Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

Seite: 617
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1881/0311
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
617

Nekrologe. — Kunstunterricht und Kunstpflege.

618

Lebensfähigkeit erwiesen. Jede Woche erscheinend, befaßt
sich das Blatt vorzugsweise mit holländischer Kunstgeschichte
und hat im übrigen ein unserer Kunst-Chronik ähnliches
Programm, nur daß dieses mehr auf die heimischen Ver-
hältnisse zugeschnitten ist. Von bemerkenswerteren Artikel»
aus dem laufenden Jahrgnnge heben wir hervor: die bio-
graphischen Skizzen von Reynolds, Turner, Gainsborough,
Cornelis Troost, Brouwer und Craesbeeck, ferner Aufsätzs
über die Malereien in dem Gotischen Saale des Haag, über
den ehemaligen Kapitelsaal im Dom zu Utrechtf über die
Wälle und Thore von Haarlem, über drei frühe Gemälde
von Rembrandt, über den Utrechter Maler Willarts, über
Diederick van der Lisse, über den Pariser Salon. Unter
den Mitarbeitern begegnen wir einigen der bekanntesten
Kunstforscher Hollands und Belgiens wie Max Rooses, Viktor
de Stuers, A. Bredius u. s. w.

8n. „Die Hohcnzollcrn und kas keutsche Vaterland" ist
der Titel eines bei Fr. Bruckmann in München erscheinenden,
in Format und Ausstattung den von dem Stuttgarter Ver-
lagshandel kultivirten illustrirten Folianten sich anschließendes
Prachtwerk, dessen Text die gemeinsame Arbeit des Grafen
Stillsried-Alcäntara und des Prof. Bernhard Kugler
ist. Die Jllustration wurde, wie die übliche Phrase lautet, den
„ersten" deutschen Künstlern in die Hände gelegt. Sis be-
schränkt sich jedoch, wie aus der vor uns liegenden ersten
Lieferung hervorgeht, keineswegs auf moderne Phantasie-
bilder, sondern zieht auch urkundliche Darstellungen, Minia-
turen, Münzen, Wandgemälde rc. in ihren Kreis, darin dem
immer mehr auf das Echte gerichteten antiquarisch-historischen
Zuge des litterarischen Geschmacks folgend. Unter den
Jllustratoren erscheinen zwar nicht lauter „erste" Künstler,
wohl aber solche, deren Namen einen guten, ja weithin ver-
nehmlichen Klang haben. Am interessantesten war uns in
der ersten Lieferung das Holzschnittfacsimile einer Kreide-
zeichnung, die Marienburg darstellend, von Ad. Menzel, aus
dem Jahre 18b5. Wir werden auf das groß angelegte
Unternehmen, wenn dasselbe weiter fortgeschritten ist, zurück-
kommen.

x. Ein Album der Certosa bei Pavia, in 20 photogra-
phischen Aufnahmen von R. Noack in Genua, ist kürzlich bei
Theodor Schüller in Leipzig erschienen. Außer drei Haupt-
ansichten des durch den Reichtum seines dekorativsn Schmuckes
fast einzig dastehenden Prachtstückes der Frührenaissance
enthält die in stattlichem Quartformat sich präsentirende
Mappe eine große Anzahl von Detailblättsrn, welche sich
fast alle durch Klarheit der Formen auszeichnen; als einziges
Werk der Malerei ist ein Madonnenbild von Luini auf-
genommen. Bei den Skulpturen aus dem Kreuzgange, der
ebenfalls in tresflichen Gesamt- und Einzelansichten aufge-
nommen ist, hatte der Photograph mit der Ungunst der
Beleuchtung zu kämpfen, so daß die Reliefs etwas verschleisrt
erscheinen. Unwillkürlich regt sich beim Durchmustern der
Mappe der Wunsch nach einer größeren Ausdehnung des
- dankenswerten Unternehmens in Bezug auf Detaildarstel-
lungen. Namentlich erwünscht wären einige Blätter, welchs
die seine Ornamentik der Fassade in größerem Maßstabe
und in scharf gsometrischer Vorderansicht zur Anschauung
brächten.

Nekrologe.

Ferdinand Boy, Bildhauer, starb zu Berlin am t. Okto-
ber v. I. im Alter von mehr als 70 Jahren. Er stammts
ausRuß iu Preußisch-Litthauen, erlernte seine Kunst in Berlin
bei Rauch und Tieck und zeigte eine besondere Begabung sür
das Ornament, wodurch er Schinkels und Beuths Aufmerk-
samkeit auf sich zog. Am 1. Oktober 1829 wurde er als
Lehrer für das Modelliren in Holz und Gips am damaligcn
Gewerbeinstitute in Berlin angestellt, welches Amt er 44
Jahre beklcidete. Am 1. Okt. 1873 trat er unter gleich-
zeitigcr Verleihung des roten Adlerordens 4. Kl. in den
Ruhestand. — Boy hat zahlreiche Ornamente und Architek-
turteile modellirt, von denen noch manche in den Sammlungen
der Gewerbeakademie vorhanden sind. Verschiedene Kunst-
gegenstände wurden auch in dieser Anstalt nach seinen Modellen
in Erz gegossen, doch sind dieselben nicht mehr nachzuweisen.

