Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Chronik der Länder

Frankreich

Rückkehr zur Gotik?

Man erinnert sich des großen Aufsehens, das vor zehn Dahren die ersten
Eisenbetonkirchen der Gebr. Perret — Le Raincy, Montmagny etc. — er-
regt hatten. Man sah in ihnen eine neue Möglichkeit konstruktiver Ver-
wendung des Eisenbetons, gepaart mit einer, wie es schien, sehr glück-
lichen Fortführung, Reinigung, Modernisierung gotischer Formtraditionen.
Die nächste Etappe schien auf dem Wege zu liegen, den Karl Moser kurze
Zeit danach mit seiner Antoniuskirche in Basel beschritt, in welcher tat-
sächlich ein neuer „Stil" sich ankündigte, der bemüht war, dem neuen
Material keine alte Form aufzuoktroyieren. Perrets Kirchen schienen so
eine ähnliche Rolle des Uebergangs, der Vorbereitung zu spielen, wie
etwa die frühen Villen von Peter Behrens, die bei aller Anlehnung an
klassizistische Formen schon ein völlig modernes kubisches Empfinden
aufweisen.

Aber es scheint, daß auch da wieder einmal eine neue Idee in kleinere
Münze umgesetzt werden soll. Die Kirche von Morenil, die wir hier ab-
bilden, ist deutlichste Perret-Imitation, nur mit der Einschränkung, daß
alles um einen Schritt zurückführt in die Tradition. Betonkonstruktion —
ja, aber nur zur Herausarbeitung einer da und dort schüchtern einge-
dämmten Neo-Gotik! Man beachte irgendwelche Details, die Auflösung
des Turmes nach oben, die Bekrönung der Eingangsfront, die Treppen-
türmchen — überall sind völlig leblose historische Elemente hinein-
verarbeitet, die einst, an ihren originalen Bauten im späten Mittelalter,
ihren Sinn und ihr Leben hatten, hier aber nichts als Requisite historischer
Bildung sind. Unhistorischer Bildung, müßte man sagen, denn die wahre
historische Bildung liegt ja gerade darin, daß sie die Relativität und den
einzigartigen Wert der Relativität jeder Erscheinung kennt. Gtr.

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Die Kirche von Montmagny Die Kirchevon Morenil (Somme)

L'Eglise de Montmagny L'Eglise de Morenil (Somme)

The church of Montmagny The church of Morenil (Somme)

Arch. Auguste Perret Arch. Duval u. E. Gonse. 1931

Rußland

Der neue Sowjet-Palast

Wir berichtigen die Mitteilung in Heft 3, Seite 66: das dort abgebildete
Projekt stammt nicht von dem Amerikaner Hamilton (dem in einem Presse-
Interview die offenbar irrige Behauptung nachgesagt wurde, sein Projekt
sei bereits zur Ausführung bestimmt), sondern ist die Arbeit eines der
russischen Teilnehmer an dem großen Wettbewerb.

Inzwischen haben die russischen Behörden, gestützt auf diesen Wett-
bewerb, einen zweiten mit etwas veränderter Programmstellung ausge-
schrieben an welchem, soweit wir orientiert sind, nur wenige und nur
mit Russen zusammenarbeitende Ausländer teilnehmen konnten. Die Ent-
scheidung dieses zweiten Wettbewerbes steht noch aus. Wir sind in
der Lage, die Modellansicht des Projektes von Ginsburg,
Hassenpflug und Lissagor hier zu publizieren. Aus einem
Vergleich mit dem Gropius'schen Projekt (Heft 2) geht die Situation des
Ganzen sowie die veränderte Aufgabenstellung deutlich hervor. Die
Verfasser schreiben uns zu dem Projekt:

Die Ergebnisse aus dem neuesten engeren Wettbewerb für den Sowjet-
palast in Moskau, der unter russischen Architekten-Gruppen (außer dem
Amerikaner Hamilton und dem Deutschen Hassenpflug) ausgeschrieben
wurde, stehen noch aus. Unter den bis zum 2. 8. eingegangenen ca. 20
Projekten befinden sich eine große Anzahl mit klassizistischer Richtung,
die teilweise auch von früheren Konstruktivisten herrühren. Voraussicht-

lich wird auch dieser Wettbewerb als Resultat einen neuen 3. bezw. 4.
Wettbewerb innerhalb einer kleineren Gruppe von Architekten nach sich
ziehen.

Die Modellfotos zeigen den quadratischen Flachbau mit dem Rund-
gebäude des 20 000 Personen fassenden Saales und dem 6000 Personen
fassenden Theater mit dem davorliegenden als Tribüne ausgebildeten
Quertrakt. Um einen möglichst großen Platz für Massenveranstaltungen
und Demonstrationen zu erhalten, ist die Anlage konzentriert. Vestibül,
Garderobe und Foyer liegen übereinander. Die Nebenräume gruppieren
sich um zwei innere große Gartenhöfe. Das Dach ist begehbar und mit
dem Hauptfoyer des großen Saales direkt verbunden.

Auf dem Platz links ein Autoparkplatz und die Station für Autobusse und
Straßenbahnen, rechts die Eingänge zur Untergrundbahn.

Unter dem Quertrakt eine Brücke im Eingangsniveau mit einer Anlege-
stelle für die Moskauer Wasserstraßenbahn.

Im großen Saal ist die Decke heb- und senkbar, um die Kubatur aus
akustischen Gründen verkleinern oder vergrößern zu können.

Durchmesser des großen Saales 100 m, Länge des Flachbaues 200 m,
Höhe 8 m, Gesamthöhe 82 m, umbauter Raum ca. 1 100 000 Kubikmeter.

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