Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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unserer Forderungen. Es ist nicht einmal verwunderlich, wenn dieselben
jungen Architekten, die jahrelang auf Watmanpapier das Vorbild Le
Corbusiers mit Glasfassaden und Dachgärten zu Tode ritten, heute auf
demselben Watmanpapier unter Leitung der alten Meister der Architektur
Fassaden mit klassischer Schönheit entwerfen. Hatte das neue Bauen
vergebens den von allen Halbfertigen so heftig angefochtenen Satz auf-
gestellt, daß es sich bei seinen Zielen nicht um einen Wechsel des Stils
handeln könne, sondern um eine grundsätzlich neue Auffassung von den
Aufgaben des Bauens überhaupt? Auch' die Architekten Sowjetrußlands,
vor denen eine besonders große und schwere technische und kulturelle
Aufgabe liegt, werden eines Tages zur Besinnung kommen.

Hans Schmidt.

Nachwort der Redaktion.

Was zunächst den Sowjetpalast betrifft, so ist in der Zwischenzeit, wie
unsere Leser aus Heft 5 wissen, ein zweiter Wettbewerb durchgeführt
worden, aus welchem wir ein Projekt in Heft 5 publiziert haben. Der
endgültige Entscheid des Preisgerichts, der hoffentlich das Resultat des
ersten Wettbewerbs gründlich korrigiert, ist uns bei Redaktionsschluß
dieses Heftes noch nicht bekannt.

Wichtiger aber als diese Kontroverse um die ästhetischen Anschauungen
des Preisgerichts in Moskau scheint uns die Frage zu sein, die Hans
Schmidt in seinem dankenswerten Aufsatz anschneidet: Wie steht
das heutige Rußland zu den Grundsätzen des neuen
Bauens? Wir haben keinen Grund, zu verschweigen, daß die neueste
Wendung der Dinge, wie sie sich nicht nur in dem Wettbewerb um den
Sowjetpalast, sondern auch in den meisten ausgeführten Verwaltungs-

Chronik der Länder

Deutschland

Ein deutsches Ballett gegen den Krieg

Bei dem in diesem Sommer in Paris von Rolf de Mare organisierten
choreographischen Wettbewerb hat ein deutsches Ballet einen sen-
sationellen Erfolg gehabt. Inzwischen wiederholte sich die ungewöhn-
lich enthusiastische Aufnahme dieses Tanzstückes bei der Uraufführung
in Essen. Man erfährt, daß diese Tanzbühne geradezu phantastische
Engagementsangebote für Auslandstourneen bekam. Man beginnt, im
Ausland von einem deutschen Ballett mit Weltbedeutung zu sprechen.
Die Folkwangtanzbühne in Essen und ihr Leiter Kurt Dooß sind nicht vom
Himmel gefallen. Sie arbeiten bereits seit vielen Jahren, haben Lei-
stungen hervorgebracht, die höchste Anerkennung verdienten. Aus den
Bezirken des neuen Tanzes kommend, haben sie sich um Fundierung
eines deutschen Theatertanzstiles bemüht und fruchtbare Auseinander-
setzungen mit dem Ballett gehabt.

Für den diesmaligen Erfolg wurden die verschiedensten Deutungen
herangefahren. Das Entscheidende an ihm ist aber, daß in dem Tanz-
werk „Der grüne Tisch" eine unmittelbare Verbindung mit unserem heu-
tigen Leben hergestellt wird. Die Versuche, eine aktuelle tänzerische
Kunst zu schaffen, haben bisher nur in der Sowjetunion, und auch da nur
teilweise, Ergebnisse gezeitigt. Was in Deutschland an rein Tänzerischem
auf diesem Gebiet erstrebt wurde, blieb in engen Grenzen stecken.
Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Aktuell war auch der
„neue" Tanz; in den Zeiten, als er wirklich noch neu war. Er fing die
Gefühlssehnsucht einer ganzen Epoche auf und verarbeitete sie künst-
lerisch einwandfrei. Dabei blieb es aber, und die ungeheuren Verände-

und Wohnbauten ankündigt, eine große Ueberraschung für alle die-
jenigen bedeuten muß, die von der eminent sozialen Funktion
der Hauptgrundsätze des neuen Bauens überzeugt sind. Wir haben die
Verdächtigung von Leuten wie Schultze-Naumburg, A. von Senger u. a.,
die in jedem flachen Dach gleich ein Bekenntnis zum Bolschewismus er-
blicken, immer für albernes Gerede gehalten, und es ist ja beinahe eine
groteske Wendung der Situation, daß diese Verfechter einer „nur
nationalen", „traditionsbewußten" Bauweise (die in Wirklichkeit nichts
anderes ist als der französische Barock des 18. Jahrhunderts!) nun, wo
Rußland abrückt, ihres einzigen Argumentes beraubt werden! Allein,
was auch zur Verteidigung der neuen russischen Anschauung vorge-
bracht werden mag — kein Mensch wird es verstehen, daß die von
wirklichen sozialen Ueberlegungen diktierten Grundsätze des neuen
Bauens als Symptome der zerfallenden bürgerlichen Kultur von denselben
Russen abgelehnt werden, welche es als ihre Aufgabe betrachten, die
stellenweise sehr unsozialen künstlerischen Ausdrucksweisen einer
blühenden bürgerlichen Kultur zu pflegen. Was dabei entsteht, kennt
man nun nachgerade — es ist Nachbeterei historischer Stile, also in
jedem Betracht das Gegenteil dessen, was sonst in den Prinzipien sozialer
Aufbauarbeit in Rußland verlangt wird.

Vielleicht aber verhält es sich so, daß Rußland auch in dieser wie in so
vielen andern Fragen eine Spanne Entwicklung, die Europa glücklich
hinter sich hat, zwangsläufig nachholen muß, und daß man einst von der
Architektur des Fünfjahresplanes mit ähnlichen Ausdrücken sprechen wird
wie bei uns von derjenigen der Gründerzeit? Und daß, wie Hans Schmidt
hofft, erst hinterher die Besinnung kommen wird? „Ein großes Schiff",
meinte Dostojewski, „braucht auch ein tiefes Fahrwasser!" Gtr.

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Szene aus dem Ballett „Grüner Tisch" von Kurt Jooss, Essen.
Scene from the ballett „Green table".
Scene du ballet „Table verte".
Foto: Renger-Patsch.

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