Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Restaurirung des Domes zu Braunschweig.

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die ja durch Ornameute auch hätte erzielt werden
können. Die Wandbilder sollten gleichsam das von
der Kanzel herab gesprvchene Wort illustriren, die
Malcreieu für das vhnehin des Lesens meist unkundige
Volk cin illustrirter Katechismus scin. Die in roma-
nischen Kirchen erhaltenen Gemälde weisen durchweg
aus dieses Ziel hin, und es hatte sich unter dem wach-
samen Auge der Kirche stir die Maler ein besvnderer
Kanon herausgebildet, der auf dem Glaubenskanvn
ruht. Dic Wahl des Stvffes, die Reihenfolge der
Bilder war fest normirt, der Maler hatte nur in
Nebendingen vder — später — bei histvrischen Dar-
stellungen aus dem Kreise der Legende einige Freiheit
sclbständigcr Bewegung. Die Kirche komponirte, dcr
Maler fiihrte das Gegebene aus. Auch Lie oft vor-
kommenden Bibeltexte, welche die Bedeutung der Bilder
erklären sollcn, deuten anf denselben Ursprnng hin.
Diese Texte machten auch cine abgekiirzte, svzusagen
monogrammatisch aufgefaßte Darstellung möglich, wv
eine Gestalt fiir eine gewisse Begebenhcit stellvertretend
crschcint.

Das Gesagte sindet in den Brannschweiger Dvm-
bildern die vollste Bestätigung. Der Chor, welcher
sich über das Schiff des Gotteshauses um einige Stufen
erhebt, stellte nach der mittelalterlichen Auffassung der
Kirche das himmlische Jernsalem dar. Am Gewölbe
der Vierung ist dieses durch einen Mauerkreis, in dessen
Mitte das Lamm mit Kreuzesfahne und Kelch steht,
angedeutet. Durch zwölf Thore der Einfriedigung
treten die zwölf Apostel hervor, die zwölf Artikel des
Glaubens (s^mbolum ^postolorum) aussprechend.
Unter diesen, in den Ecken des Gewölbes, acht Pro-
pheten, als die Grundsteine der Kirche. Der iibrige
Rauni um das Lamm enthält in sechs Feldern Scenen
aus dem Leben Christi. Jm Gewölbe des Chorquadrats
ist der Stanimbaum Christi gemalt, und weil hier
sonst der Hauptaltar stand, sind dic Bilder der Wände,
das Opfer und der Tod Abels (nördlich) und dic
eherne Schlange und der Dornbusch Mosis (südlich),
als vorbildliche Typen des neutestamentlichen Opfers
anfzufassen. Jn demselben geistigen Kvnnex stehen auch
die Bilder des Gewölbes des südlichen Kreuzarmes:
Auferstehung und Himmelfahrt Christi, dic klugen und
thvrichten Jungfranen. Zwei kvlvssale Engelfiguren
verwehrcn letzteren den Eingang zum himmlischcn Jeru-
salem. An den Wänden des Chorguadrats und des
siidlichen Kreuzarmes befinden sich in chronologischer
Anordnung verschiedene Sericn histvrischcr Bilder, die
reliefartig in mehrcren Reihen Lbereinander stehen.
So im Chorquadrat nördlich die Geschichte des Jv-
hannes Baptista, gegenüber, siidlich, die Legende des
heiligen Blasius und die Gcschichte des heiligen Thomas
Becket. Alle drei nehmen als Patrone des Domes eine

bevorzugte Stelle ein. Der Bischvf von Canterburp
ist 1170 auf Veranlassung des Schwiegervaters Hein-
richs des Löwen (Heinrichs II.) ermordet worden. Als
er 100 Jahre später heilig gesprochen wurde, mag er
vom Nachfolger Heinrichs gleichsam zur Sühnc als
Patron aufgenommen worden sein. An den unteren
Wänden des südlichen Kreuzarmes setzen sich die histo-
rischen Scenen fort, so die Geschichte der Helena und
die Leiden verschiedener Märtyrer. Die alten Male-
reien sind so weit erhalten, daß man ihren Jnhalt
deutlich erkennen kann. Teilweise waren sie wohl auch
beschädigt, aber der Restaurator hatte hier doch eine
seste Unterlage für seine Arbeit. Leider ging die Er-
gänzung oft zu weit, so daß einzelnes dem Original
ganz sremd gegenüber steht. Die Zeichnung giebt ein-
fache Umrisse, die fast nur mit dem Lokaltvn ausge-
füllt sind. Der Grund ist mcist blau (als Äther, wie
der Goldgrund den Himmel bedeutet), die ornamen-
talen Beiwerke sind sehr schön. Daß mehrere Hände
an der Malerei teilhaben und diese mindestens hundert
Jahre zu ihrer Vollendung brauchte, ist aus dem Reich-
tum wie aus der Verschiedenheit der Arbeit leicht zu
ersehen.

Aus diesen erhaltenen Bildern soll nun auf den
Jnhalt der zerstörten ein Rückschluß erfolgen. So
leicht ein solcher nach dem, was wir oben gesagt
haben, erscheinen dürfte, so bietet er doch auch seine
Schwierigkeiten. Jn der Apsis des Chores, die wegen
Baufälligkeit umgebaut wurde, gingen dieBilder gänzlich
zu Grunde und es ist zu bedauern, daß nicht vorher
Pausen davon aufgenommen wurden. Hier war der
thronende Erlöser dargestellt, wie er mitten in seiner
Genieinde waltet.

Wie war aber der Jnhalt der Bilder in dem
nördlichen Kreuzarm beschaffen? Dic spärlichen Über-
reste, die sich hier vorfanden, erlaubtcn keinen Schluß
auf die Darstellungen, denen sie angehörten. Jeden-
falls zeigte das Deckengemälde das jüngste Gericht; die
Wände darunter dürften eine Reihe von Darstellungen
aus der Passion enthalten haben. Als die altcn Male-
reien 1845 wieder entdeckt wurdcn, dachte man svgleich
an eine Renovirung und Vervollständigung derselbcn
und der Galericinspektvr Brandes crhielt den Auftrag,
biese Arbeit zu unternehmen. Wir sagten bereits, daß
er bei der Renovirung des Erhaltenen oft zn weit ging.
Für den nördlichen Kreuzflügel aber komponirte er den
Bildercyklus vollständig neu. Diese Kompositionen
stehen, was Form nnd Gedgnkengang anbelangt, im
vollsten Widerspruche mit den alten Darstellungen und
drängen sich in ihrer modernen Durchführung breit-
spurig vor. Wenn man sie auch, abgesehen von dem
Orte, wo sie sind, schön finden kann und jede Kom-
pvsition als „Bild" dem modernen Auge wohl thut,
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