Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

Page: 67
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May, die zunächst zu einer entscheidenden Wendung im Frühjahr 1931
führten: Die heftige Befehdung, welche alsbald von allen Entwurfstrusts
gegen die neue Konkurrenz der Zekombank einsetzte, wirkte sich zum
Schaden der Stadt Magnitogorsk aus. Durch von uns schwer zu über-
sehende Einflüsse wurde eine derartige Unsicherheit in die Programm-
stellung getragen, daß wir bis zum Juni 1931 nicht wußten, auf welchem
Ufer des Uralflusses die Stadt gebaut werden solle, welcher Gesamt-
umfang vorzusehen sei und was im Jahr 1931 in Angriff genommen wer-
den solle. Die Angriffe, welche erst auf die Zekombank gerichtet waren,
wurden im Spätherbst 1931 gegen Architekt May persönlich gerichtet,
weil, begreiflich nach dem Vorgegangenen, das erste Baujahr nur sehr
geringe positive Ergebnisse aufwies.

Die Gruppe May verließ nun im Frühjahr 1931 die Zekombank, weil die
gegnerischen Einflüsse erreicht hatten, daß die Zekombank eine nur kon-
sultierende Tätigkeit ausüben dürfe. Uns lag aber daran, das Entworfene
auch tatsächlich auszuführen, und diese Möglichkeit wurde uns bei dem
Trust Sojusstandardjilstoi (Gesellschaft für Standardwohnungsbau) in Aus-
sicht gestellt.

Hier ist wieder eine grundsätzliche Gegebenheit der dortigen Verhält-
nisse zu beleuchten. Entwurf und Bauausführung sind in der Sowjetunion
vollständig voneinander getrennt, soweit, daß es eine Bauoberleitung,
welche unter dem Einfluß des entwerfenden Architekten steht, nicht gibt.
Die Tätigkeit des Entwerfenden ist mit der Absendung der Werkzeich-
nungen an die Baustelle zu Ende. Was mit den Zeichnungen geschieht,
erfährt er gar nicht, und oft ist es besser so, denn in vielen Fällen würde
er seine eigenen Projekte nicht wiedererkennen. Die Gründe für diese
Trennung liegen zunächst in den großen örtlichen Entfernungen. Mehrere
Tagereisen Wegstrecke zur Baustelle sind die Regel, da der Fünfjahres-
plan eine allgemeine Kolonisierung der gesamten, noch im Mittelalter
lebenden Bevölkerung vorsieht. Eine enge Fühlungnahme zwischen Ent-
wurfszentrale und Baustelle ist deshalb sehr erschwert. Der Mangel an
ausgebildeten Fachleuten verbietet die Entsendung jener Kategorie von
Bauleitern, die wie bei uns zwischen den Lagern stehen und die Inter-
essen des Entwurfes mit denen der Ausführung in Einklang bringen. Er-
lebnisse unserer Gruppe machen diese Schwierigkeiten verständlich.
Wir hatten im Fall Magnitogorsk die Einsetzung einer deutschen örtlichen
Bauleitung durchgesetzt. Organisatorisch klar war der Fall allerdings
im Anfang nicht, aber uns war die Hauptsache, daß ein Bauleiter dort

war. Wir haben wenig Freude mit dieser Stelle erlebt, denn sie wurde
taktisch bald nach der einen, bald nach der anderen Seite ausgespielt.
Die Bauleitung bemühte sich, die von der Zentrale gelieferten Zeich-
nungen den fast nicht ausgebildeten Handwerkern mundgerecht zu
machen, sie fertigte Zeichnungen von Handwerkszeug an, mischte sich
in die Organisation einer großangelegten Bauschreinerei, für die sie
auch die Bauzeichnungen anfertigte, und gab den Polieren an der Bau-
stelle Anweisungen. Damit verdarb sie es mit dem Ausführungstrust, der
sich bevormundet fühlte, aber sie mußte auch Vorwürfe des Entwurfs-
trustes einstecken, weil sie Arbeiten ausführte, die nach dem Vertrag
nicht bezahlt wurden. Die Entwürfe, die wir in Moskau auf Grund dort
erhaltener Programme anfertigten, fanden nicht den Beifall der örtlichen
Behörden.

