Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 17.1906

Seite: 119
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Nekrologe — Personalien — Denkmäler

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Sidney Colvin, der Direktor des Kupferstichkabinetts,
hat jetzt die Kollektion so weit geordnet, daß die erste
Ausstellung von etwa 500 Stichen im Museum statt-
finden konnte, die übrigen Blätter werden dem Publi-
kum nach und nach zur Kenntnis gebracht.

In eine stille und klassische Periode führt uns die
bei Mr. Charles Davis in 147, New Bond Street zur
Ansicht gebotene und bisher niemals ausgestellte Wedg-
wood-Sammlung des verstorbenen Lord Tweedmouth
in Guisachan. Das, was in unserer neuen Zeit, auf
die Kunstindustrie bezogen, Burne-Jones für William
Morris bedeutete, das war zu jener Zeit Flaxman für
Wedgwood in gewissen, wenn schon enger gezogenen
Grenzen. Mr. F. Rathbone, der anerkannt gewiegteste
Kenner vom alten Wedgwood, hat einen Katalog
raisonne für die Sammlung verfaßt, die namentlich
reich an großen, unmittelbar von Flaxman modellierten
Vasen ist. So findet sich hier besonders eine Repro-
duktion der berühmten »Portlandvase« in schwarz und
weiß gehalten, ferner »Die Hochzeit von Kupido und
Psyche« und »Diana und Endymion«, die Flaxman
1787 in Rom entwarf. Eine Serie von Wachsmodellen
von des letzteren Hand und daneben die von Wedg-
wood ausgeführten Stücke sind um so interessanter,
als sie ursprünglich Charles Darwin gehörten.

Von anderen bemerkenswerten Ereignissen auf
dem Kunstgebiet erwähne ich die große augenblicklich
in Edinburg zum ehrenden Gedächtnis für Watts im
Gange befindliche Ausstellung, auf der sich ca. 150
seiner Hauptwerke befinden und zu der von allen
Teilen Englands seine vielen Freunde und Verehrer
eilen. Die Stadt London wird zu Beginn des nächsten
Jahres in der »Guild Hall« eine Ausstellung solcher
Werke veranstalten, die auf belgischem Boden seit
dem 15. Jahrhundert entstanden sind und zugleich
die modernsten Maler des Landes mit einbegreift.

Baron Erlanger in Paris hat der englischen Nation
sieben Gobelins geschenkt, welche nach den im South-
Kensington-Museum vorhandenen Kartons Raffaels
von Jean Raes in Brüssel im 17. Jahrhundert her-
gestellt worden waren und früher der Familie des
Herzogs von Alba gehört hatten. So außerordentlich
die Gabe an sich geschätzt werden muß, so ist die
Spezialarbeit doch keine erstklassige, wenngleich
natürlich der historische Wert ein sehr bedeutender
bleibt. Die Sujets der in Hampton Court unter-
gebrachten Gobelins sind folgende: »Paulus und
Barnabas in Lystra«, »Der Tod des Ananias«, »Sergius
Paulus, römischer Prokonsul, durch Paulus bekehrt«,
»Christus übergibt Petrus die Schlüssel«, »Petrus und
Johannes an dem Tempeltor«, »Der wunderbare Fisch-
zug«, »Die Steinigung St. Stephans« und »Die Be-
kehrung Pauli«.

Ein merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen
ermöglichte die Fertigstellung der Standbilder für die
beiden Hauptantagonisten der letzten Vergangenheit in
England, für Qladstone und Salisbury zu der näm-
lichen Zeit. Die Kolossalstatue des ersteren in ganzer
Figur, aus Erz, von dem Bildhauer Hämo Thomycroft
entworfen, hat ihre Aufstellung am Strand, nahe der
Kirche St. Clement Danes, gefunden. Der liberale

Führer ist im Mantel, ohne Kopfbedeckung auf einem
Postament stehend, mit vier allegorischen Gruppen
am Fuße des Sockels, in Ausdruck und Haltung als
Volksmann erkenntlich, dargestellt. Umgekehrt ist die
sitzende Figur Lord Salisburys, als Kanzler der
Universität Oxford und mit dem Hosenbandorden
angetan, von dem Bildhauer Frampton in durchaus
aristokratischem Sinne aufgefaßt. Das Standbild des
letzteren wird in Hatfield-House, dem Familiensitze
Lord Salisburys, seinen dauernden Platz haben.

Einige kleine Notizen dürften für die Leser der
»Kunstchronik« schließlich noch interessant sein, so
daß die Firma George Newnes unter dem Titel »The
Magazine of fine Arts« eine neue illustrierte monat-
liche Kunstzeitschrift zum Preise von 1 Schilling heraus-
geben will, und daß endlich die von der Firma Ellis
in London verlegte Bibliographie von Dante Gabriel
Rossetti, ein Werk seines überlebenden Bruders, des
Michael Rossetti, erschienen ist.

Holtnan Hunt, der letzte ausübende Künstler der
präraffaelitischen Brüderschaft, an die uns Rossettis
Name wieder erinnert, hat jüngst die höchste Aus-
zeichnung für Kunst und Wissenschaft, den »Order
of Merit«, erhalten. O. VON SCHLEINITZ.

NEKROLOGE

In Berlin ist in einem Alter von 83 Jahren der Maler
Fritz Hummel gestorben. Ursprünglich Historienmaler,
wandte er sich später dem Porträt zu; seinen Bildnissen
rühmt man ein vornehm kühles, an Holbein erinnerndes
Kolorit und geistreiche, scharf pointierte Charakteristik nach.

PERSONALIEN

Heinrich von Angeli ist zum Vorstand der Wiener
Künstlergenossenschaft gewählt worden.

Der frühere Präsident der Berliner Kunstakademie,
Geheimer Regierungsrat Hermann Ende, ist aus dem
Senat ausgeschieden. Als sein Nachfolger wurde der Ge-
heime Baurat Karl von Großheim zum Senator ernannt.
Gleichzeitig ist der Maler Professor Paul Mohn in den
Senat eingetreten.

Die Gruppe der Elbier hat Emanuel Hegenbarth,
Professor an der Kgl. Akademie der bildenden Künste in
Dresden, zu ihrem Mitglied ernannt.

Der Verein Berliner Künstler hat in die Ausstellungs-
kommission der Großen Berliner Kunstausstellung 1906
gewählt: als Mitglieder die Maler Professor Körner,
Schlabitz und Dr. Müller-Kurzwelly, die Bildhauer Professor
Max Unger und Hans Dammann, den Graphiker Professor
Eilers; als Ersatzmänner die Maler Hoffmann-Fallersleben
und Clementz, Bildhauer Rusche und den Architekten
Professor Solf.

Der Maler Graf Leopold von Kalkreuth, Professor
an der Stuttgarter Akademie der bildenden Künste, hat die
nachgesuchte Entlassung unter Belassung als Mitglied des
Lehrerkonventes erhalten. An seine Stelle wurde Adolf
Holzel in Dachau berufen.

DENKMÄLER

Der Rat der Stadt Dresden ließ zum Andenken an den
berühmten Bildhauer Christian Rauch an dem Haus
Lüttichaustraße 11 eine Gedenktafel anbringen, die in einem
lebensgroßen Relief das Porträt des Künstlers zeigt und
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