An der großen Bronzeschale von Schinkel, die im Hofe der
Gewerbeakademie steht, führte er die Ornamente aus. Auch
war er sehr geschickt im Schnitzen von Holz und Elfenbein.
Von solchen Arbeiten bewahrt die Gewerbeakademie eine
„Tyche" in Holz und eine „Venus" in Elfenbein, beide nach
der Antike. Eine Büste Gottf. Schadows nach A F. Fischer,
in Elfenbein, besitzt der Museumsdirektor Prof. Or. Riegel in
Braunschweig. Boy's Hauptwerk auf diesem Gebiete ist aber
jedenfalls eine kunstvolle Kassette in Elfenbein, welche er
für die Königin Elisabeth von Preußen ausführte. Mehrere
seiner Arbeiten sind auch ins Ausland, namentlich nach Ruß-
land gekommen. Auf Beuths Veranlassung hat Boy ein
Bohrwerk konstruirt und anfertigen lassen, iiiit welchem tief
unterschnittene Falten in Marmorwerken, wie sie in der An-
tike vorkommen, hergestellt werden sollten. Dies gelang auch,
aber die Maschine erwies sich doch als zu komplizirt und kann
deshalb nur als ein beachtenswerter Versuch gelten, das
Problem jener technischen Schwierigkeiten, über die schon viel
debattirt wurde, zu lösen. — Boy war ein Mann von höchst
ehrenhaftem Charakter, ein entschiedener Feind alles Unwahren
und Falschen; für seine Kunst und alles Schöns besatz er ein
offenes Auge und eine warme Empfindung. Er blieb unver-
heiratet.

v. 8. Ferdinanr Wagner Am 13. Juni starb zu
Augsburg nach langem schweren Leiden der Historienmaler
Ferdinand Wagnsr, welcher in Schwabmünchen 1820
geboren war und unter Cornelius und Schnorr an der
Münchener Akademie seine künstlerische Ausbildung erlangte.
Jn seinem Heimatsorte, wohin er 1848 zurückkehrte, um sich
einen eigenen Herd zu gründen, sührte er sein erstes größerss
Werk: „Das jüngste Gericht" an der Decke der Pfarrkirche
aus. Später entstanden seine Frescogemälde in der Kirche
zu Königsbrunn auf dem Lechfelde. Diese veranlaßten den
Fürsten Fugger-Babenhausen ihm die künstlerische Aus-
schmückung der östlichen Fassade des Fuggerhauses in Augs-
burg zu übertragen. Komposition und Aussührung dieser
Malereien erwarben ihm vielseitigs Anerkennung, die sich
in verschiedenen auswärtigen Aufträgen kundgab. So malte
er die Fresken an der Außenseite des Konstanzer Rathauses
und führte die grau in grau gehaltenen Wandmalereien am
Hause der sieben Kurfürsten, sowie die Ausschmückung des
Rathauses und der neuen kath. Kirche in Breslau aus. Hier
trübte sich aber der Himmel seines künstlerischen Lebens.
Denn ein plötzlich eingetretenes nervöses Gesichtsleiden, das
er sich nach seiner Behauptung an den feuchten Wänden
beim Frescomalen zugezogen hiitte, erschwerte fortan unge-
msin Wagners Thätigkeit, die sich jetzt längere Zeit nur
auf Staffeleigsmälde, Altarbilder und Porträts beschränken
inußte. Bei letztsren war er nicht so glücklich wis bei den
historischsn Kompositionen und verfiel in eine gewisse Härte
der Modellirung. Zwei seiner Porträts, dsn Freiherrn von
Beck und den Maler Joh. Fröschle darstellend, dürfen jedoch
als gute Leistungen hervorgehoben werden. Unter den Ar-
beiten seiner besten Zeit sind noch die für Meiningen in
Fresco gemalten Altarbilder: „Die Anbetung der heiligen
drei Könige", „Die Taufe Christi" und „Die Kreuztragung"
zu nennsn. Wagners letzte größere Leistung waren die
Wandgemälde in der von Kreisbaurat Karl Bernatz im
romanischen Stil erbauten Stadtpfarrkirche zu Friedberg bei
Augsburg, unter wslchen sich besonders die „Bergpredigt
Jesu" durch seine Empfindung und edle Ausfassung aus-
zeichnet. Die verschlimmerte Wiederkehr seines Leidens ge-
stattete dem Künster nicht mehr die Vollendung sämtlicher
übernommener Bilder; er machte daher dsn Versuch, seine
Entwürfe, wie z. B. diejenigen sür die Lünetten und Friese
zu dem Deckengeinälde in Schwabmünchen, die nach einer
langen Reihe von Jahren nachtrüglich bei ihm bestellt wurden,
durch andere Kräfte ausführen zu lassen; doch konnte disses
Auskunftsmittel ihm die Befriedigung sslbst durchgeführter
Arbeit natürlich nicht gewähren.

Amistunterricht mid Aunstpflege.

Jiiveiitarisiruiig dcr Baurciikmale in dcr Psalz. Jn
ihrer 29. Versammlung v. I. 1879 faßte die Pfälzische Kreis-
gesellschaft des Bayr. Arch.- u. Jng.-V. den einstimmigen
Beschluß, die Aufstellung eines Verzeichnisses der in ihrem
Bezirk vorhandenen Baudenkmale und zügleich die bildliche
loading ...