Doch zurück zu anderem Uebergang, zu Sojusstandardjilstroi. Wie ge-
sagt, bot diese Organisation durch ihre Struktur die Möglichkeit, Entwurf
und Ausführung in einer Hand zu halten. Die Gesellschaft war nämlich
eine Vereinigung, in deren Rahmen verschiedene Abteilungen — später
wurden es selbständige Trusts — vereinigt waren, so eine Rationali-
sierungsabteilung zur Ausarbeitung neuer Konstruktionen, eine Pro-
jektabteilung zur Anfertigung von Standardentwür-
fen, in welche die Gruppe May eingegliedert
wurde, eine Mechanisierungsabteilung, mehrere Ausführungsabtei-
lungen und Fabriken zur Herstellung standardisierter Teile aus Holz und
Beton. Der Umfang der Aufgaben geht aus der Tatsache hervor, daß
allein im Jahr 1931 700 000 qm Wohnfläche bereitgestellt werden
sollten!

Wenn man aber hört, daß dieser Auftrag erst im April erteilt wurde und
vor Winterseinbruch erledigt sein sollte, wenn man sich weiter all die
vorgenannten Schwierigkeiten vor Augen hält, so ist damit bereits die
Unmöglichkeit der Ausführung gekennzeichnet. Wir verstanden es nie,
wie es im Rahmen einer Planwirtschaft möglich ist, mitten im Geschäfts-
jahr einen derartigen, ungeheuren Auftrag herauszubringen, dessen Be-
wältigung nicht auf eine Fabrik, nicht auf eine Branche beschränkt bleibt,
sondern den Jahresplan der Finanzwirtschaft, der Arbeiter und Material-
verteilung, der Verkehrsbewältigung durcheinanderbringt. Wir können
uns auch heute nur die eine Erklärung dafür zurechtlegen, die wir in der
Folge des öfteren bestätigt gefunden haben: daß die Höhe der Forde-
rung von vornherein auf einen entsprechenden Abschlag in der Reali-
sierung eingestellt wird."...

Arbeit der Städte

Stuttgart

Werkbundausstellung „Wohnbedarf"

Objekte des Wohnbedarfs — vom Tischgerät bis zum Möbel — sind in
den Augen der Käufermassen und des Handels immer noch Modeartikel.
Der Konsument kauft, was ihm als „modern" angepriesen wird, und die
Schaufenster der entsprechenden Geschäfte sind darum überladen mit
Modetorheiten, die in der nächsten Saison schon veraltet scheinen. Wo
ist angesichts dieser Sintflut von aufgeputzten, snobistischen oder auch
naiv kitschigen Dingen die jahrelange Arbeit derer geblieben, die hier
wie überall um die kulturelle Bedeutung der reinen, organischen Form
wissen! Kein Sachkenner wird bestreiten, daß der gute Anfang, der vor
3—5 Jahren gemacht schien, vom Gros des Volkes (aller Gesellschafts-
schichten) nur als Mode mitgemacht und darum ebenso rasch wieder
abgelegt wurde, und daß es heute Produzenten gibt, die als letzte Neu-
heit Zimmergarnituren im „italienischen Renaissance-Stil, Ausführung
antique, Mahagoni" anpreisen.

Um so erfreulicher ist es, daß eine Auslese von guten Produkten des
Wohnbedarfs, wie sie z. Z. in Stuttgart die Württembergische Arbeits-
gemeinschaft des D.W. als jüngstes Resultat ihrer verdienstvollen Arbeit
unternommen hat, eine solche Menge praktischer und guter Geräte zu-
tage fördern konnte. Diese Ausstellung hat deutlich pädagogische Ab-
sichten: Irgendwelche Privatinteressen wirtschaftlicher Art wurden kon-
sequent und zum Vorteil der reinen Idee ausgeschaltet. Die Anordnung
ist klar und übersichtlich. Der Besucher wird von einer Gruppe von Ob-
jekten des Wohnbedarfs zur anderen geleitet, angefangen beim Boden-
belag, über Wand- und Fensterbekleidung, Beleuchtung, Heizung, Aus-
stattung und Speisegerät. Er kommt schließlich über eine Küchenabtei-
lung zu einer Folge von Wohnräumen, die mit einfachsten Mitteln, mit
niederen Kulissen und Stricken, angedeutet sind. Diese Raumfolge ist
weniger abstrakt als die begrifflich geordnete Hauptabteilung und zeigt

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