Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Kunstlitteratur.

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dazu zu bewegen waren, all den schönen Steinmetz-
arbeiten durch Ätzung den altersgrauen Schein der
Zerstörnng zu geben. Man kam ferner glücklicher-
weise zu der Einsicht, daß die Gartenseite in ihrer
langen Ausdchnung irgcnd cine Unterbrcchung habcn
müsse, und legte dem ersten Stockwerk in der Mitte
einen langen Balkvn vor. Schon srüher war man von
der gräulichen, von außen emporführcndcn Gußeisen-
treppe abgekommen, welche, schon angebracht, wieder
entfernt wurde. Der rückwärtsliegende Teil des Ge-
bäudes erhebt sich auf einer Säulenhalle mit Spitz-
bögen, welche durch mächtige Bronzegitter von unten
bis oben geschlossen ist. Sehr störend wirkt das brvn-
zirte Gitter, welches, auf hohem Sockel sich erhebend,
und durch zwei Thorcunterbrvchen, das Ganze um-
schließt.

Noch ist der Kanalsassade zu gedenken. Vor allem
wurden der Mansardenaufbau aus spätester Zeit und alle
übrigen Teile, welchc nicht aus dcr Zeit der Erbauung
stammten, entfernt. Ferner wurden am Untergeschoß und
hoch oben Jnkrustationen aus schönem Marmor ein-
gefügt. Alle freibleibenden Flächen sind auch hier in
bleichem Gelb, tiefgrauem Rot und schwarz bemalt.
Dcr auch früher zum Pvrtalc emporführcndcn Treppe
wurden zwei Treppenwangen vorgelegt und auf den-
selbcn wappenhaltendc sitzcnde Löwen von weißen
Marmor angebracht. Wie weit das Jnnere des Pala-
stes gediehen, ist zur Zeit unbekannt.

Es muß noch betont werden, daß auch in alle-
dem, was an der Kanalfassade geschehen ist, mit der-
jenigen Selbstverleugnung verfahren wurde, welche nicht
durch Neues sich bemcrklich machen will. Dem in der
Gondel vorüberfahrenden Fremden wird es nicht in
den Sinn kommen, daß hier ein ganzer Palast so gut
wie neu errichtet worden ist; denn auch an dieser Fassade
blieb in Wahrheit fast kein Stein auf dem andern.

Wenn bisher der seit tange im Gange befindlichen
Arbeiten auf dem Kirchhofc Venedigs, seincr Umge-
staltung und Erweiterung, noch uicht cingehend gedacht
wurde, so hat das seinen Grund darin, daß das, was
bis jetzt dort geschehen ist, schr unerfreulicher Natur
war. Es bleibt keine Erinnerung von dem alten, in
seiner Einfachheit immerhin eigentümlichen Cimetero di
San Michele. Das System von Hallen, welches rund-
um, hier und da durch Kapellen unterbrochen, den ganzen
Plan bedeckt, und eine größere Kapelle mit orientali-
scher Bleiküppel zum Ausgangspunkte hat, ist zum
Teil vollendet. Fertig ist nur einer der Teile, jener
guadratische, von Hallcn umschlossene Hof, dessen Mitte
das stolze, aber nüchterne Familiengrab der Papado-
poli, mit krönender Engelfigur, einnimmt. Was aus
demjenigen Teile des Kirchhofes wird, welcher unter
dem Schatten immergrüner BUsche und Eypressen die

Gebeine der vielen in Venedig verstorbenen Protestanten
aus allen Teilen der Welt beherbergt, ist zur Zeit
noch nicht abzusehen. Wie aus dem Plane des Archi-
tekten ersichtlich wird, müssen all die schönen Bäume
demselbcn zum Opfer fallen, und die Gebeine der
Toten werden ihre Stätte verlassen müssen. Seit
Jahren prozessirt die deutsche protestantische Gemeinde
unt dem venetianischen Municipio, um ihr gutes Recht
zu wahren, denn von dieser Gemeinde wurde einst um
schweres Geld der Teil dcs Kirchhofes erworben, in
welchem auch Künstler wie Leopold Robert, Ncrly
und andere ruhen. Die Angelegenheit dürfte leider
mit der Niederlage der deutschen Ansprüche enden.

Aunstiitteratur.

Kntnlog dcr liltcrc» köiiiglichcn Pinnkotlick i» Miinchcn.

Bvn I)r. Wilhelm Schmidt. München, Fr. Bruck-

manus Verlag. 16. 1881.

Die ältere Pinakvthek hat im vcrflossenen Winter
eine gänzliche Umgestaltung erfahren; die Bilder wur-
den sämtlich umgehängt, und der frllhere Katalog Dr.
R. Marggraffs wurde durch einen ueucu ersetzt,
welchen Dr. Wilhelm Schmidt mit seinem Namen
versehen hat. Jch will mich bei der neueu Anordnung
der Bildcr nicht des längercn aufhalten, obivohl sie
mir in jeder Beziehung vollkommen überflüssig erscheint,
jedenfalls wegen der Vermehrung, welche die Galerie
durch einige Dutzend aus Schleißhcim herübcrgesührtcr
Bilder erfuhr, noch nicht notwendig war. Die ältere
Pinakothek war cine der wenigen Galerien, welche
untcr Bcrücksichtigung der Bedürfnisse dcs Publikums
und der Anforderungen der Kunstfreunde in ihrem
Arrangement nur wenig zu wünschen übrig ließ. Es
wäre am bestcn gewesen, mau hätte es bei der alten
Anordnung belassen, an welche sich jedermann längst
gewöhut hatte.

Eingehendere Aufmcrksamkeit jedoch verdicnt der
vorliegende ncue Katalog. Man hat sich gegen den
Katalog Marggraffs seincr Zcit ereifert, wcil er ein-
zelne Bchanptungen enthiclt, ivelche der jüugsten For-
schung nicht ganz entsprachen, und besonders haben
Mündler und Wvltmaun daran ihr Mütchen gekühlt.
Jmmerhin ivar dcr Katalvg Marggraffs cincr dcr
ersteu, tüchtig und mit großer Sorgfalt durchgear-
beiteten Kataloge der vffentlichen Galericn Deutschlands,
und auch ueben den später entstandenen Katalogen
von Brüssel, Antwerpen, Londou und dem neuen vvn
Berlin kvnnte er noch mit Ehren seincn Platz be-
haupteu. Er war in den wesentlichcn Punkten ein
zuverläfsiger Führer, und wenn er auch einen falschen
Raffael für einen echten ausgab oder eine Jahreszahl
irrig las, so wußte der Sachverstände, was er davon
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