Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Todesfälle. — Sammlungen und Ausstellungen.

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Herr Turguet; aber wer wird schließlich die Schöne
heimführen? Wir wiffen es nicht. Nur scheint es
uns jetzt sehr wahrscheinlich, daß beide Herren leer
ausgehen und daß die von jetzt an freien Künstler
hinfort respeltvollst Regierung und Patronage laufen
lassen werden. Nehmen wir an, und diese Annahme
ist nur zu gut begründet, daß unsere schöne Jury aus
90 Mitgliedern mit den Erbauern des babylonischen
Turmes einige Ähnlichkeit haben werde, daß die Bild-
hauer nicht dieselbe Sprache wie die Architekten reden
und daß die Kupferstecher die Maler nicht verstehen
werden, ja, was die Maler selbst betrifft, so würde
ich mich sehr wundern, wenn Herr Bouguereau sich
mit Herrn Roll und Herrn Gervex verständigen würde:
ist es da nicht eine ganz gerechtfertigte Hypothese, wenn
ich annehme, daß man Reden halten, diskutiren, sich
streiten aber zu nichts kommen wird? Bedenken Sie,
daß die Aussteltungen bei uns am 1. Mai eröffnet
Werden, daß die Kunstwerke im Laufe des März ein-
geliefert werden müffen, und daß man vorher die Aus-
steller benachrichtigen muß. Wenn alles rechtzeitig
fertig werden soll, muß das Reglement vor dem
15. Februar veröffentlicht sein. Man hat also nur
noch einen Monat Zeit, um das alles in Ordnung zu
bringen. Und wenn man nicht rechtzeitig damit
fertig wird, ist es da nicht wahrscheinlich, daß die
Delegirten der famosen Jury eines schönen Tages ge-
schorenen Hauptes im Büßergewande Abbitte thun und
sich unserem Unterstaatssekretär zu Füßen werfen werden,
mit der inständigen Bitte, es zu machen wie früher
und die Ausstellungen in die Hand zu nehmen, wie
wenn man niemals daran gedacht hätte, sie seinen
Händen zu entreißen?

Wenn die Dinge diesen Lauf nehmen werden,
wer könnte leugnen, daß Herr Turquet dann die Partie
gewonnen hätte? Er würde die Schöne heimführen.

Glauben Sie nicht, daß ich ein Gegner der Frei-
heit der Künstler bin; im Gegenteil! Jch bin ihr
warmer Verteidiger. Unglücklicherweise ist aber die
Freiheit eine Treibhauspflanze; wenn man sie den Un-
bilden des Winters ohne Schutz und Vorsicht aussetzt,
muß man fürchten, daß sie erfriere. Wir haben in
Frankreich seit bald zwei Iahren einen Verein von
unabhängigen Künstlern, welcher sich zu dem Zwecke
gebildet hat, Specialausstellungen zu organisiren,
welcher einen eigenen Ausstellungsraum besitzt, dessen
Mitglieder ihre Plätze durch das Los zugeteilt be-
kommen. Der Verein prosperirt, er kann als Muster
gelten und für andere ein Gegenstand des Neides sein.
Jch meine den Verein der Aquarellisten. Wiffen Sie, wie
viel Mitglieder er hat? Zwanzig am Anfang, jetzt
glaube ich zweiundzwanzig, und seit dieser Vermehrung
ist die Harmonie schon ein wenig gestört! Bis zu den

dreitausend Mitgliedern, die da eben votirt haben bei
der Wahl der großen Jury, ist es noch weit, und ich
glaube, wenn der Verein der Aquarellisten 2978 neue
Mitglieder bekommen würde, so wäre es mit seiner
Harmonie für immer ans! Die Freiheit ist eine ernste
Sache, zu deren Bewerkstelligung man mehr als drei
Wochen braucht. Alle Welt rechnet auf eine Ausstel-
lung, die Künstler, um ihre Werke zu zeigen und zu
verkaufen, das Publikum, um sie zu bewundern oder
zu kritisiren. Vor allem andern muß sie stattfinden:
und sie wird stattfinden! Könnte man nicht hinterher
über die Principien diskutiren, ohne sie anzuwenden?

Die Hauptsache ist doch, daß wir all die schönen
Bilder, die man für uns malt, auch zu Gesicht be-
kommen, und daß diejenigen, die für ihren Ruhm ge-
arbeitet haben, auch den Lohn für ihre Mühen em-
pfangen! Glaubt man etwa, Hr. Henner wäre sehr
erbaut davon, wenn er seinen heil. Hieronymus sür sein
Atelier gemalt hätte, oder Hr. Bonnat seine Porträts
für seine Modelle? Hr. Carolus Duran arbeitet an
einem Bilde christlichen Gegenstandes, dem sicher die Be-
leuchtung im „Salon" noch beffer zu Gesicht stehen
wird als die einer Kirche. Und nun vollends Herr
Munkacsy, der auf dernächstenAusstellung ohneZweifel
eine der ersten Stellen einnehmen wird. Er arbeitet
gegenwärtig an einem riesigen „Ecce Homo": Pilatus,
zur Rechten des Beschauers, ist auf seinem Richterstuhl
in Nachdenken versunken, der öffentliche Ankläger steht
da mit erhobenen Händen, Christus im weißen Ge-
wande — doch ich darf das Geheimnis nicht weiter
ausplaudern. Das aber kann ich sagen, daß Herr
Mnnkacsy bei derBehandlung des für ihn ganz neuen
Gegenstandes in so großen Dimensionen sich selbst über-
trvffen, daß er auch bei dem Bilde religiösen Jnhalts
die unvergleichliche Originalität, den persönlichen Stempel
sich voll gewahrt hat, welche alle seinen Werken eigen
sind. Es ist alles neu, alles srisch ersunden in dieser
Darstellung, deren Gegenstand für längst erschöpft galt.
Es ist ein schönes Ding, niemand etwas schuldig
zu sein! Auch in der Kunst muß man sich auf die
Freiheit verstehen, und ich für mein Teil kenne keinen
— freieren Künstler als Herrn Mnnkacsy. A. B.

Todesfälle.

Der Tiermaler Eugen Verboeckhoven ist am 19. d. M.,
82 Jahre alt, in Brüffel gestorben.

Sammlungen und Ausstellungen.

b'. Berliner Nationalgalerie. Zu der vor einigen Mo-
naten für die Nationalgalerie erworbenen „Episode aus den
Kämpfen vor Metz" von Ludwig Kolitz in Düsseldorf ist
neuerdings noch ein zweites Gemälde desselben Meisters,
eine „Scene aus dem Gefecht bei Vendome", angekauft
worden. Dieses stellt die Eroberung eines auf einer An-
höhe postirten, von der in die Flucht geschlagenen Bedeckung
bereits verlasssnen französischen Geschützes durch preußische
Jnfanterie dar und ist bereits vor einigen Jahren entstanden.
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