Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Fliegerbild von Moskau.

Milte: Kreml. Unten links: der projektierte Sowjetpalast.
Vue ä vol d'oiseau de Moscou.

Au milieu: Le Cremlin. En bas ä gauche: Le palais des Soviets.
Bird's-eye view of Moscow.

In the centre: The Kremlin. In the right hand bottom corner: Projekt of the
Sowjet Palace.

Walter Gropius'

Projekt für den Sowjetpalast in Moskau

Der Wettbewerb für den Sowjetpalast ist in mancher Hinsicht ein Gegen-
stück zu dem Völkerbundswettbewerb unseligen Andenkens. Hier wie
dort handelt es sich um das repräsentative Gebäude für die Bedürfnisse
einer großen Konfoederation von Staaten. Abgesehen von allen Fragen
der politischen Organisation und des politischen Bekenntnisses bringt
diese Tatsache einer verwandten Problemstellung die beiden Unter-
nehmungen als Bau-Aufgaben einander sehr nahe. Man wird schon
aus diesem Grunde der endlichen Ausführung des Sowjetpalastes mit
größter Spannung entgegensehen.

Walter Gropius hat uns seinen Entwurf zur Erstpublikation überlassen.
Außerhalb des in Rußland ausgeschriebenen Wettbewerbs wurden 9 aus-
ländische Architekten gegen Bezahlung von den zuständigen Handels-
vertretungen zur Teilnahme aufgefordert. In Deutschland: Gropius, Men-
delsohn, Poelzig. In Frankreich: Le Corbusier und Perret. In Amerika:
Urban und Lamb, etc. Diese Projekte der Ausländer hatten aber nur kon-
sultative Bedeutung und wurden in die Beurteilung des Wettbewerbs
nicht mit einbezogen.

Den Erläuterungen, die Gropius zu seinem Projekt geschrieben hat, ent-
nehmen wir folgendes:

Das Ganze: ein einziger gewaltiger, mit einem Blick erfaßbarer Raum-
körper über dem Kreis, als dem Symbol der Bindung der Volksmassen zu
einer menschlichen und politischen Großeinheit.

Eingliederung in den Stadtplan und in das Baugelände.

Der große Rundbau füllt den westlichen Teil des Bauplatzes aus

und läßt den östlichen Teil bis zur Leniwka — später bis zum Kreml —
unbebaut als Platz für Massenansammlungen vor der Front des Kongreß-
Saales.

Die Zugänge für die Massen rings herum an der Peripherie.
Zufahrten und Eingänge für die Präsidien, Presse und Bühnenmitwirkenden
je getrennt an dem nach Nord und Süd keilförmig geöffneten Kern der
Baugruppe. Zufahrt von Süden her, Ausfahrt nach Norden.
Abzweigungsgleis der unter der Wolchonka geplanten Untergrund-
bahn unter dem Palast mit direkten Zugängen zu den Treppenhäusern
der großen Säle und der zentralen Präsidenten-Abteilungen.
Einfache radiale Orientierung der Gesamtbaugruppe.
Schnelle radiale Füllung und Leerung der Säle.

Kurze zentrale Verbindungswege zwischen den verschiedenen Gruppen.
Der Kern mit den angrenzenden offenen Raumsegmenten für Massendurch-
züge und Demonstrationen geöffnet.

Die beiden Hauptsäle, Segmente des Großkreises, liegen Bühne
an Bühne gestellt, der eine nach Westen, der andere nach Osten zum
neuen Platz Leniwka-Kreml gerichtet.
Säle.

Die räumliche Haltung der Säle entspricht der Forderung, gleichzeitig
ernsten Arbeitssitzungen und feierlichen Massendemonstrationen, sowie
künstlerischen Darbietungen gesteigerte Wirkung zu geben.
Säle und Bühne sind eine ungetrennte räumliche Einheit, also keine Tren-
nung zwischen der realen Welt des Zuschauers und einer theatralen „Welt
des Scheins". Verlebendigung vom dreidimensionalen Raum aus, anstatt
vom „flachen"' Bühnenbild üblicher Tiefenbühnen.

Aktivierung aller Teilnehmer an profanen und feierlichen Schauvorgängen
durch organisierte Wechselbeziehung zwischen Zuschauerplatz und
Aktionsfläche.

Gänge und Vorräume durchweg etwas reichlicher als im Programm wegen
des Massengedränges bei vollbesetztem Haus.

Sichtbarkeit und Hörsamkeit für alle Plätze gewährleistet. Diese wichtigste
Voraussetzung bestimmt die Grundform der Säle mit möglichster Ver-
kürzung ihrer Längsachse von den Bühnen her. Vermeidung steiler Seh-
winkel durch zu hohe Ränge.

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Projekt Gropius. Lageplan. • Plan de Situation. • Plan of the site.

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