Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Mitteilungen des Bundes „Das Neue Frankfurt"

Alle müssen helfen

Die im vorletzten Heft angekündigte Hauptversammlung der Mitglieder sowie der Vortrag des
1. Vorsitzenden, Direktor Ulrich Burmann, mußten aus internen Gründen verschoben werden.
Beide Veranstaltungen werden in der 2. Hälfte des Monats August
nachgeholt, worüber im nächsten Hefte alles Nähere mitgeteilt wird.

Der Bund wird seine Wintertätigkeit im September aufnehmen. Er plant wiederum wie letztes Jahr
die Veranstaltung von Film-Matineen, Vorträgen, Ausstellungen, Diskussionsabenden etc. Der Vor-
stand bittet die Mitglieder, ihm Anregungen für das Winterprogramm schon jetzt zu übermitteln.

Gtr.

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Aus dem Film „Erwerbslose kochen für Erwerbs- Scene du film: „Les chomeurs cuirent pour les Scene from the film: "Unemployed Cooking for
lose" von Frau Ella Bergmann-Michel. Frankfurter chomeurs" de Mme. Ella Bergmann-Michel. Unemployed" by Mrs. Ella Bergmann-Michel.
Erwerbslosenküche. Cuisine pour les chomeurs ä Francfort s/M. Kitchen for the Unemployed at Frankfurt o/M.

Die Erwerbslosenküchen

Die Weltkrise von 1931 hat ein Massenelend sondergleichen in Deutsch-
land hervorgerufen. Die Kehrseiten der modernen Wirtschaftsentwicklung
mit ihrer Anhäufung von entwurzelten und vermögenslosen Massen in den
Großstädten haben die öffentlichen Haushalte vor finanzielle Aufgaben
gestellt, denen sie nur ungenügend nachkommen können. Neben der
furchtbaren seelischen Not der Arbeitslosigkeit taucht das Gespenst des
Hungers über den Städten auf. „Wir wollen nicht zulassen, daß jemand
in unserer Stadt hungern muß", mit diesem Mahnruf sind die ersten Helfer

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Aus dem Film „Erwerbslose kochen für Erwerbslose" von Frau Ella Berg-
mann-Michel. Frankfurter Erwerbslosenküche.

Scene du film: „Les chomeurs cuirent pour les chomeurs" de Mme. Ella
Bergmann-Michel. Cuisine pour les chomeurs ä Francfort s/M.

Scene from the film: "Unemployed Cooking for Unemployed" by Mrs. Ella
Bergmann-Michel. Kitchen for the Unemployed at Frankfurt o/M.

der Erwerbslosenküchen an die Oeffentlichkeit getreten. Im März 1931
entstand die erste Erwerbslosen-Gemeinschaftsküche in Frankfurt, im
März 1932 versorgten 20 Küchen etwa 16 000 Menschen mit einem
warmen, nahrhaften Mittagessen. Ein Liter Essen kostet 10 Pf. Das Essen
wird abgeholt, sodaß zu Hause in der Familie gegessen werden kann.
Der Herstellungspreis des Essens beträgt durchschnittlich 23 Pf. Er kann
so niedrig gehalten werden, weil der Leitgedanke der Küchen Selbsthilfe
der Erwerbslosen ist. Erwerbslose kochen, teilen aus, erledigen Einkauf
und Kassierung. Die ganze Stadt ist in 22 Bezirke eingeteilt. Jeder Bezirk
hat seine eigene Küchenorganisation und einen eigenen Verein, alle
Zweigvereine sind zusammengeschlossen zu einer Zentrale, die die Buch-
führung und Kontrolle erledigt. Alle Arbeiten, sowohl Kochen wie Ver-
waltungsarbeit werden ehrenamtlich geleistet. Die Helfer erhalten
lediglich ihr Essen und alle zwei Monate eine kleine Vergütung für Schuh-
verbrauch für ihre Arbeit. Die Selbständigkeit und die Selbstverwaltung
erhöhen die Arbeitsfreude und den Eifer aller Mitarbeiter und Mitarbeite-
rinnen. Sie tragen die große Mühe mit dem guten Bewußtsein, wieder
irgendwo nötig und nützlich zu sein.

Die Beschaffung der zusätzlichen Mittel ist die Aufgabe der Vereine und
der Zentrale. Die Mitgliedsbeiträge werden monatlich kassiert. Dreißig Pf.
beträgt derMindestbeitrag. DieKüchen derErwerbslosen mit ihremSelbst-
hilfecharakter und ihrer sparsamen Verwaltung, ihrer Beliebtheit bei den
Betreuten und der guten Qualität des Essens sind so populär geworden,
daß der Zentrale auch Monatsbeiträge in Höhe von 750 Mk. zufließen.
Anschrift der Zentrale: Elbestraße 48 Postscheck
Ff m. 6404. M.

Der Bund Das Neue Frankfurt, der vor Jahresfrist in der glück-
lichen Lage war, aus den Einnahmen eines Vortrages der damals neu-
gegründeten Erwerbslosenküche einen namhaften Beitrag zu überweisen,
bittet alle seine Mitglieder und Freunde, an diesem großen sozialen
Werk nach Kräften mitzuarbeiten.

Die Bilder sind einem Film entnommen, den Frau Ella Bergmann-
Michel in den Küchen gedreht hat, und der bald in Frankfurt vorgeführt
wird. Nachdem der Bund auch den früheren Film von Frau Bergmann-
Michel, „Wie wohnen alte Leute?", der Oeffentlichkeit mit großem Erfolg
bekannt gemacht hat, wird er in einer seiner nächsten Matineen auch
diesen Film über die Erwerbslosenküchen vorführen. Gtr.

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