Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

Seite: 639
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z,u S. Brunners Beschreibung bvn Wr.-Neustadt
(1834). Jm Stifte Klosterneuburg lernte er das
Prachtwerk der Goldschmiede- und Emailknnst des
12. Jahrhunderts, den sogenannten Verduner Altar-
aufsatz, kennen und faßte den Entschluß, denselben zu
zeichnen und mit dem späteren Direktor des k. k. Münz-
nnd Antikenkabinets Joseph Arneth herauszugeben —
ein Unternehmen, welches Camesina durch volle neun
Jahre beschäftigte und bedeutende Kosten berursachte.
Das Werk erschien im Jahre 1843 unter der irrigen
Beichnung „Das Nielloantependium in Klosterneu-
burg" in GvlL- und Farbendruck. Ein zweites in
dieser Zeit entstandenes Werk waren die Zeichnungen
der prachtvollen alten Glasgemälde im Kreuzgange des
Stiftes Heiligenkreuz, welche der niederösterreichische
Gewerbeverein im Jahre 1841 mit der ersten großen
silbernen Medaille prämiirte.

Das grvße Berdienst, welches sich Camesina wäh-
rend seiner stillen Zurückgezogenheit auf seinem Land-
sitze in Perchtoldsdorf (1837 bis 1848) durch die
Reproduktion dieser bedeutenden Schöpfungen mittel-
alterlicher Knnst erwarb, wurde nicht bloß durch fürstliche
Anerkennungen, sondern auch von deu Archäologen und
Kunstfreunden des Jn- und Auslandes gewürdigt;
insbesondere gelangte durch Camesina der Verduner
Altar zn einer europäischen Bcrühmtheit. Diese kunst-
historischen Bestrebungen verschafften Camesina aber
auch die nähere Bekanntschaft mit dem FUrsten Clemens
Metternich und dem Freiherrn Clemens Vvn Hügel,
bei deren geselligen Abenden er ein gern gesehener Gast
wurde. Jm Jahre 1845 lud ihn Fürst Metternich ein,
ihn auf einer Reise durch Deutschland und Belgien zu
begleiten und dadurch seine Kenntnisse in den Kunst-
schätzen zu erweitern.

Was aber für Camesina Vvn entscheidendem Ein-
flusse für sein künftiges Wirken wurde, war der seit
dieser Zeit eingetreteue Verkehr mit Männern wie
Chmel, Or. von Karajan, Dr. E. Birk, I. Feil,
Or. A. von Meiller, Or. Melly, Or. G. Heider,
R. von Eitelberger, vr. Ed. Freiherr von Sacken
u. s. w., welche in ihm das wärmste Jnteresse für
wissenschastliche historische Forschungen mit besonderer
Rücksicht auf Kunstdenkmale erweckten. Seine bisherige
Bildung war die eines reproduzirenden Künstlers; der
Schwerpnnkt seines Wissens und Könncns lag in dem
Verständnisse und der seinen Empfindung für die genaue
Wiedergabe älterer Kunstwerke. Durch diese Männer
wurde Camesina zu Qucllenstudien in Bezug anf die
mittelalterliche Kunst in Österreich und auf die Ge-
schichte Wiens angeregt und bei der textlichen Bear-
beitung und Erläuterung von Knnstwerken wärmstens
unterstützt.

Als nach dem Jahre 1848 sich in Wien ein reges
wissenschaftliches Leben zu entfalten begann, durch
welches Vereinigungspuukte für die Pflege der Ge-
schichte der Kunst und des Altertums enstanden, schloß
sich Camesina denselben mit dem lebhaftesten Eifer an.
Er gehvrte zu jenem Kreise von Historikern, welche
im Jahre 1851 die sogenannten „Sylvesterspenden"
ins Leben riefen, deren Zweck darin bestand, neue
histvrische Quellen zu Tage zu fördern. Jn dicsen lvsen
Schriften veröffentlichte Camesina zuerst den Wappen-
brief Kaiser Friedrichs III. sür die Stadt Wien vom
Jahre 1462. Nach der Gründung der k. k. Central-

