Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Zur Erinnerung an Ferdinand von Quast.

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übernahm unter sehr schwierigen Verhältnissen die Ber-
waltung seines großen Gutes, welche er dann auch
sein Leben lang niit Liebe und Umsicht geleitet hat.
Hier bot sich ihm auch bald Gelegenheit zu künst-
lerischer Thätigkeit. Das Herrenhaus zu Radensleben
war ein alter kunstloser Holzbau, welchen Quast nach
und nach umbaute, dabei jedoch alle irgendwie wert-
volleren Teile aus älterer Zeit sorgfältig konservirend.
Zunächst legte er, einer in Goethe's „Wilhelm Meister"
gegebenen Jdee folgend, das großartig konzipirte und
künstlerisch geschmückte Treppenhaus an, welches zugleich
als Gartensalon dient. Sein gleich anfangs gefertigter
Entwurf zu einem neuen Herrenhause ist niemals voll-
ständig zur Ausführung gekommen; das alte hölzerne
Wohnhaus steht zum größten Teil noch heute. Doch
schloß er an dasselbe mancherlei Zierbauten an, eine
Lreite Rampe, lang sich hinziehende, von Wein um-
rankte Pergolen, ein sogenanntes Kaffeehaus, das er
im pompejanischcn Stil schniückte, ein Pflanzenhaus rc.
und einen Garten, welcher sich allmählich zu einem
umfangreichen, nach großem einheitlichen Plane ange-
legten Parke erweiterte, an welchen dann die Nutzselder
des Gutes und der Wald zu gemeinsamer landschaft-
licher Wirkung sich anschlossen. Den Park schmückte
er später mit schön profilirten Vasen und antiken Mar-
morstatuen und die Zimmer seines Hauses mit Kunst-
werken aller Art, alten und niodernen Gemälden,
Handzeichnungen alter und jüngerer Meister, Kupfer-
stichen, Statuetten und Reliefs aus Terrakotta und
Bronze, antiken Thongefäßen, venetianischen Gläsern,
Majoliken, antiken Gemmen nnd Münzen, selbst ethno-
graphischen Gegenständen u. a. m., welche er im Lause
der Zeit, während seiner vielen Reisen, nach und nach
erworben hatte. Sein Herrensitz war schließlich ein
durch Natur und Kunst reich geschmückter reizvoller
Aufenthalt geworden. Th. Fontane hat ihn in seinen
„Wanderungen durch die Mark Brandenburg" in ver-
ständnisvoller Wcise geschildert.

Seit 1832 lebte Quast meist wieder in Berlin,
Ubte sich mit Strack, Wiebe, Salzenberg, Drewitz, Karl
Hoffmann u. a. Architekten im Projektiren von Bau-
lichkeiten, wurde auch Mitglied des kurz vorher ge-
gründeten Architektenvereins und beteiligte sich fleißig
und mit Erfolg an den Konkurrenzen desselben. Jm
Jahre 1832 machte er eine Reise durch das Riesen-
gebirge, auf welcher er vorzugsweise landschaftliche
Studien betrieb und im Jahre 1834 unternahm er
die erste größere architektonische Studienreise nach dem
Niederrhein, Holland, Belgien und Frankreich, während
welcher er die Bauwerke des Mittelalters vorzugsweise
mit Riicksicht auf die Zeit ihrer Entstehung und ihr
gegenseitiges Verhältnis zu einander untersuchte, dabei
aber auch die älteren Skulpturen und Gemälde nicht

vernachlässigte. Über einige Einzelheiten dieser Reise
hat er später in Kuglers Museum (Jahrgang 1834)
Bericht erstattet.

Nachdem Quast im Jahre 1836 sein Eramen
als Baukondukteur bestanden, bereiste er vom September
1838 bis August 1839 ganz Jtalien, hiclt sich zunächst
längere Zeit in Ravenna auf, wo er Aufnahmen
der hervorragendsten Baudenkmäler fertigte, und publi-
zirte diese dann im Jahre 1842. in einem besonderen
Kupferwerke, welches für alle späteren Forschungen
Grund legend geworden ist. Dann weilte er zwei Mo-
nate in Florenz, zeichnete daselbst u. a. eine große, sehr
sorgfältig ausgeführte Ansicht des Domes, der auf ihn
einen besonders tiefen Eindruck gemacht hatte. Auch
studirte er dort mit Vorliebe die ültere toskanische
Malerei und Skulptur, war auch so glücklich, einige
wertvolle Gemälde aus der ältesten Epoche der italie-
nischen Malerei und einige größere Arbeiten aus der
Schule der Robbia zu erwerben. Jm Rom blieb
er acht Wochen, wohnte der Ausgrabung des Forums
bei und studirte besonders die altchristlichen Basiliken,
sowie die Prachtanlagen der Billen in und bei der
Stadt. Dort machte er u. a. auch die Bekanntschaft
des Kunstforschers vr. W. Schultz aus Dresden, dessen
unvollendet hinterlaffenes, großes Werk über die Kunst-
denkmäler von Unteritalien Quast später mit Hilfe
des Or. Ernst Strehlke vollendet und im Jahre 1860
herausgegeben hat. Von Rom ging Quast über Neapel
nach Capri, Amalfi, Pästum, bereiste dann ganz Sici-
lien, begab sich darauf zu Waffer über Genua nach
Mailand, wo er zum erstenmale die interessante alte
Kirche San Lorenzo wissenschaftlich untersuchte, und
kehrte dann durch die Schweiz und über Frankfurt nach
Berlin zurück, wo er einen kurzen Bericht über seine
Reise im 2. und 3. Bande von Menzels Jahrbüchern
der Baukunst publizirte.

Bald nach seiner Rückkehr verheiratete Quast sich
mit einer Tochter des Generals v. Diest und lebte nun
bis zum Jahre 1848 in Berlin, wo er in dem
Hause seines Freundes Stüler wohnte, brachte jedoch
jährlich mehrere Sommermonate, seit 1848 dauernd,
auf seinem Gute Radensleben zu.

Nachdem er seine Reisestudien wiffenschaftlich ge-
ordnet, darüber auch Borträge im Architektenverein
und im Museum gehalten hatte, bearbeitete er auf
Beranlassung des Buchhändlers Gropius das große
Werk des Engländers Jnwood über das Erechtheion
zu Athen, vervollständigte die Darstellung desselben
durch Aufnahmen von Schaubert und schrieb einen
völlig neuen Text dazu. Auch bearbeitete er, infolge
einer Anregung von Seiten Stülers, eine deutsche Aus-
gabe des großen Denkmälerwerkes von Agincourt.

2m Jahre 1842 übernahm Quast eine Bau-
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