
That, durch welche dieselben an der Spitzs ihrer Staaten
diesen mächtigen Bau durchführen halfen. Jede einzelne
Gabe, weit über Deutschlands Grenzen hinaus, finde hier
wärmsten Dank. Meinem engeren Vaterlande Preußen und
dieser ehrwürdigen Stadt mit ihrem Central-Dombauverein
und dessen Abzweigungen gebührt Meine Dankbarkeit für das
Bestreben aller Schichten der Bevölkerung, das Riesenwerk
des Königs gefördert zu haben. Schließlich gedenken Wir
in höchster Anerkennung der Männer, welche an der Hand
der Wissenschaft und Kunst diesen Bau schufen und in der
Dombauhütte Kräfte erzogen und leiteten, die mit Ausdauer
so Großes darstellten.

So begrüßen wir Alle dieses herrliche Denkmal und
bleibe es durch des Allmächtigen Gnade Frieden verheißend
auf allen Gebieten, Gott zur Ehre, uns zum Segen!"

Nachdem der Kaiser geendet, ergriff der Ober-
siräfident von Bardeleben das Wort zu einer längeren
Ansprache, und zum Schluß des Festakts trat der Vor-
sitzende des Dombauvereins, Konsnl Schmitz, an den
Kaiser heran, um ihm mit warmen Worten den Dank
des Bereins, der Stadt und des gesamten Vaterlands
für die huldvolle Förderung des großen Unternehmens
darzubringen nnd ihm die zur Ehre des Tages vom
Dombauvereine herausgegebene Festschrift zu über-
reichen, deren Berfasser, der städtischeArchivar vr.Ennen,
das Fest der Dombauvollendung leider nicht erleben
sollte. Nach Übergabe der Festschrift begann das fest-
liche Geläute der Glvcken, in welches die Kaiserglocke
in wirksamer Weise eingriff, und von den Wällen der
Stadt ertönte der Donner der Geschütze. Während
die Musik den Choral „Jiun danket alle Gott" an-
stimmte, wurde hoch oben auf dem Südturm die
Kaiser- und Königstandarte aufgehißt zum Zeichen, daß
der Schlußstein eingefügt und damit der Dom voll-
endet sei. Unter einem vom Oberbürgermeister Becker
ausgebrachten dreimaligen tausendstinimigen Hoch er-
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