Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die neueste Erwerbung der Berliner Galerie.

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seine eigenc Einrichtung, mntmaßlich für sein Musik-
zimmer schuf, die eigentiimliche Wärme und den blu-
migen Ton der Farbe seiner letzten Zeit voraus hat.
Die Färbung wird, wie in jedem guten Figurenbilde,
durch die Karnation bestimmt, welche nach der Eigen-
art der sriiheren Zeit des Meisters durch den Gegen-
satz der roten Reflexe und der blauen Halbschatten im
Fleisch ihre eigentiimliche Lebenswahrheit und Leucht-
kraft erhält. Jn den positiven Farben, deni tiefen
Rot des Gewandes der Libye und dem kühlen Blau
in Neptuns Gewande, erhalten die gleichen Farben im
Fleisch ihren Rückhalt; diese bewirken, daß die Kar-
nation nicht bunt und hart erscheint. Die fahlen gclb-
lichen und schwärzlichen Farben der Tiere, das tiefe
bräunliche Segel vollenden das Farbenkvnzert des
Bildes, dessen Harmonie und Leuchtkrast der Reinheit
und Kraft der Farben gleichkommt. Durch das Segel,
welches über eincn Teil der Gruppe Schatten verbreitet,
hat der Künstler ein anziehendes Helldunkel mit dem
hellen Sonncnschei», der aus dem Bilde ausstrahlt, zu
vereinigen verstanden.

Alles das sind Eigentümlichkeiten, die in ähnlichcr
Meisterschaft, in ähnlicher Macht sich in keincm Ge-
mälde irgend eines Schülers, geschweige eines Nach-
ahmers finden, die aber auch den von seinen Schülern
im Atelier des Meisters ausgeführten Gemäldcn nicht
im gleichen Maße eigen sind. Aber die Behand lung
—- ja, da sind wir bei dem Punkte angelangt, bei dem
alle Bedenken anknüpfen. Aber diese Behandlung ist
genau so charakteristisch für Rubens, bezeugt die Echt-
heit des Bildes und die eigenhändige Vollendnng des-
selben durch den Meister ebenso sehr wie die Färbung,
die Karnation und die Komposition —- freilich für
eine ganz bestimmte, für eine frühe Epoche seiner
Thätigkeit. Nicht cines, sondern eine ganze Reihe von
Gemälden, meist in zweifellosester Weise bezeugt, lassen
sich anführen, die in gleicher vder ganz ähnlicher Art
behandelt und durchgeführt sind; und uuter denselben
gerade eine Anzahl Gemälde, welche in der Wahl und
Auffassungsweise des Gegenstandes wie nach der male-
rischen Ausführung sich als eine zusammengehörige
Gruppe darstellen, zu welcher auch unser „Neptun und
Libye" gehört.

Vorweg sei bemerkt, daß wir unabhängig von der
Zeit der Entstehung unter den Werken des Rubens
schon aus zwei rein äußerlichen Gründen eine Reihe
ausnahmsweise durchgeführter wie abweichend behan-
delter Gemälde finden. Der eine Grund ist die Be-
nutzung der Leinwand statt der von Rubens bevor-
zugten Holztafel: während der mit Öl getränkte
Kreidegrund der Holztafel dem Meister eine sehr
Mssige Primabehandlung gestattete und die Frische
Md Leuchtkraft der Farben in wunderbarer Weise kon-

servirte, bedingte der kalte graue Grund, mit welchem
Rubens (wie auch in unserem Bilde) die Leinwand
übcrzog, eine mehr deckende Malweise und einen ctwas
kühleren Ton der Färbung. Jnsbesondere begegnen
wir aber einer Durchführung, die bis zu einer dem
Meister sonst völlig fremden Berlengnung der Pinsel-
führung geht, in denjenigen Gemälden, in welchen der
Künstler seinem Auftraggeber etwas ganz besonders
Vollendetes liefern wollte. Schon Sir Josuah Rey-
nolds, untcr den Künstlern einer der glühendsten Ver-
ehrer und besten Kenner der alten Meister, niacht
hierauf ausdrücklich aufmerksam. Von bekannteu Ge-
mälden dieser Art nenne ich das Bildnis der Elisabeth
von Frankreich, Gemahlin Philipps IV., im Louvre;
die Kiuder mit dem Fruchtkranz in der Münchener
Pinakothek; die Findung des Erichtonios beim Fürsten
Liechtenstein in Wien; Cimone, dcr die Efigenia findet,
im Belvedere zu Wien (ein Bild, das Rubens 1625
an den Herzog von Buckingham mit dem Bemerken
verkaufte, die Figuren seien gauz von seiner Hand);
die Bildnisse eines Franziskanergeistlichen und des
Kardinalinfanten Ferdinand in der Münchener Pina-
kothek; namentlich aber ebenda das große jüngste Ge-
richt, Rubens' umfangreichstes Gemälde. Bei den
meisten dieser Bilder, namentlich aber bei dem letzten,
sind insbesondere in Künstlerkreisen die Zweifel an
der Eigenhändigkeit, wenn nicht gar an der Echtheit
sehr verbreitet. Und doch besitzen wir gerade für dieses
Bild, welches Rubens 1617 für den Herzog Wolfgang
von der Pfalz-Neuburg volleudete und mit dem ganz
außerordentlichen Preise von 3500 fl. bezahlt erhielt,
das eigene Zeugnis des Künstlers, daß er es eigen-
händig ausführte.

Doch davou abgesehen ist die sorgfältige und doch
ganz eigenhändige Durchführung eines der Merkmale
sür die erste selbständige Epoche des Künstlers, un-
mittelbar nach seinen Studienjahren in Jtalien, d. h.
etwa sür die Jahre 1609 — 1612. War Rubens Vvr
seiner Reise nach Jtalien unter dem Einflusse seiner
Lehrer noch schwer und kühl in der Färbung, glatt
und vertrieben in der Behandlung, metallisch in den
Lichtern—wie in der „Verkündigung" im Belvedere —,
so sehen wir ihn in Jtalien eine Zeit lang dem über-
wältigenden Eindruck der großen italienischen Meister
unterliegen: vor allen (neben der Antike) dem Michel-
angelo und Giulio Romano in der Formengebung
und Erfindung, dem Tizian und Tintoretto im Kolorit
und in der Färbung, dem Caravaggio in der Be-
leuchtung. So — um nur aus deutschen Galerien
einige Beispiele zu nennen — im „Trunkenen Herkules"
und der „Glorifikation Herzogs Biucenz von Gonzaga"
in der Dresdener Galerie, in der gleichen Darstelluug
sowie im „Seneca" und im „Martyrium des heiligen
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