Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — N.F. 17.1906

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Stiftungen — Vereine —

Vermischtes — Literatur

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und den Stierköpfen und Schlangen liegt ein fleißiges
Studium und ein tiefes Verständnis für die »cyklopische
Mächtigkeit, die wilden und gewagten Farben, das fast
tierische Schwelgen in der lebenden Form«, die dieser
ältesten Kunst Griechenlands eigen sind. — Außerordent-
lich reizvolle Statuetten junger Mädchen hat Axel Locher
in der Kgl. Porzellanfabrik ausgeführt; andere Kleinkunst
der Keramik bieten noch Joachim Petersen und Karl
Schröder. bg.

Posen. Im Kaiser-Friedrich-Museum fand Anfang
Mai eine Ausstellung französischer Impressionisten statt.
Mit insgesamt etwa 30 Werken waren Cezanne, Courbet,
Vinc. van Gogh, Monet, Pissarro, Renoir, Sisley ver-
treten; Monet mit drei seiner Bilder der Waterloo Bridge
aus den letzten Jahren, der köstlichen »Cabane des doua-
niers« mit dem Blick aufs Meer, dem Leuchtturm von
Havre u. a.; Renoir mit dem »Japanischen Schirm«, dem
stark farbig gesehenen Garten in Fontenay und dem
Figurenbilde »In Chaton«; Sisley endlich mit einer An-
zahl von seit 1876 entstandenen Bildern; darunter »Seine-
ufer«, »Julimorgen« und ein schönes Herbstbild mit herbst-
lich gefärbten Laubbäumen am Wasser. — Ein Monet:
»Plage de l'ourville«, wuide vom Kunstverein erworben
und dem Museum leihweise zur Ausstellung übergeben.

STIFTUNGEN

Nürnberg. Ein kunstsinniger Bürger spendete, wie
im Jahre 1896, so auch diesmal 20000 Mark zu Gemälde-
ankäufen aus der Kunstabteilung der Landesausstellung für
die städtische Gemäldegalerie.

Der englische Staat hat die Stiftung von Stibbert-
Florenz, dessen Kunst- und Rüstsammlungen betreffend,
über die wir in Nr. 23 berichteten, angenommen.

VEREINE

Der neugegründete Künstlerverband deutscher Bild-
hauer, der die Wahrung der künstlerischen und wirtschaft-
lichen Interessen seiner Mitglieder ohne Ansehen der künst-
lerischen Richtung bezweckt und die in den einzelnen
Kunststädten Deutschlands bestehenden Bildhauervereini-
gungen umfaßt, hielt dieser Tage im Künstlerhause zu
Berlin unter dem Vorsitz seines Präsidenten Friedrich
Pfannschniidt die erste Gesamtvorstandssitzung ab. Der
geschäftsführende Vorstand besteht aus den Herren Pfann-
schniidt, Prof. Unger, Prof. von Uechtritz, Prof. Herter,
Hans Dammann, Amtsrichter Dr. Kobel und Rechtsanwalt
Irmler, sämtlich in Berlin. Verhandelt wurde über das Sach-
verständigenwesen, das Urheberrecht, die Wettbewerbsbe-
dingungen usw.

X München. Eine Kunstwissenschaftliche Oesellschaft
ist in München gegründet worden. Dem Vereine gehören
unter dem Vorsitze des Professors Dr. Furtwängler etwa
dreißig Herren an, die als Dozenten, Beamte staatlicher
Galerien, Privatgelehrte und Sammler an der Frforschung
kunstgeschichtlicher Materien tätigen Anteil nehmen. Die
Kunstgeschichte steht denn auch im Vordergrunde der Inter-
essen, denen die neue Gesellschaft dienen will.

Die Wiener Sezession hat Ende April ihre statuten-
mäßige Generalversammlung abgehalten, auf der der Maler
Andri als Vorsitzender den Rechenschaftbericht erstattete.
Nach dem Ergebnis der Neuwahlen besteht die Leitung
des nächsten Jahres aus folgenden Herren:

Vorstand: Maler Franz Hohenberger; Arbeitsausschuß:
die Maler Ederer, Haenisch, Jaschke, jettmar, Lenz und
Bildhauer Schimkowitz; Sekretär: Franz Hancke. — Auf
eine Interpellation aus dem Plenum wegen der jüngst er-
schienenen Notiz über einen neuerlichen Austritt von korre-
spondierenden Mitgliedern, die schon im vorigen Jahre

ausgetreten waren, bemerkt der Vorsitzende, daß der Aus-
schuß es leider nicht verhindern kann, wenn einzelne Zei-
tungen dieselben Künstler mehrmals austreten lassen.

