Der Kunstwart: Rundschau über alle Gebiete des Schönen ; Monatshefte für Kunst, Literatur und Leben — 14,2.1901

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(Jn Sachen „Aesthetik und Kunstwerk".)

Er ist's, der deutlich genug auf so vielen Verirrungen und Un-
zulänglichkeiten der modernen Aesthetik liegt, auch der wissenschaftlichen
Aesthetik zwar, namentlich aber des landläufigen Aesthetisierens in Künstler-
und Kritikerkreisen und in der gebildeten Laienwelt. Ec züchtet jene
marklosen „Aestheten", denen alle ethischen und intellcktuellen Wert-
urteile, auch alle nationalethischen Begriffe vcrschwimmen im holden
Dusel bloß sormaler Einschätzung und Ueberschätzung oft recht zweifel-
hafter ästhetischer Werte. Er macht die ewigen Erörterungen über „Kunst
und Moral" so oft zum wirren Geschwätz und ecstickt nicht selten auch
den letzten Funken von gesundem Sinn und Verstand. Er ist's im
Grunde auch, gegen den Egon Distl mit seinem Aufsatz über „Aesthetik
und Kunstwerk" im zweiten Julihefte des Kunstwarts sich wendet, und
ich habe diesen Aufsatz insoweit mit freudigec Zustimmung begrüßt,
als er mir wieder ein Zeichen davon erschien, daß allmählich aus allen
Ecken und Enden der Widerspruch gegen den ästhetischen Focmalismus
laut zu werden beginnt.

Dennoch kann ich die Ergebnisse Distls nicht unwidersprochen lassen,
denn sie stoßen die Aesthetik rettungslos gerade wieder in den Forma-
lismus zurück, den er mit Recht bekämpft. Sie thun es, indem sie die
„moralischen" und „intellektuellen" Werte des Kunstwerks, die Distl mit
Recht betont, der Zuständigkcit der Aesthetik entziehen und ihr nur die
„ästhetischen", d. h. in diesem Sinn die bloßen Formwerte lassen
wollen. Daß das unrichtig und unzulänglich ist, daß vielmehr die
Aesthetik ihre Zustündigkeit auch für die ihc von Distl abgesprochenen
Werte behaupten muß, wenn sie nicht verflachen soll, glaube ich un-
schwer zeigen zu können.

Man wird mir schwerlich widersprechen, wenn ich das Aesthetische,
psychologisch betrachtet und kurz gesagt, in der gefühlsmäßigen Wertung
der reinen Anschauung suche, d. h. der von praktischen und theoretischen
Erwägungen losgelösten, wenn auch nur für die Dauer des Anschauungs-
und Wertungsvorganges losgelösten Anschauung. Daraus folgt aber
keineswegs, daß demgemäß die ethischen und intellektuellen Werte von
den ästhetischen Bewußtseinsvorgängen ausgeschlossen seicn; es folgt viel-
mehr nur, was Distl zu übersehen oder nicht scharf genug zu fassen
scheint, daß auch das Ethische und Jntellektuelle nur in der psychologischen
Form der Anschauung und ihrer gefühlsmäßigen Wertung zum
ästhetischen Bewußtsein kommt.

Jst dem aber so, so entsteht sofort die Frage: wodurch wird diese
ästhetische Wertung bestimmt? Die Formalisten behaupten: durch nichts
als durch gewisse Formverhältnisse im weitesten Sinne des Wortes, beim
Kunstwerk durch die Form, die ihm geschaffen wird durch die spezifischen
Ausdrucksmittel einer bestimmten Kunst. Hier aber sitzt gerade der Jcr-
tum und die Unzulänglichkeit des ästhetischen Formalismus. Die ge-
fühlsmüßige Wertung der üsthetischen Anschauung vollzieht sich nicht (oder
nur in Fällen ganz primitiver Art) lediglich unter der Herrschaft solcher
Wertungsprinzipien, die es nur mit Formeindrücken zu thun haben,
sondern zugleich, ja mehr noch und in ausschlaggebender Weise unter

2. Sextemberheft
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