Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Arbeit der Städte

Prag

Der große Aufschwung, den Prag seit 1918 erlebt hat, schlug sich archi-
tektonisch in vorbildlicher Weise im Geschäftsbau nieder. Ueberall auf
den weiten Plätzen, an den alten engen Gassen der sehr verkehrsreichen
Stadt erstanden diese in ihrer eleganten Sachlichkeit imponierenden
Bauten, in denen sich im Verlauf eines Jahrzehnts ein gültiger Stil ent-
wickelt hat. Der Repräsentationsbau (Ministerien und Universitäts-
gebäude) blieb bedenklich hinter diesen Gebäuden einer mutig heu-
tigen Welt zurück: wüste Barockorgien längst begrabener Renomierideale
mit Kuppeln und bedenklichem Plastikschmuck. Leider nehmen diese
Monstren den anspruchsvollsten Platz im neuen Prag — am Moldauufer —
ein. Unsere Nachkommen werden sich erstaunt fragen, wie derlei gleich-
zeitig erstehen konnte mit jenen zeitbewußten Geschäftsbauten privater
Initiative. Im Wohnbau wurde hurtig drauflosspekuliert, im Wirtschaft-
lichen wie im Architektonischen. Einige gute Mietshausblöcke bilden Aus-
nahmen in dem rohen Mietskasernentum, in dem Lift und Badezimmer
allein eine gesunde Moderne vorzutäuschen unternahmen. Im Villenbau
regte sich eher ein aufrichtiger Geist des Heute, aber auch nur verein-
zelt und meist an der Peripherie der Stadt. Der Durchschnittsvillenbau in
den„Gartenvierteln"zeigt noch heute ein bedenkliches Sammelsurium von
Unfähigkeit und Ratlosigkeit, vom Spießerideal des Bauherrn zu einem
wüsten Konglomerat von Allzugestrigem, genannt „Villa" zusammen-
gepfuscht. — In solchen Durchschnitt hinein tat ein säuberndes Exempel
ganz besonders not. Seit Jahren ging der tschechische Werkbund mit
dem Projekt einer Wohnbauausstellung nach dem Muster der deutschen
Siedlungsausstellungen um. Endlich in diesem Jahr konnte der Plan ver-
wirklicht werden: auf hochgelegenem Gelände außerhalb der Stadt mit
herrlichem Blick auf Stadt und Landschaft ist die Villenkolonie „Baba"
entstanden, in der etwa 30 Häuser von verschiedenen Prager Architekten
den modernen Stil dokumentieren wollen.

Nun muß leider gleich gesagt werden, daß diese Siedlungsausstellung
nicht in die Reihe der vorbildlichen deutschen Unternehmungen gleicher

Kunstpflege!

Zur Kölner Domchorrestaurierung

„Niemand verteidigt unsere Kathedralen. . . Unter dem Vorwand, sie zu heilen, zu
„restaurieren", wo er sie nur stützen sollte, macht ihnen der Archi-
tekt ein neues Gesicht.

Die Kathedrale stirbt und es ist das Land, das stirbt, von seinen eigenen Kindern
geschlagen und mit Füßen getreten. Wir können vor der Schmach unserer aus-
gewechselten Steine nicht mehr beten. An Stelle lebendiger Steine, die nun im
Gerümpel liegen, hat man totes Zeug gesetzt . . .

Eine Kunst, die Leben in sich hat, restauriert die Werke der Vergangenheit nicht,
sondern setzt sie fort . . .

Die Verwüstungen der Zeit berauben uns nicht der Schönheit. Die Zeit ist unendlich
gerecht und weise. Ihre Einwirkung auf unsere Werke nützt dieselben ab, doch sie
gibt fast ebensoviel wie sie nimmt. Während sie die Einzelheiten abwäscht, fügt
sie den Flächen eine neue Größe, einen ehrwürdigen Charakter hinzu.

Die wahren Feinde der Architektur und Skulptur sind die schlechten Architekten
und Bildhauer — die großen Modechirurgen, die vorgeben, die verlorenen Glieder
des Kranken künstlich „wiederherzustellen" . . . (Rodln in seinem Buchtestament:
Die Kathedralen Frankreichs. Uebersetzt von Max Brod, Verlag Kurt Wolff.)

Absicht eingerechnet werden kann. Weder Neuheit von Ideen noch
Niveau der Projekte berechtigt dazu. Aber das war ja auch wohl gar
nicht die Absicht. Hier sollte nur ein für Prager Verhältnisse giltiges
Muster aufgestellt werden und unter diesem Gesichtspunkt darf man die
Unternehmung begrüßen. Trotz einiger Malheurchen, die dieser Dokumen-
tation hätten ferngehalten werden müssen, weht hier doch heutiger Geist
und daß er in corpore auftritt, daß man hier — endlich einmal in Prag —
ein ganzes Baugelände einheitlich modern verbaut sieht, das macht den
Wert des Wagnisses aus. Der Mensch von heute darf das moderne Haus
nicht als Absonderlichkeit zwischen altmodischem Gerümpel antreffen,
er muß es innerhalb einer Stilgemeinschaft sehen, um sich von seiner
Notwendigkeit überzeugen lassen zu können. — Zum Besonderen: Die
Gesamtspannung hätte lockerer sein können. Da mit Platz offenbar nicht
gespart werden brauchte — die einzelnen Objekte liegen weiter aus-
einander als auf „Weissenhof", „Dammerstock", „Wufa" und Wien —
hätte die Würfelblockform viel freier zur Organisation des Geländes aus-
genutzt, hätte sich nicht ängstlich an Straßenfluchten halten lassen dürfen.
Aber in Prag gruselt ja immer das Gespenst der Regulierungskommission,
die auch der freiesten Initiative die Bebauung streng vorschreibt. Ob
heute „neue Ideen" im Einzelwohnbau aktuell sind, bleibe dahingestellt.
Für sie war „Weissenhof" der große, seither nie wieder erreichte Wurf.
Immerhin hätte man gewünscht, daß die heute schon geprägten Ideen im
Durchschnitt reiner und persönlicher zur Geltung gekommen wären.
Aktuell ist heute: Ausprobierung neuer Baumethoden, neuer Baumittel.
Die Unternehmung in Prag zeigt, daß man gerade hierin nichts zu geben
hat. Da die Ausstellung in trostlos unfertigem Zustand eröffnet wurde,
läßt sich ein Gesamturteil noch nicht fällen. Als wirklich heutige und dabei
sehr geistvolle Arbeit fiel mir das Haus Mart Stams auf, des einzigen
Ausländers, der hier zur Mitarbeit aufgefordert wurde. Aber daß das
Ganze zustande kam, ist doch eine Freude und für Prag zweifellos von
großer Bedeutung. Dr. O. S.

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Hans Feibusch, Frankfurt/Main, „Schwebende".
Ankauf der Stadt. Kunstkommission für die Städel-Galerie.
Purchased by the local art-commission for the Städel-Gallery.
Achat de la commission des Beaux-Arts pour la galerie du Städel.

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