VERMISCHTES
f.- Der Kunstverein Schaffhausen will seine Samm-
lung dieser Stadt abtreten, wenn sie ein neues Museum
baut.

Berlin. Die malerische Ausgestaltung des Bandesrats-
saales im Reichstagsgebäude ist dem Berliner Maler Raffael
Schuster-Woldau übertragen worden, der auch den Schmuck
des Plafonds in demselben Saale ausgeführt hat. Die Wand-
flächen sollen mit allegorisch-symbolischen Darstellungen
geschmückt werden, zu deren Ausführung etwa drei Jahre
nötig sind. Außerdem malt Schönleber eine Ansicht von
Rothenburg a. d.T., Kuehl ist um Skizzen für die Dresdener
Ansichten und Eugen Bracht um einen »Blick aus der
Sächsischen Schweiz« ersucht worden.

Das Grüne Gewölbe in Dresden hat ein bisher
unbekanntes Brustbild Goethes in Elfenbein angekauft.
Es zeigt den Dichter von der linken Seite in geschlossenem
Rock auf schwarzem Grunde. Es trägt als Künstlerangabe
den Namen Schaller, Eisenach, und dürfte wahrscheinlich
um 1820 entstanden sein.

f.- Die tessinische Presse veranstaltet eine Sammlung,
damit eines der bedeutsamsten Werke des verstorbenen
tessinischen Künstlers Vincenzo Vela, das Hochrelief
»Opfer der Arbeit«, zum Gedächtnis der beim Bau des
Simplontunnels Verunglückten am Nordportal des Tunnels
bei Brig (Wallis) angebracht wird. Vela hat seinem mächtig
wirkenden Werk analoge Verwendung an einem der Ein-
gänge in den Gotthardtunnel gewünscht, dessen Erstellung
ihm dazu die Anregung und persönliche Eindrücke gab;
aber der Gedanke kam damals nicht zur Verwirklichung.
Das Relief stellt den Transport eines auf einer Bahre lie-
genden, durch Unglücksfall getöteten Tunnelarbeiters durch
einige Kameraden dar. Ein Entgegenkommender hält das
Grubenlicht über dem an ihm Vorübergetragenen empor.
Die Ausdruckskraft der Gruppe ist außerordentlich.

LITERATUR

Adolph von Menzel. Abbildungen seiner Gemälde und
farbigen Studien. Herausgegeben von H. v. Tschudi.
Mit 686 Abbildungen. Verlag von F. Bruckmann.
Dieser Katalog des gesamten farbigen Werkes Menzels
scheint uns die wichtigste und nützlichste Veröffentlichung
über den Meister zu sein, und wir setzen sie an die erste
Stelle der Bücher, die sich mit ihm befassen. In dem
starken, aber trotzdem noch handlichen Bande findet sich
alles, was Menzel an farbigen Werken geschaffen hat, nach
der Zeitfolge geordnet, abgebildet, beschrieben und kata-
logisiert. Es sind nicht nur sämtliche farbige Stücke der
großen Berliner Menzel-Ausstellung darin vertreten, son-
dern auch vieles, was durch Nachforschung im Laufe des
letzten Jahres noch zum Vorschein gekommen ist. Es
steht deshalb zu vermuten, daß nur wenige Werke von
Menzels Hand in diesem Kataloge fehlen. Ausgeschlossen
wurden nur seine Zeichnungen, weil sich hier weder eine
Vollständigkeit noch eine natürliche Begrenzung schaffen
ließ. Die Abbildungen schwanken je nach der Wichtigkeit
der Werke von kleinen vignettenartigen, aber immer noch
vorzüglich deutlichen Netzätzungen bis zu ganzseitigen
Lichtdrucken. Wer das Werk besitzt, kann kaum noch
über Menzel sprechen, ohne es jeden Augenblick zur Hand
zu nehmen. Wer es nicht besitzt und sich mit Menzel
beschäftigt, dem fehlt ein wichtiges Werkzeug. Eben weil
wir das Buch so oft in Gebrauch nehmen, müssen wir aber
auch einen schweren Fehler, den wir empfunden haben,
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