Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Ausstellung in der Berliner Nationnlgaleris.

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in den Arbeiten Morgensterns findet. Jn einigen Öl-
studien cms dem Elsaß (Stadt und Schloß Rappolts-
weiler, Haide von St. Hippolyt) tritt das Streben
nach starker und ausschließlicher Betonung der Formen
im Gegensatz zu den Licht- und Luftphänomenen in den
Vordergrund. Aber diese Arbeiten, die sast bis zur
Bollendung ausgefiihrter Gemälde gefördert sind, reprä-
sentiren doch nur eine vvrübergehende Phase in dem
Schaffen des Künstlers, welchcr viel zu sehr Kolorist
war, um dic Wirkungen der Farbe nicht in ihrer
ganzen Vielseitigkeit auszubeuten. Er entdeckte gleich-
sam den Reiz der poetischen Stimmung für die
Münchener Laudschaftsmalerei und wurde so der Be-
gründer derjenigen Richtung, welche in Eduard Schleich
und Advlf Lier ihren Höhepunkt gefunden hat. Die
etwas krankhafte Melancholie des ersteren lag ihm
freilich fern. Als begeistertem Romantiker war ihm
die untergehende Sonne das wWomtnenste Thema,
welches er in zahlreichen Variationen behandelte, dem er
aber auch immer ncne Reize abzugewinnen wußte.
Um diese Stimmungen voll ausklingen zu lassen, ge-
nügte ihm der kleinste Raum: zwei Tafeln mit je zehn
handgroßen Olskizzen, die im Besitze der Nntional-
galerie verbleiben, enthalten die O.uintessenz seines
nialerischen Könnens, zwanzig Ansichten des Starn-
berger- und Walchensees, alle unter verschicdenartiger,
pikanter Beleuchtung voll eines unbeschreiblichen Reizes,
welcher uns unwiderstehlich gefangen nimmt. Wenn
Mvrgenstern auch später Reisen nach Norddeutschland,
Helgoland, Oberitalien und dem Elsaß unternahm,
blieben doch Bayern und Tirol die Vvn seiner Kunst
bevorzugten Stätten.

Neben diesen kleinen Wundern des Lichts und
der Poesie nehmen sich die Landschaften und Ölstudien
von Antvnie Biel freilich etwas nüchtern und trocken
aus. Aber ihre Schöpserin war von derselben begei-
sterten Liebe für den reizlosen, einförmigen Ostseestrand
erfüllt, welche Morgenstern au die malerische Romantik
dcr bayerischen Seen fesselte. 1830 in Stralsund ge-
bvren, bildete sie sich anfangs bei Wilhelm Schirmer in
Berlin aus, dann in Düsseldvrf, nächstdem in Karlsruhe
unter Lessing und schließlich in PariS. Eine unge-
wöhnliche Euergie ließ sie alle Schwierigkeiten über-
winden, welche sich ihr in den Weg stellten, und
nameutlich gelang es ihr, ihre malerische Technik zu
ciner Virtuosität und Sicherheit auszubilden, die man
bei Fiauen selten findet. Jhre Gemälde zeigen keine
Spuren dilettantischer Schwächen, und in ihren Stu-
dien spricht sich eine Frische und Umnittelbarkeit der
Auffassung aus, eine so durch und durch gesunde An-
schauungsweise, daß man ihneu uuumwundenen Beifall
zollen inuß. Jhr Stoffgebiet war ein beschräuktes:
dcr pcrile Strand der Ostsee bei Stralsund und die

Gestade der Jnset Rügen. Wenn sie gelegentlich auch
Ausflüge nach dem bayerischen Hochgebirge oder nach
dem Spreewald machte, so war doch diese Erweiterung
ihres Horizonts nicht von Einfluß auf die Beslimmung
ihres künstlerischen Charakters, der im Küstenbilde be-
schlossen blieb. Die See in ihrer majestätischen Ruhc,
vom Strande beobachtet, auf welchem sich eine einsanie
Fischerhütte erhebt, ist ihr Lieblingsthema. Tiefe
Schwermut lagert auf der stahlblauen FlÄche, auf
dem Küstensande, auf dem spärlichen Graswuchs; aber
diese Schwermut ist nicht hineingetragen, svndern sie
ergiebt sich ungesucht aus dem Charakter der Landschaft-
Fehlt ihr auch sonnige Heiterkeit, so sieht man doch
warme Begeisterung und innige Liebe aus ihr hervor-
leuchten. Antonie Biel ist es ergangen, wie es schon
viel größeren Künstlern ergangen ist: in der unmittel-
baren Naturstudie spricht sich ihr liebenswürdiges
Talent viel reiner und frischer aus als in den ausge-
führten Gemälden, deren sorgsame und peinliche Voll-
endung dem Ganzen oft den Reiz der lebendigen
Jntuition raubt. —

Eine große Überraschung wurde allen Kunstfreun-
den durch die Ausstellung der Werke Franz Krügers
zu teil. Die Meisten kannten ihn nur aus seinen
grvßen Ceremonienbildern, welche im königlichen Schlosse
so hoch und so schlecht beleuchtet hängen, daß sie nie-
mattd nach ihrem Verdienste würdigen kann, aus der
grvßen Parade in Berlin vom Jahre 1837 und aus
der Huldigung von Friedrich IV. im Jahre 1840 im
Berliner Lustgarten. Diese großen Gemälde mit ihren
hunderten von Porträtfiguren galten allgemein als
trockene, langweilige Ceremonienbilder, die höchstens
einen lokal-geschichtlichen Wert beanspruchen durften,
als Gedenktafeln an Ereignisse, die längst durch größere
überholt und in Vergessenheit gebracht worden sind.
Nun wird mit einem Male das eine dieser Bilder,
die große Parade, an das Tageslicht gezvgen, und mit
ihm hunderte von leichtaquarellirten Blcistiftporträts,
welche als Studien zu diesem und dem Huldigungs-
bilde gedient haben, hnnderte vvn Studien in Öl nach
der Natur, Reiterbildnisse, militärische Studien für die
Paradebilder, die Krüger für den Kaiser von Rußland
gemalt hat — und mit einem Male eutrvllt sich vor
uns eine künstlerische Jndividualität von ungeahnter
Kraft und Ursprünglichkeit. Das ist nicht mehr der
Philiströse Militärmaler, der am liebsten Uniformröcke
und Pferde malt, das ist ein großer Sittenmaler, der
für seine Zeit war, waS Chodowiecki und Menzel fiir
die ihrige. Und da wir diese beiden Namen einmal
genannt haben, fällt es uns wie Schuppen von den
Augen, wird uns plötzlich ein historischer Zusammen-
hang klar, den wir lange gesucht habeN. Wie war das
uuvermittelte und unvorbereitete Auftreten Menzels in-
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