Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Gasthäuser, die Quartiergeber, die ganze Stadt lebt von einer Messe zur ✓* ,

andern. Sie ist das Gesetz der Stadt, das an die Stelle der unbe-
kannten Jahreszeiten getreten ist. Der Einwohner der Stadt bleibt nach
Ende der Messe in ihr zurück — nicht wie ein Einwohner, sondern wie
ein Platzhalter, der die Aufgabe hat, alles in Gang zu halten für das
nächste Mal. Er lebt in Leipzig, ohne Leipziger zu sein. Der halbjährlich
anflutende Strom von Fremden öffnet ihm den Blick ins Weite und macht
ihn untauglich zum Lokalpatrioten; mit dem gern aufgenommenen
Fremden beginnt er das Fremde zu lieben, gewinnt das offene
Auge für die Welt, wird Weltkind, das sich überall zu Hause fühlt und mit
einer sprichwörtlich gewordenen Reisefreudigkeit seine sächsische
Mundart in alle Zonen der Welt trägt.

Der Niedergang des Welthandels wäre dem Bestände dieser Stadt ge-
fährlich, würde nicht seine Existenz noch durch einen anderen Faktor be-
stimmt. Durch die Lage in der Mitte Deutschlands, d. h. des Gebietes,
das vorwiegend zu versorgen ist, im Mittelpunkt des Reichs und eines
natürlichen Verkehrsnetzes, von den Landesgrenzen beruhigend weit ent-
fernt, wird dieser Boden Sammelpunkt einer nationalen Wirtschaft. Die
Chemikalisierung der Industrie, die ihren Standort zu einer willkürlichen
Angelegenheit macht, hat ihren Umzug nach Mitteldeutschland erleich-
tert; und während die I. G. Farben sich aus Oppau, Ludwigshafen, Höchst
und Mannheim langsam zurückziehen, erzeugen sie ihr synthetisches Oel
in Leuna, ihre Sulfate in Halle. Dessau ist die Flugzeugwerft Mitteleuropas.
Umgeben von lebenswichtigen Industrien, aber selbst frei davon, ist
Leipzig dieses neuen Gebietes natürliche Hauptstadt. Seine Zukunft ist
unbezweifelbar, seine Kenntnis ist daher wichtig. Arno Schirokauer





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3akobTschernichow:KonstruktionderArchitektur- 100 50 0 mom

und Maschinenformen
Im Verlag der Leningrader Architektengesellschaft erschien im Dahre 1931

das Buch von Dakob Tschernichow: „Konstruktion der Architektur- und Idealplan einer Zähringerstadt, nach Hamm

Maschinenformen". Es ist 275 Seiten stark und enthält über 400 Schwarz- Plan id6al d'une ville des ducs de Zähringen, d'apres

Weiß-Zeichnungen des Verfassers. Die Aufmachung des Werkes ist ge- Hamm

diegen und geschmackvoll. Ideal Plan of ,he towns erected by the dukes of

Das Buch zerfällt in drei Hauptabschnitte: Zähringen, after Hamm

1. die Konstitution des Konstruktivismus____ . Urban-Verlag, Freiburg i. Br.

2. die Erforschung des Konstruktivismus

3. die Formbildung der Konstruktion.

Der Verfasser versucht sich mit den „Problemen des Konstruktivismus in heutige Kunst haben müßte, als das bisher geschehen sei. Tschernichow
ihrem Verhältnis zur Kunst" auseinanderzusetzen. Die Gemeinsamkeit streift dabei künstlerische und philosophische Probleme, morphologische
konstruktiver Anfänge in Kunst und Technik bedeuten ihm grundsätzliche und systematische Fragen tauchen auf und erweitern den Sinn seiner Dar-
Erkenntnis. Die ästhetischen Gesetze, die sich heute in der Technik offen- legungen, um schließlich zur Begriffsbildung eines „konstruktivistischen
baren, abstrahiert Tschernichow zu absoluten Kunstformen. An Hand von Weltverstehens" vorzudringen. Sein Hauptverdienst wäre jedoch darin
Schwarz-weiß-Zeichnungen technisch-architektonischen Inhaltes beweist zu erblicken, daß er im Rahmen dieses kunst-theoretischen Buches tech-
er die rein künstlerische Daseinsberechtigung ihrer Flächen- und Linien- nische Formen in die Kunst einführt, und zwar im Sinne einer vollwertigen,
bildung. grafischen Thematik. Boris Martens
Die Lösung konstruktivistischer Probleme erscheint Tschernichow als

grundlegend für alles menschliche Schaffen überhaupt. Er geht die Linie Ernst Hamm: Die Städtegründungen der Herzöge
dieser Erkenntnis konsequent zu Ende und schafft im Verlauf seiner gra- vonZähringen in Südwestdeutschland,
fischen Untersuchungen neue abstrakt-plastische Schöpfungen. An Hand Das Buch schildert in einer gründlichen und objektiven Weise die Anlage
seiner Zeichnungen kann man den Weg von der Abstraktion der Oma- der Städte Freiburg i. Br., Villingen, Rottweil a. N. und Neuenburg a. Rh.
mentik über maschinelle Formen zur Neuschaffung rein künstlerischer, Es versucht, die gemeinsamen Züge in den Plänen dieser Zähringerstädte
hauptsächlich jedoch architektonischer Gebilde verfolgen. herauszuschälen und Nachwirkungen davon auch in Kenzingen und
Aus oben angeführten Gründen kommt der Verfasser zu dem München nachzuweisen. Leider fehlen die schweizerischen Zähringer-
Schluß, daß z. B. die Entwicklung des Eisenbetonbaues und der intensive Städte Freiburg i. Ue. und Bern, die das Bild vermutlich etwas korrigiert,
Fortschritt der Maschinenindustrie einen weit radikaleren Einfluß auf die jedenfalls aber wesentlich bereichert hätten.

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