Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Stuttgarter Kunst und Männer

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Raum der Privatsammlung Hugo Borst, Stutt-
gart.

Room from private collection of Hugo Borst,
Stuttgart.

Salle de la collection particuliere de M. Hugo
Borst, Stuttgart.

Architekt Prof. Ernst Wagner.
Foto Moegle.

Von Erich Fröhlich.

Als im Dezember 1931 ein Teil des alten Schlosses abbrannte, erwachte beim
Stuttgarter für dieses ehrwürdigste Gebäude der Stadt plötzlich eine heftige
Liebe, die alle gegenwärtigen Nöte in nichts zerblies. Die fortschrittlich
Gesinnten vertraten mit Energie den Plan, aus dem Ruinenteil das uns fehlende
zeitgemäße Ehrenmal zu machen. Es wurde aber beschlossen, das alte Antlitz
äußerlich zu imitieren und innen ein Heimat-Museum unterzubringen. An
diesem Fall erlebte man wieder den Kampf des Fortschrittlichen, Ideenreichen
(mit allen Uebergängen bis zum Genialen, das im Schwaben nicht selten
ist) — mit dem konservativen Geist. Die Zahl der großen Männer und Ideen,
die aus dem „Ländle" einschließlich der Hauptstadt stammen, ist außerordent-
lich, ihr Kampf gegen alles herrschend Konservative heftig und endlos. Oft
unterlagen in diesem Kampf gegen ihre eigenen Landsleute viele Männer, die
den Ruhm Schwabens immer wieder in alle Welt trugen. Hegel gelang
es nicht, einen Lehrstuhl an der Heimatuniversität zu bekommen, ebenso
wenig Schelling. Kepler wurde vertrieben, D. F. Strauß mußte fliehen, dem
großen Vischer haben sie im Stockgebäude das Leben sauer gemacht,
Friedrich List kam auf das Landeszuchthaus „Asperg" und wurde später nach
Preußen ausgewiesen. Schiller gedachte sein Leben lang voll Bitterkeit seiner
Heimat. Man könnte diese Liste auf den verschiedensten Gebieten fortsetzen,
z. B. in der bildenden Kunst. Der größte schwäbische Maler seiner Zeit Gottlieb
Schick begründete in Rom sein Glück, Theodor Schütz reiste heimlich aus Düs-
seldorf in die Heimat, um seine hervorragenden Landschaften zu malen, die
uns heute zum Typ der schwäbischen Idylle und Weite geworden sind. Reiniger
und Pleuer wurden übersehen, Willi Baumeister ließ man nach Frankfurt und
Oskar Schlemmer ans Bauhaus, trotzdem beide sehr geschätzt waren vom Kreis
echter Kunstfreunde und früh erkannt und hervorgehoben von dem bekannten
Kunstreferenten K. K. Düssel.

Mit dem Abgang Kalkreuths und der Berufung Hölzeis an die Akademie ums
Jahr 1905 setzte Stuttgarts Bedeutung endlich wieder für die deutsche Kunst
ein. Holzel der Künstler, der Lehrer, wandte sich gegen das Imitative in der
Malerei, wies auf die bis dahin vernachlässigte Komposition und auf die Farbe
hin wie kein anderer. Er lehrte das tatsächlich Lehrbare, das Gesetzmäßige,
und suchte für sich immer weiter nach Gesetzen, — das rein Künstlerische als
höchstes anerkennend. Sein Erfolg war für Stuttgart ohne Beispiel. Heute noch
im hohen Alter ist er ein Vorbild an Künstlertum und Menschlichkeit.
Baumeister und Schlemmer seine ehemaligen Schüler. Beide machten ihrer
Vaterstadt große Ehre. In vielen deutschen Museen hängen ihre Bilder. Beide
gleich bedeutend als Maler und Bühnenbildner, gelegentlich auch als Plastiker.
Schlemmer in seinen Figurenbildern voll Raum und Körperrhythmus; Bau-
meister in den Sport- und Mauerbildern, die mit den entscheidenden Elementen
aufgebaut sind, gestrafft und frei zugleich. Aus Hölzeis Schule gingen weiter
hervor: Brühlmann, Meyer-Amden, Itten, Kerkovius, Pellegrini, Hildebrandt,
Eberharod, A. Müller. 1
Aus der Altherr-Schule kam Hans Spiegel, der jetzige Direktor der Akademie, A
mit malerisch kubischen Werken. Man hofft, daß seine Initiative Unterstützung
finden werde.

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