Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Man nehme bitte diese Betrachtung nicht für ein mehr oder minder
nettes Analogie-Spiel. Wenn ich das Phänomen nur für analogisch hielte,
würde ich nicht viele Worte verlieren. Es handelt sich meiner Ansicht
nach um etwas ganz Konkretes, um die tiefe Logik kollektiven Scnaf-
fens, in diesem Falle der Stadt-bauenden Gesellschaft. Jenes Straßen-
netz um das Schloß ist genau solch ein geschaffener Ausdruck wie nur
irgend eine Linie in einer Bildkomposition Raffaels . . . nur daß der Ge-
stalter hier kein Individuum ist, sondern eine Gesellschaft, deren Werk
Generationen, nicht Tage in Anspruch nimmt. Nicht um ein vergleichen-
des „wie" also handelt es sich, nicht um ein „als ob", nicht darum, daß
das Straßennetz der City sei „wie" ihre Politik, sondern um das Eine
Gleiche hier und dort. Es ist derselbe, der diese Politik treibt (wir
meinen damit nicht vorwiegend gewisse Betriebsunfälle der Tages-
politik) und der die Hauptbahnen der Stadt so anlegt, daß Osten und
Westen 100 m vor dem Ziele voreinander ausweichen, der notwendige
Weg nicht klar und konsequent gegangen, im entscheidenden Moment
die Einheit zerrissen wird.

Und meine Frage ist nun: kann vielleicht eine städtebauliche Operation
die merkwürdige Denkhemmung kurieren?

Ich stelle mir vor, es wird die Bahn aus Westen direkt auf geradem
Wege in die Ostbahn hineingeleitet, wobei ich absichtlich die Frage
der besten Trace usw. außer Betracht lasse (Sie würde durch ein Gebiet
führen, das die furchtbarsten, schon halb zerfallenden Wohnhöhlen
Berlins trägt, ein Gebiet, das lange zum Abbruch reif ist). Ein Stück des
Schlosses müßte fallen. Für einen verkehrstechnischen Straßen-Durch-
bruch wäre das Opfer bedenklich. Aber wenn ein neues Erleben ein
neues Denken gewonnen würde und am Ende eine neue Politik, dann
wäre selbst der Verlust einer schönen Schlüter-Architektur Bagatelle. Und
ich glaube, daß die Wirkung der klaren offenen Verbindung von Ost und
West tatsächlich ein ganz gewaltiger, ja unschätzbarer geistiger Ge-
winn wäre. Es würde wirklich eine Denkhemmung beseitigt, weil diese
Stadt, deren ursprünglicher gesunder Organismus mit dem Bau der
Zollernburg verdorben wurde, mit der Zusammenführung ihrer Haupt-
bahnen erst wieder zu ihrem wahren weltpolitischen Sinn kommen
würde. Der augenfällige Beweis, daß man auch dicht vor dem Ziele
noch durch Geradlinigkeit, ohne Umwege, wirklich und tatsächlich ans
Ziel gelangen kann, an der schönsten und wichtigsten Stelle der Stadt
täglich und stündlich erlebt, der Durchbruch der sinnlichen Erkenntnis,
daß nicht an der Schloßbrücke eine andere Stadt beginnt ... er würde
wunderbare heilende Folgen haben. Also nicht um eine Verkehrsab-
kürzung handelt es sich für uns, sondern um die Zerstörung einer Denk-
Barriere.

Denn es ist nicht anders: vor dem Schloß wird jetzt nicht nur Berlin, wird
Europa in zwei Hälften zerschnitten. Und das war ja bewußte Politik der
Dynastie. Das neue Berlin muß wieder anknüpfen an seine ursprüngliche
Aufgabe als Vermittler zwischen Ost und West, und wenn es erst in
seinem eigenen Centrum die Pfeiler durch einen neuen Brückenbogen
sichtbar verbindet, um auf der neuen Bahn das ungehinderte Herüber
und Hinüber täglich, stündlich zu erleben; wenn es in seinem eigenen
festlichsten Raum die Einheit, das Zusammen, das Unteilbare täglich,
stündlich empfindet; wenn es sinnlich wahrnimmt, wie ein ganz neuer
Geist in seinen Stadtraum gekommen ist, wird auch die politische Hem-
mung des Denkens einmal . . . wenn auch nicht von heute auf morgen
. . . fallen.

Also ein chirurgischer operativer Städtebau zur Befreiung des politi-
tischen Denkens.