kommission für Erforschung und Erhaltnng der Bau-
denkmale im Jahre 1853 wurde Camesina zu deren
Mitgliede und zum Konservator für Wien ernannt, in
welchen Eigenschaften er vielfach Gelegenheit fand, sich
mit den Kunstdenkmalen Österreichs zu beschäftigen.
Jm Jahre 1854 nahm er an der Gründung des
Wiener Al'tertumsvereines hervorragenden Teil und
gehörte dem Ausschusse des Vereines bis an sein Lebens-
ende an. Ebenso beteiligte sich Camesina eifrig an den
Arbeiten des im Jahre 1865 gegründeten Vereines
sür Landeskunde von Niederösterreich, in dessen Aus-
schuß er im Jahre 1869 gewählt wurde.

Von diesem Zeitpunkte an widmete Camesina sein
ganzes Leben der Beröffentlichung neuer Beiträge zur
Kunstgeschichte und zur Geschichte Wiens. Was erstere
betrifft, so fand er dabei die kräftigste Unterstützung
an I>r. G. Heider. Er gab im Jahrbuche der k. k.
Centralkommission die ältesten Glasgemälde des Chor-
herrenstiftes Klosterneuburg und die Bildnisse der
Babenberger in der Cisterzienserabtei Heiligenkreuz, die
Glasgemälde im Kreuzgange der letzteren Abtei und
die Darstellungen auf der Bronzethür des Hauptein-
ganges von San Marco in Vencdig heraus. Jn den
Berichten und Mitteilungen des Altertumsvereines ver-
anstaltete er gemeinschaftlich mit Heider eine neue Aus-
gabe des Verduner Altaraussatzes, worin dieser den
Nachweis führte, daß derselbe niemals als Antepen-
dium, sondern stets als ein Altaraufsatz Verwendung
fand. Heiders gelehrte Abhandlung erregte durch ihre
gründliche nnd erschöpsende Würdigung des Kunst-
werkes und durch das tiefe Eindringen in die Technik
unter den Kunsthistorikern in Dcntschland Aufsehen.
Selbständig edirte Camesina im Jahre 1863 die Dar-
stellungen der „Bidliu puuxsrnm" in einer Handschrift
des 14. Jahrhunderts im Stifte St.-Florian, wozu
Heider gleichfalls den erläuternden Text lieferte.

Noch fruchtbarer war die Thätigkeit Camesina's
auf dem Gebiete der Geschichte Wiens. Mit nner-
müdeter Thätigkeit forschte er in den Archiven nach
neuen historischen Quellen und lieserte namentlich zur
Topographie der Stadt sehr wertvolle Beiträge. Durch
viele Jahre arbeitete er an der Hcrausgabe der Pläne
von Bonifaz Wolmuet, Augustin Hirschvogel,
Daniel Suttinger, nnd mit unsäglicher Geduld und
Ausdauer sammelte er zngleich im Grundbuche die
Materialien zu einer Häuserchronik der inneren Stadt
zurFeststellung der Straßenbenennungen und der Reihen-
folge der Hausbesitzer, um Lie Verwertung dieser Pläne
für die Topographie zu erhöhen. Er kopirte mit großer
Genauigkeit den sogenannten Albertinischen Plan
aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, Steinhausers
Plan aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts (unedirt),
N. Meldemanns Rundansicht zur Zeit der ersten
Türkenbelagerung, A. Hirschvogels und Lauten-
sacks Ansichten von Wien aus den Jahrcn 1547 nnd
1558, die älteste Ansicht Wiens aus dem Jahre
1483 auf dem Stammbaume der Babenberger im
Stifte Klosterneuburg, Fliegende Blätter über das
türkische Heer imJahre 1529, Darstellungen der Bllrger-
. wehr aus Wirrichs Werk und ermittelte genau den
Unifang der Judenstadt in der inneren Stadt und
in der Leopoldstadt. Auf Grund seiner seltenen topo-
graphischen Kenntnisse veröffentlichte Camesina seine
Studien über die räumliche Entwickelung Wiens zur
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