Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Bildnis einer deutschen Stadt

Die deutschen Städte, soweit sie es zu Größe und Bedeutung gebracht
haben, liegen „am Fuße". So liegt Dresden erstens am Fuße des Erz-
gebirges, etwa da, wo die Elbe nach dem Durchbruch durch die Sand-
steinfelsen die freie Ebene erreicht, und zweitens am Fuße eines Throns,
der vor 200 Jahren am glänzendsten Versailles ins Deutsche übersetzte.
Ebenso liegt Hamburg am Fuße des Weltmeeres. Denn wenn man dem
Gebirge einen Fuß zuspricht, obwohl es davon wenigen Gebrauch macht,
warum dann nicht dem Meer, dessen rastlose Bewegtheit dieses Bild
gestattet. Köln liegt am Fuße des Rheins und dazu des Erzbistums, eines
Fürstenthrones so gut wie ein weltlicher. Wer einen Sinn für Symbole
hat, bemerkt, wie zu Füßen des Doms — wunderfältigen Gebirges aus
Stein — die Stadt sich breitet, deren Ostgrenze der Rhein abschreitet.
So liegt Breslau am Fuß des Bischofsitzes, München und Berlin am Fuß
ihrer Königsschlösser; so liegt Essen, jüngste der Großstädte, am Fuß
der jüngsten Güter: Eisen und Kohle.

„Am Fuß" bedeutet also an jener kulturpolitisch, soziologisch oder geo-
graphisch wichtigen Formation liegen, die für die Entwicklung eines
Städtebildes entscheidend ist.

Unter den Städten mit über 500 000 Einwohnern ist Leipzig (730 000 Einw.)
die einzige, die an keinem „Fuß" liegt. Kein Bischof, kein Monarch, Berg,
Meer, Fluß oder Element half seinem Aufstieg; niemand schlug hier mit
Schloß und Dom, Hafen, Grube oder Brücke seine Herrschaft auf. Seine
sumpfdurchzogene Niederung bot vielleicht bedrohten Sorben Zuflucht;
an einer vorgeschichtlichen Salzstraße liegend, hatte es vor ähnlichen
Siedlungen nichts voraus. Nichts von dem, was die benachbarte Residenz
Meißen oder eine heute so nebensächliche Stadt wie Grimma baulich
auszeichnet, ist in Leipzig zu finden. Da die Vorzeichen großstädtischer
Entwicklung hier andere sind als sonst, ergibt sich hier ein in Deutsch-
land sonst wenig gesehenes Städtebild.

Ohne je obrigkeitliche Förderung erfahren zu haben, wuchs Leipzig zur
größten Stadt des Landes Sachsen, an dessen äußerster Grenze es liegt.
Obwohl es unendlichen Raum für sein Wachstum vorfand, wuchs es nicht
frei ins Weite; Mietskasernen und Elendsviertel, hier unnötiger als in In-
dustriezentren, verschandeln das Bild auch dieser Stadt. Die großen Aus-
fallstraßen sogar sind von bodenloser Häßlichkeit. Leipzig ist der seltene
Fall einer anti-feudalen Stadt; städtebauliche Gelegenheiten übersah es,
denn seine Aufmerksamkeit war allein gerichtet auf das Geschäft. Es
fehlen ihm also nicht nur die Galerien, Hoftheater, Dome, Avenüen,
Wasserspiele, weiten Planungen, durch die der Absolutismus seine Herr-
schaft zu bekunden pflegte, sondern es zeigt sich in der gedrängten Enge
des Stadtkerns ungemein plastisch der Krämergeist bürgerlicher Städte-
bauer. Keine Schloßfreiheit, kein Zwinger, nicht einmal die Kirche herrscht "

am Markt, sondern: das alte Rathaus, die alte Waage, die alte Börse. Flugaufnahme des Bahnhofs von Leipzig

Mit solchen Bauten repräsentiert nicht die feudale, sondern die bürger-
liche Stadt. Immer unter Dresdener Vormundschaft und Eifersucht, nahm
nach Gründung des Reichs gerade sie einen stürmischen, aber sonder-
baren Aufschwung. Für Sachsen zu groß und zu unabhängig geworden,
wurde sie eine Art „Reichsstadt", Sitz des Reichsgerichts, einer National-

Bibliothek und einer internationalen Messe. schreien und dröhnen vor Lebensgier, und unfähig zu warten, bis es

Zur Zeit der Messe drängen Aussteller und Besucher, 120—150 000 Abend wird, verhöhnt die Lichtreklame die absteigende Sonne. Bänder
Fremde, wie Eroberer in die Stadt, die, statt ihre Schätze vor ihnen zu aus Licht werden wie Konfetti auf die Bürgersteige geworfen, wenn man
verbergen, sie um so lockender zur Schau stellt; die Stadt verdoppelt noch Bürger-Steige nennen darf, was sich von solcher Inbrunst des Lebens
sich, vervielfacht ihren Puls; sie ist nicht wiederzuerkennen, Wolken von ergriffen zeigt. — Das Seltsamste an diesem Fieber ist, daß es sogleich
Menschen ziehen die Milchstraßen aus Asphalt hin und her, alle Nationen nach seinem heftigen Ausbruch den Höhepunkt erreicht, acht Tage lang
New Yorks sprechen hier ihre einheimischen Sprachen und werden ver- abebbt, und dann von einer mäßigen, sehr charakteristischen Apathie ab-
standen, Fahnen wehen über die Straßen hin, verschlafene Baracken gelöst wird, die bis zur nächsten Messe anhält. Die Wirtshäuser, die

Vue aerienne de la gare de Leipsick
Aerial view of the Station at Leipzig

Aus dem Buche „Karl H. Brunner, Weisungen der Vogelschau'
Verlag Callwey, München

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