Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Das alte Berlin über den Dächern des Ostens. Von links: Stadthaus, Gendarmenmarkt, Nikolaikirche, Schloßkuppel, Rathaus, Dom, Landgericht,
Marienkirche, Polizeipräsidium.

Le vieux Berlin par dessus les toits des quartiers de l'Est. De gauche ä droite: Mairie, Marche-aux-Gendarmes, Eglise St-Nicolas, Coupole du Palais,
Hotel de Ville, Dome, Tribunal, Eglise Ste-Marie, Prefecture de Police.

Old Berlin above the roofs of the Eastern parts. From left to right: Municipality Building, Gendarmery Market, Church of St. Nichoias, Dome of farmer
Imperial Palace, Townhall, Cathedral, Law Courts, Church of St. Mary, Police Head Quarters.

Sterbende Städte? oder Planwirtschaftlicher

Städtebau? Von Stadtbaurat Dr.-Ing. Martin Wagner.

I.

Hat den Städten wirklich die Sterbestunde geschlagen — wie viele meinen —
oder dürfen wir in dem Niedergang der städtischen Schaffenskraft nur die zu
einem Tiefpunkt strebende Konjunkturwelle sehen, die eines Tages wieder die
Richtung zum Hochpunkt nehmen werde? Mir scheint, daß wir uns mit einer
derartigen Suggestivfrage nicht beruhigen sollten. Die auf uns einstürmenden
Tatsachen sprechen eine sehr unzweideutige und sehr hartherzige Sprache.
Und welches sind diese Tatsachen? Ich zähle einige auf:

1. Der Rationalisierungsprozeß der deutschen Industrie hat eine unglaubhaft
große Zahl menschlicher Arbeitsplätze an die Maschine abgegeben und
damit städtische Arbeitsplätze überflüssig gemacht, sofern nicht die durch
die Maschine freigesetzte Arbeitszeit gleichmäßig auf alle menschlichen
Arbeitskräfte verteilt und zu einem verkürzten Arbeitstag umgeformt wird.

2. Ein Teil der für den Export tätig gewesenen städtischen Arbeitsplätze ist an
dem bisherigen Standort endgültig abgestorben, sei es, daß dieser Arbeits-
platz in dem belieferten Lande selbst neu aufgebaut wurde, sei es, daß
dieser Arbeitsplatz aus Gründen der Zoll- und Steuerpolitik in ein anderes
Produktionsland geflüchtet ist.

3. Ein anderer Teil der städtischen Arbeitsplätze ist an seinem bisherigen
Standort völlig unrentabel geworden und hat sich zur Auswanderung in
einen wirtschaftlich günstigeren Produktionsraum entschlossen oder gar
diese Auswanderung bereits vollzogen. (Wanderung der Arbeitsplätze vom
Schlechtbetrieb zum Bestbetrieb.)

In dem Fall 1 handelt es sich um die Umwandelung eines menschlichen Arbeits-
platzes in einen maschinellen Arbeitsplatz, d. h. letzten Endes um die Abwände-

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