Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Winterausstellung alter Meister in London.

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macht, ist neben der technischen Meisterschaft das Ein-
gehen auf das psychologisch Jndividuelle.

Die drei Bilder von Paulus Potter sind ohne
Ausnahme Werke, die ihresgleichen nicht leicht finden.
„Der offene Stall", mit der Datirung 1647, aus dem
Besitz von Mrs. Hope (Nr. 71) ist in der glücklichen
Wahl der Motive, in der geschickten Komposition, vor
allem aber in der Behandlung von Licht und Schatten
vielleicht unübertroffen. Jch kenne wenigstens kein Bild
des Meisters, das bci so mäßigeni Umfang eine schla-
gcndere Wirkung auöübte. Wenn Burger mit seiner
Behauptung, Potter habe dem Zusammenspiel von
Licht und Schatten möglichst aus deni Wege zu
gehen gestrebt, im Rechte gewesen ist, so hat sich
gerade hierin der Meister diesmal selbst übertroffen.
Der Stall befindet sich zur Rechten. Jn der offenen
Thür steht ein Schimmel, mit welchem ein Bauer be-
schäftigt ist. Dieser steht im Jnnern des Stalles, sein
heiteres Gesicht wird von einem Sonnenstrahl ge-
troffen, welcher den Jnnenraum in Helldunkel setzt.
Jm Hof steht eine Bäuerin mit einem Säugling an
der Brust. Ein zweiter Bauer ist hier einem Knaben
behilflich, ein Pferd zu besteigen. Man sieht, auch der
Gegenstand ist für den Meister außergewöhnlich. Den
Hintergrund bildet, wie zumeist, eine ausgedehnte Wiese
mit miniaturartigem Weidevieh.

Adriaen van der Velde ist durch kein felbständi-
ges Gemälde vertreten, doch zeigt er sich uns von seiner
liebenswürdigsten Seite in dem selbstlosen Eingehen
auf die Manier anderer, hier besonders des Van der
Heyden, bei derStaffirung derLandschafts- undArchi-
tekturbilder (Nr. 111 und Nr. 115). Von den Bildern
des Jan Steen sei nur das sogenannte Tauffest er-
wähnt (Nr. 100; Besitzerin Mrs. Hope). An der
Rückwand des Gemaches hängen hier drei Bilder, iü
der Mitte eine Landschaft im Stil von I. Both, zu
den Seiten zwei große Brustbilder von ausgelassenen
Bauern, offenbar nach Adr. Brouwer, seinem Lehrer,
und diese Bilder im Bilde stechen um so mehr in die
Augen, als der Maler selbst in der Charakteristik der
Figuren, welche die Scene beleben, noch verhältnis-
mäßig zahm erscheint. Der Zufall bringt es mit sich,
daß zahlreiche Gemälde von Jnterieurs in der dies-
jährigen Ausstellung an den Wänden hängende Bilder
zeigen, und es dürfte wohl nicht überflüssig erscheinen,
wenn wir hier beiläufig hervorheben, daß dieselben in
der Regel in schwarze Rahmen gefaßt sind. Es ist
schon von anderer Seite auf die praktische Bedeutung
dieser altholländischen Sitte für unsere modernen Bilder-
sammlungen derselben Schule hingewiesen worden, doch
hat der Kampf gegen Luxusrahmen, sofern sie die
Bildwirkung gefährden, bei unseren Galerieoberdirektio-
nen wohl noch wenig entschiedene Sympathien gefunden.

Die Bilder des Delfts chen Ver Meer scheinen in
England sehr selten zu sein. Seine Darstellung eines
Jnterieur mit einem Herren und einer Dame beim Wein-
glas im Besitz von Mrs. Hope (Nr. 93) ist ein gut er--
haltenes Werk des Meisters. Durch ein Fenster zur Linken
fällt breites Mittagslicht ein, ähnlich wiein dem bekannten
Dresdener Bilde. Von Pieter de Hooghe enthält die
Ausstellung nicht weniger als drei Werke, sämtlich mit
den drei Jnitialen bezeichnet. Das erste aus der Samm-
lung des Lord Strafford mit dem Datum 1658 schildert
einen Backsteinbau mit einem Thorbogen, welchen eine
Jnschrifttafel krönt. Jenseits des Thorbogens liegt
ein freier Platz. Der besondere Reiz des Gemäldes
beruht auf der Gradation des Sonnenlichtes in den
hintereinanderliegenden Räumen. Nicht nur das Pro-
blem, sonderu auch die Lokalität ist genau dieselbe, wie
in deni bekannten Bilde der Peel Collection in der
National Gallery Nr. 835, welcheS überdies das
gleiche Datum führt. Aus demselben Jahre stammt
das Bild „Die Kartenspieler" aus dem Besitz Jhrer
Majestät der Königin (Nr. 113), eine Komposition,
welche große Verwandtschaft mit dem Louvrebild Nr. 224
hat; Besitzerin des dritten Bildes, eines Jnterieur mit
drei Figuren, ist Mrs. Hope (Nr. 126). Dieselbe
Dame darf sich vielleicht rühmen, wenn anders ihr
Besitz an Kunstwerken sie geistig interessiren kann, den
feinsten Metsu zu besitzen: in einem Gemach sitzt eine
Dame am Fenster und liest einen Bries, während die
Dienerin den grünen Vorhang, welcher vor einem Bilde
an der Wand hängt, zurückzieht (Nr. 125). Es ist
unmöglich, die malerischen Qualitäten dieses Juwels
in Worten zu schildern. Nach meinem Geschmack ist
die Harmonie der Töne hier eine distinguirtere, als
bei jenem schlafenden Jäger in Hertford House, den
der Marquis of Hertford einst mit 80000 Franken
bezahlte und sür welchen von einem deutschen Mäcen
dann 100000 Franken geböten wurden. Dieser Hope'sche
Metsu hat überdies ein Pendant. Auf einem Tafel-
bilde von genau denselben Dimensionen schildert der
Künstler den Briefschreiber, einen jungen Herrn, ganz
in Schwarz gekleidet, der in einem sonnigen Gemache
an einem Tische mit einem kostbaren Teppiche sitzt. Die
Novelle, welche man dem Bilderpaar unterlegen kann,
macht sie nicht interessanter, aber das Faktum scheint
mir hier unbestreitbar, daß man damals schon, zum
wenigsten ausnahmsweise, Novellenserien malte. Be-
kanntlich hat Waagen gewisse Terborchsche Kabinets-
bilder zu einer Trompetergeschichte gruppirt, und es ist
heute noch fraglich, ob seine Hypothese überhaupt statt-
haft war. Die Ausstellung in Burlington House ent-
hält zwei Trompeterbilder von Terborch. Auf dem
einen (Nr. 108, bezeichnetes Original; 54^ om hoch,
42 oin breit) schreibt ein Offlzier einen Brief, neben
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