Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Die Sommerausstellung der Royal Academy in London.

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ville neuerdmgs niit nicht minderem Erfolg verherrlicht
hat. An dem Bilde von Mrs. Butler ist vvr allem
die dramatische Belebung der Komposition, die männ-
liche Energie in der Charalteristik und die gelungene
Durchführung, welche das Niveau von Amateurleistungen
weit überragt, hervorzuheben. Weniger ansprechend ist
der dumpfe gelbrote Ton, welcher die Wirkung der
Farben fast zur Bedeutungslosigkeit herabdrückt.

Der größte Kolorist unter den Malern der Royal
Academp ist ohne Frage Alma Tadema. Das einzige
vvn ihm ausgestellte Bild, „Sappho", ist zwar streng
genommen weniger der historischen Malerei als dem
Genre beizuzählen, aber schwerlich dürfte eines der
Historienbilder mehr archäologische Gewissenhaftigkeit
und wahrhaft geschichtlichen Jnstinkt, wenn man so
sagen darf, an den Tag legen als diese reizende Jdhlle.
Tadema's Bilder gehören schon in ihrer Anlage, in
der perspektivischen Konstruktion zu den bedeutendsten
Erfindungen. Doch dies ist ihm nur unerläßliche Vor-
aussetzung eindringlicher Überzeugung, welche nicht allein
aus der Solidität der brillanten Farbenbehandlung,
sondern auch aus der strengen Gewissenhaftigkeit in der
Behandlung der zahlreichen Details sich ergiebt. Die
Wissenschaft Tadema's macht seine Bilder eigentlich
nur gründlich gebildeten völlig genießbar; wenn sie
trotzdem in weitesten Kreisen populär geworden sind,
so beruht das wohl auf der Meisterschaft, mit der er
auch dcm Fremdartigstcn den Stempcl dcr Jntimität
aufzudrückcn versteht.

Jn einc Welt verwandter Jdeale versetzt uns Sir
Fred. Leighton mit dem hochpoetischen Dreifiguren-
bilde eineS antiken' „Jdylls". Zwei unter einer Eiche
gelagerte Griechinnen von aristokratischer Erscheinung
lauschen dem Spiele eines Flötenbläsers, während im
Hintergrunde eine an den Unterlauf des Tiber und an
das Kap der Circe gemahnende, in tiefgestimmtem Far-
benspiele erglänzende Landschaft in Scirokko-schwülem
Dämmer liegt. E. I. Poynter, der Direktor der
Kunstschule des South Kensington Museum, von dcm
die Ausstellung in der Regel epochemachende historische
Kompositionen der Antike aufweist, stellte diesmal nur
die unterlebensgroße Halbfigur einer Helena aus, ein
Meisterwerk feiner koloristischer Stimmung, präziser
Durchführung und psychologischer Wahrheit; außer-
deni zwei moderne Porträts. Hier mögen auch die
beiden Jdealporträts von der Hand des Präsidcnten
der Royal Academy Erwähnung finden: „Viola" und
„Bianka", Porträts, welche in dem Dufte ihrer traum-
hastcn Erscheinung jcdcn Gedanken an das Modell
vergessen machen. Sir Fred. Leighton bezeichnet nach
dieser Seite den Gegenpol der malerischen Jnteressen
eines Millais, bekanntlich des gefeiertsten englischen
Porträtisten unsererTage. Millais, den man vielleicht

den englischen Frans Hals nennen dürfte, huldigt einem
breiten Vortrage bei energischer Charakteristik. Seine
Auffassung ist imnier sprechend und wahr. Künstleri-
sches Arrangement ist ihm durchaus fremd. Seine Jn-
spiration ist sichtlich von dem Eindruck der momentanen
Erscheinung geleitet und Lestimmt. Zarle Saiten
werden von ihm kaum jemals angeschlagen. Jm
Gegenteil, die männliche Natur seiner Muse neigt
nicht selten zur Brutalität. Jch nenne hier zuerst
sein Porträt des Earl of Beaconsfield, freilich unvoll-
endet geblieben, aber auch so wohl kaum des Meisters
Würdig. Das Jdeal der Leibhaftigkeit, aber nicht leicht
mehr als dies, spricht aus den Porträts des Reverend
Äohn Caird und des Baronett Sir Gilbert Greenoll.
Das einzige Porträt in voller Figur, Lord Wimborne,
dürfte, nach meinem Dafürhalten, unter allen wohl die
Palme verdienen. Der Millais'sche Realismus feiert
hier entschieden einen Triumph. Ein anderes Bild
des Meisters findet indes mehr Bewunderung, Cinde-
rella, das lebensgroße Genrebild einer Straßenfegerin
in Schmutz und Lumpen. Die Bekanntschaft mit der
öffentlichen Armut in der Hauptstadt ist die unerläß-
liche Voraussetzung der Empfänglichkeit für diese be-
sondere Spezies von Poesie. Wie im vorigen Jahre
das Selbstporträt von Millais sein Meisterwerk in
der Ausstellung war, so ist dieses Jahr unter den zahl-
reichen Bildern von Sir Fred. Leighton sein eigenes
Porträt vielleicht auch seine glücklichste Leistung, was
umsomehr überrascht, als Leighton als Porträtist kaum
bekannt war. Aber Millais sowohl als Leighton waren
von der Direktion der Uffizzi in Florenz zur Einsen-
dung ihrer Selbstporträts für den berühmten historischen
Porträtsaal der Maler aufgefordert worden. Die beiden
Bilder werden in Florenz, wenn einmal aufgestellt,
umsomehr Jnteresse erregen, als dort in den letzten
Jahren von nordischen Künstlern, besonders aber von
deutschen, wahrhaft Bedauerliches zur Ausstellung ge-
langt ist.

Unter den Porträtisten der Royal Academy sind
noch mehrere teilweise weniger bekannte namhaft zu
machen, welche ganz Bedeutendes geleistet haben. So
F. Hall mit dem Porträt des Rev. E. H. Cradock
und des Generalmajor Sir H. Rawlinson, I. Sant
mit dem Doppelporträt der Töchter von A. Wilson
Esg. und S. C. Horslay mit dem Breitbild von Mr.
und Mrs. Edward Tomlin, nicht zu vergessen der durch
Distinktion und eingehendes Studium hervorragenden
meist lebensgroßen Porträtsiguren von R. Lehmann.

Eine eigentümliche Stelle nimmt wie gewöhnlich
das volkstümliche Genre ein. Die Bedcutung des-
selben kann nur aus der Natur des Privatlebens und
des vffentlichen Lebens in England recht gewürdigt und
verstanden werden. Vielleicht ist das Wesen der Sache
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