Ein kleines Satyrspiel zum Schluß:

Als Jobst Siedler den Neubau der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße
aufführte, galt seine nicht geringste Sorge dem Problem, wie er die

Hauptgesimse seiner Nachbarn rechts und links harmonisch mit dem
eigenen zusammenführen könne. Er nahm Lucaes pompöse Renaissance-
Attika vom Palazzo Borsig auf, setzte sie fort, freilich unter Verwandlung
in ein „modernes" Gesims-Neutrum, und er nahm auf der anderen Seite,
zwei Geschosse tiefer, das Profil des Barock-Pavillons auf, führte es
ähnlich geschlechtslos ein Stück weiter... genau bis unter den Schluß-
punkt des Hauptgesimses . . . und dann läßt er beide fallen. Beide
Bahnen laufen sich tot ... 10 m von einander, und das an dem Hause,
aus dem das Wort kam „. . . 100 m vor dem Ziele".
Noch etwas anderes gehört hierher: der Polizeipräsident will den
„Linden", die aus organischen Leiden zu veröden drohen, v/enigstens
ein bißchen bessere Gesichtsfarbe geben, und er läßt die Schupo mit
Blechmusik und Parademarsch die Wache beziehen — so wie es einst
die „Maikäfer" und die Alexander gemacht haben. Ich weiß nicht, wer
mit dem Erfolg am meisten zufrieden ist... jedenfalls ein neuer Versuch:
Städtebau durch Parademarsch.

Adolf Behne

Berlins Bevölkerungsentwicklung in der Nachkriegszeit

Die Weltstadt Berlin mit ihrer Einwohnerzahl von rund 4,3 Millionen hat
im letztvergangenen Jahre (1931) einen recht erheblichen Bevölkerungs-
verlust gehabt; er beziffert sich auf insgesamt 43 603 Seelen, der sich aus
einem Sterbeüberschuß von 10 596 und einem Fortzugsüberschuß von
33 007 zusammensetzt. Die Einwohnerzahl Berlins, die sich am Beginn
des Jahres 1931 auf Grund der von Jahr zu Jahr (seit der letzten Volks-
zählung) erfolgenden „Fortschreibungen" auf 4 332 547 stellte, betrug
demnach am Ende des Jahres „nur" noch 4 288 944. Der Hygieniker und
Bevölkerungspolitiker, der diese Entwicklung Berlins schon seit geraumer
Zeit verfolgt, wird dennoch darüber nicht besonders klagen, hat doch
die jedes frühere Ausmaß übertreffende Zuwanderung in den vorange-
gangenen 10 Jahren seit der Bildung der neuen Stadt Berlin (Gesetz vom
27. April 1920) in vieler Hinsicht zu unerwünschten Anballungen geführt.
Darüber noch ein paar Daten. Die Bevölkerung Groß-Berlins betrug am
1. Januar 1921, d. h. unmittelbar nach Bildung der neuen Stadtgemeinde,
3 879 409; bis zum Ende des letztvergangenen Jahres, also bis 31. Dezem-
ber 1931, wurde nun allein in diesem Zeitraum (vom 1. 1. 1921 bis
31. 12. 1931) ein Zuzugsüberschuß von 463 248 Menschen gezählt,
der sich allerdings wiederum durch einen Sterbeüberschuß von
54 519 vermindert und demnach in einem Bevölkerungsgewinn von
408 729 Menschen übergeht. Auch dieser Gewinn in einer verhältnis-
mäßig kurzen Zeit stellt die Einwohnerschaft einer Großstadt, etwa von
der Größe Nürnbergs, dar. Damit stellte sich die Einwohnerzahl Berlins
nach einigen kleinen Berichtigungen Ende des Jahres 1931 auf 4 288 944.»
Zahlreiche aktuelle Probleme der modernen Großstadtentwicklung, der
Bevölkerungsentwicklung der europäischen Kulturvölker überhaupt,
sind in diesen wenigen Zahlen enthalten. Sie können hier — aus
Raumgründen — nur angedeutet werden, da ihre Darstellung am
Beispiel Berlins eine sehr eingehende Analyse des bevölkerungs-
statistischen Materials und eine Ergänzung durch feinere Auf-
gliederung erforderlich machen würde. Eins sei indessen auch hier
hervorgehoben. Die Bevölkerungsentwicklung Berlins, aber auch der
meisten übrigen Großstädte des Deutschen Reiches, ist keine „natür-
liche" mehr. Die gewaltige Zunahme der Berliner Bevölkerung in diesen

• Wegen weiterer Einzelheiten, insbesondere mit Bezug auf die Entwicklung der
20 Verwaltungsbezirke Berlins, von denen die Bezirke 1—6 die alte Stadt (Alt-Berlin),
die Bezirke 7—20 die ehemaligen Vorortgemeinden (Außenbezirke) darstellen, sei
auf den Aufsatz Dreydorffs in den Berliner Wirtschaftsberichten, 2. April 1932,
9. Jahrgang Nr. 8, verwiesen.

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