Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 16.1881

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Künstlitteratur.

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zu rechnen ist die Legung ciner großartigen Wasser-
leitung, der zu Liebe allenthalben die Straßen aus-
gerisscn sind. Jn zwei Jahrcn soll die Wohlthat dcr-
selben dem wasserarmen Venedig zu teil werden. Zu
gleicher Zeit gräbt man auf dem Campo della Giu-
stizia einen artesischen Brunncn, nachdem der Versuch
in den Giardini publici nicht das gehoffte gute Wasser
geliefert haben soll.

Die Erweiterung der Calle lunga S. Moisö in
eine breite moderne Asphaltstraße sVia del 22 Marzo)
ist seit einigen Monaten vollendet. Sämtliche Gebäude
der südlichen Seite sind neu aufgeführt. Sie bilden
eine wahre Musterkarte solchcr Häuser und HLuschen,
wie sie nicht nach Venedig, wohl aber nach Berchtes-
gaden oder Jnterlaken passen würden. Alle gar lieb
und nett, aber ohne jeden Anspruch auf Architektur,
wenn auch das schönsteMaterial dafür verwendet wurde,
ja selbst die Jnkrustation nicht gespart ist. Eine
Ausnahme zrnn Besseren macht das am Beginne der
Straße stehende neue Hotel Bauer mit seiner demnächst
fertigen großen Bierhalle. Dieses Gebäude wirkt neben
jcnen LandhäuSchcn wenigstens einigermaßen kräftig.

Noch einer Restauration muß ich erwahnen, deren
Jnangriffnahnie gewiß jeden, der Benedig kennt und
lieben gelernt hat, herzlich erfreuen wird. Es betrifft
dieselbe die Wiederherstellung jenes so jammervoll ver-
nachlässigten ganz prachtvollen Borhofes am S. Gio-
vanni Evangelista mit seinenreizendschönen Fenstern,
Pilastern, Friesen und Jnkrustationen von Pietro Lom-
bardo Vvn 1481 (1732 das letztemal restaurirt).
Es gehört dieser ganz eigentümliche Vorhof mit zu dem
feinsten, was Benedig aus dieser Zeit und Stilrichtung
Lesitzt.

Hier sei noch erwähnt, daß auch die Scuola dei
Mercanti dicht bei Madonna del Orto restaurirt
wurde und nun wieder ihrem früheren Zwecke dient,
während sie lange Zeit zum Holzmagazine herab-
gewürdigt war.

Endlich hat auch die Piazza Manin ihren lang-
ersehnten architektonischen Abschluß erhalten. Man ist
im Begriff, dort die neue Sparkasse, welche im Laufe
des letzten Jahres durch den Architekten Trevisanato
aufgesührt wurde, zu enthüllen, so viel sich bis jetzt
sehen läßt, ein mit verhältnismäßig geringen Mitteln
und rasch aufgeführtes recht hübsches Gebäude. Freudig
überraschte es, daß man dem neu errichteten Gebäude
zur Rechten nach alter Sitte den venetianisch roten
Anstrich gab, was gar freundlich aussieht. Mit Errich-
tung dieser städtischen Sparkasse ist der Schmuck dieses
neuen Platzes vollendet. Die nahebei befindliche be-
rühmte Wendeltreppe des Palazzo Contarini ist nun
auch zugänglicher, da derPalast selbst städtischen Zwecken
übcrgebcn ward, und dabei cincr Restauration unter-

worfen wurde, wobei durch einen neuen Eingang das
Betreten des Hofes, in welchem die genannte Treppe
sich befindct, möglich ist.

Zu den wisienschaftlichen Ausstellungen des geo-
graphischen Kongresies kommt auch noch eine Kunst-
ausstellung, veranstaltet vom Circolo artistico in
desien Lokalen im Palazzo Pisani a S. Stefano. Die
Ausstellung wird zwei Stockwerke füllen, während in
der Akademie die Ausstellung alter und neuer Kunst-
industriegegenstände stattfinden wird. Bis heute, zu dem
Schlußtermin der Einsendungen, waren 1200 Gegen-
stände eingelaufen.

Nach alledem Gesagten wird sich nicht verkennen
lasien, daß Venedig, was künstlerische und besonders
städtische Angelegenheiten, bei welchen die Kunst zu
Rate gezogen werden muß, anlangt, anfängt zur
Besinnung zu kommen und Versäumtes nachzuholen
nach Kräften sich anstrengt. A. Wolf.

Aunstlitteratur.

Iwrä Lonulä Koivsr, Hio Crsut Historio
dullsrios ol HnAlnnä. lliOnäon, 8. Hov,
ücks-rston, Lsarls unä HivinAton. 1881. Ikol.
Än der vorliegenden Publikation begrüßen wir ein
Unternehmen, das einem lange gefühlten Bedürfnis ent-
spricht, nicht nur in England, sondern wohl auch auf
dem Kontinent. W. Bürger übertrieb gewiß nicht,
wenn er anläßlich der Manchester - Ausstellung von
1857 behauptete: „Von allen Ländcrn der Welt be-
sitzt England den größten Reichtum an Kunstschätzen.
Man kann sich davon gar keine Vorstellung machen.
Sollte je der Tag kommen, wo ein Jnventar der
Sammlungen in den Palästen und Schlössern der eng-
lischen Aristokratie aufgestellt würde, so dürfte die
Kunstgeschichte kaum ein lehrreicheres Werk aufzuweisen
haben". Waagens vierbändiges Sammelwerk giebt
eigentlich nur einen ganz allgemeinen Überblick von
höchst mangelhafter kritischer Bedeutung. Und kann
man auch mehr erwarten vvn eineni Kunstschriftsteller,
welcher gleich hervorragend als Gastronom, uns gelegent-
lich selbst versichert, er habe nach einem kopiösen
Lunch bei Lord A. zwei Stunden lang dessen Galerie
von 500 Bildern durchmustert und am selben Nach-
mittag noch im nächsten Schloß bei Lord B- 600 Bil-
der inspizirt? Am Abend werden die Notizen ins
Reine geschrieben, am nächsten Morgen geht es weiter
und so fort. Waagen besuchte die Sammlungen mit
allcrhöchsten Jntroduktionen, in seinen Tagen war die
Kunstkritik in England mehr noch als auf dem Kon-
tinent im Stadium naivster Unschuld, und so kann es
nicht befremden, wenn seine Urteile heute noch sv respekt-
voll hm und wieder aufgewärmt werden, während das
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