Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Aus dem Florentiner Kunstleben.

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Medicäer den Künsten zu allen Zeiten ihrer Herrschaft
angedeihen ließ.

Die Ausstellung enthält zugleich eine Auswahl
von Handzeichnungen der Usfizien, Kirchengeräte,
Spitzen und Stickereien, Münzen und Medaillen,
Prunkgefäße und dergleichen mehr. —

Konnten die Berichte über die Florentiner Kunst-
ausstellungen der letztenZeit wenig Erfreuliches melden, so
gewährt uns die ersteiksposinions Intorns.2ion8.l6
äi gnaäri inoäorni schon ein anderes Bild; eines-
teils mag der Umstand, daß man in diesem Falle neben
den Künstlern des Auslandes auszustellen hatte, unter
den heimischen Krästen und ihren Werken zu einer sorg-
fältigeren Auswahl geführt haben, und dann bot die
eben zur Rüste gegangene vierte allgemeine Kunstaus-
stellung von Turin Gelegenheit, hier die größeren
und verdienstlicheren Schöpfungen italienischer Abstam-
mung in die Schranken zu führen. Was das Aus-
land zu dieser Ausstellung beigesteuert hat, beschränkt
sich im wesentlichen auf Pariser Bilder, und das Beste
ist von den Ausstellungen in München und Paris her
mehr oder weniger bekannt. Hollaud, Belgien und
Spanien waren schwach, noch schwächer Deutschland
vertreten.

Als Ausstellungslokal diente der im linken Stadt-
teil am Lung-Arno Serristori gelegene Palazzo Ser-
ristori, dessen im Jahre 1873 ausgebaute, der Kirche
S. Croce gerade gegenüberliegende Front eine stattliche
Reihe von größeren und kleineren Zimmern und Sälen
mit ausreichendem Lichte darbot.

Hier eröffnete König Humbert am 13. September
die Ausstellung. Dcr officielle, dritte Schlußkatalog
weist 369 Stücke nach, von denen einige wenige Num-
mern auf die Plastik kommen, eine andere, größere
Zahl den vorhandenen Radirungen, den Aquarellen
und Stiftzeichnungen zufällt. Die frauzösische Sektion
hatte vier größere Räume ausschließlich für fich occupirt,
vier andere Jtalien, während in den weiteren sieben
die 862ion6 inigts ihren internationalen Sitz aufge-
schlagen und neben den eigenen Landeskindern die Hol-
länder und Belgier, Franzosen und Deutsche, Schweden
und Engländer, Spanier und Amerikaner vereinigt hatte.

Nachdem wir auf dem Podest der großen Frei-
treppe an Delaplanche's liebreizender, frisch und
glücklich komponirter (wenn ich nicht irre, 1879 in
München mit einer Medaille 1. Klasse ausgezeichneter)
„Musik" vorbei passirt sind, fesseln uns, oben angelangt,
zwei vortreffliche Porträts von dem Engländer Watts,
der uns den Bibliothekar der königlichen Bibliothek
in London, Ant. Panizzi, vorführt, und Gaillards
bis ins kleinste Detail sorgfältig durchgeführter Mons.
de Sägur; beiden gegenüber hat Füßli's Bildnis des
hiesigenGaleriedirektors Chiavacci einen schweren Stand.

Durch den kleinen zweiten Raum, in welchem
einige Aguarelle und Stiftzeichnungen ausgestellt sind,
gelangen wir weiter zu den italienischen Sälen, in
denen technisches Kvnnen und Nichtkönnen, reiche An-
lage und Unvermögen bunt durcheinander laufen. Es
läßt sich indessen nicht leugnen, daß seit einer Reihe von
Jahren erhebliche Fortschritte gemacht worden sind.
Ob die einheimische Kritik aber gut thut, nun alles
und jedes in den hochtrabendsten Ausdrücken zu loben
und den Tadel möglichst hintan zu halten, muß da-
hingestellt bleiben. Von Domenico Morelli's „Ber-
suchung des heiligen Antonius", die uns von der
Turiner Ausstellung überkommen ist und hier, so zu
sagen, eines der Effektstücke bilden sollte, ist denn doch
zu mächtiger Lärm geschlagen worden. Die auf dem
Bilde sich als Versucherinnen gerirenden körperlosen
Wesen, die Matte, unter welcher die dem zusammen-
gekauerten Heiligen zunächst sich befindende ihre Künste
versucht, die Grotte selbst, in welcher der Vorgang spielt,
haben alle ein und denselben weichlichen Seifenton; die
Komposition ist zu schwächlich, als daß der Ruf gerecht-
fertigt erschiene, der auch diesem neuesten Werke des Neapo-
litaners voranging. Matteo Lovatti stellt ein großes
figurenreiches Bild aus, dessen Wert weniger in der
Komposition als in dem geschickten Vortrag des Ein-
zelnen liegt; es zeigt uns eine „Revue vor S. Ma-
jestät dem König Humbert": rechts im Vorder-
grunde der König mit Gefolge, links, nach hinten
gedrängt, die Bersaglieri in Reih' und Glied, Mann
für Mann — in der Anordnung alles sicher, eiue
getreue Nachbildung der Wirklichkeit, der nur die künst-
lerische Umgestaltung fehlt; die einzelnen Köpfe gut
individualisirt, wenn es auch bei manchem ihrer Träger
schwer fällt, das richtige Pferd für ihn herauszufinden.

Eine eigentümliche, gewiß viel versprechende Er-
scheinung ist Francesco Michetti; seine „Pescatori
di Tondine", Fischerinnen und nackte Buben, in der
blauen Meerflut stehend und mit dem Fange be-
schäftigt, sind in ihren Bewegungen gut Leobachtet und
trotz des grellen Farbenauftrags der keineswegs ein-
heitlichen Komposition eine vor vielen hervorragende
Leistung. De Alberti's große „Attacke der königlichen
Carabinieri bei Pastrengo" (im Kriege von 1848),
vom König auf der Turiner Ausstellung angekauft,
gehört in Zeichnung und Harmonie der Stimmung,
in Wahrheit und Wirksamkeit des Kolorits zu den
guten Bildern der italienischen Sektion, denen noch
De Nittis (Paris), Tito Conti und Francesco
Vinea mit guten Porträts, letzterer auch mit einer
Wiederholung seines größeren Bildes „Eine japanische
Venus", augereiht sein mögen. Prof. Fattori's
kleine Episode aus dem italienischen Kriege von 1866,
das Platzen einer Bombe in einer den Bergabhang
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