Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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eines Tages der engste Stadtkreis besser als irgendein anderer geeignet ist, sich
tortgesetzt selbst zu erhalten.

Wenn wir in einem vorigen Abschnitt angedeutet haben, daß die fortgesetzte Ver-
wendung Irischer Dungstofte gesundheitsschädlich ist, so war hiermit die Tatsache
gemeint, daß nirgends Darmparasiten, Würmer etc. so sehr überhandnehmen wie
in Städten mit frischen Rieselfeldern. (Es ist an dieser Stelle belanglos, ob diese
Tatsache heute generell zugegeben oder bestritten wird.)

Will man also den gewaltigen Substanzwert der städtischen Abfälle in organischer
Weise verwenden, so muß man zu einem System kommen, das dem natürlichen Um-
wesungsprozeß entspricht, der in freier Natur über Jahrtausende hin stets reibungs-
los verlaufen Est.

Weiter aber müßte dieser ganze Vorgang und die Tatsache, daß wir Menschen eben
ausschließlich von den verfallenden Altstoffen leben, so eindeutig ein ganzes Volk
durchdringen, daß es die Abfallstoffe mit genau der gleichen Sorgfalt behandelt
wie die aus ihnen geborenen neuen Werte. Es ist also eine ungeheure Achtungs-
losigkeit des Menschen gegen diese Altstoff-Werte, wenn er das, was im organi-
schen Kreislauf steht, vermengt mit Blechdosen, Steingutscherben etc. etc., so wie
es In den Städten üblich geworden ist.

Ganz gewiß wollen wir nun nicht in sinnlosen Utopien denken und meinen, diese
Achtlosigkeit sei den Menschen abzugewöhnen. Sie ist wohl relativ leicnter zu
korrigieren indem man die ganzen Abfälle an Magneten und anderen Scheidern
passieren läßt und so, wenn möglich, zu einem ertraglichen Anfangsprodukt kommt.
Auf welchem Wege dessen ausreichende Wandlung, die wir heute Kompostleiung
nennen, zu erfolgen hat, ist eine spezielle, wissenschaftliche Frage, deren Lösung
wohl keine wesentlichen Hindernisse entgegenstehen.

An diesem biologischen Fundament sollte man zunächst festhalten. Ich bin auf
Grund weitgehender Beobachtungen außer Zweifel, daß wir aie Pflanze in unserer
nächsten Daseinsperiode zu einem viel besseren Mitarbeiter des Menschen macnen
werden. Wir haben bisher fast niemals an die Pflanze um ihrer selbst willen ge-
dacht, niemals inre „Entwicklung" wissenschaftlich in die Hand genommen. Das,
was gelegentlich Luther BurbanK intuitiv und experimentell leistete, waren pracnt-
volle Ergebnisse, aber von einer Entwicklungslehre der Pflanzen waren sie weit
entfernt.

Machen wir uns einmal klar, daß diese und jene Düngestoffquellen, wie Phosphate,
Kaliläger etc., auf der Erde auch einmal erschöpft sein könnten, so müßten wir ja
fürchten, uaß es in der Tat eine völlige Unstimmigkeit im organischen Dasein gäbe,
das heißt, daß die Erde durchaus nicht immer unsere Aberntung ertragen könnte,
so daß mit Erschöpfung von Dungstofflägern auch die Menschenzahl automatisch
zurückgehen müßte. Eine solche Unstimmigkeit ist aber im Prinzip nicht vorhanaen.
Dies führt aber zu der unbedingten Gewißheit, daß der engere Stadtkreis besser
als irgendeine andere Landschaft dazu geeignet ist, eben die Stadt fortgesetzt aus
ihrem eigenen Verfall heraus zu regenerieren.

Nun kommen wir zu der Frage, welche Stadtgestaltung sich aus diesem Prinzip, das
nationalökonomisch umwälzend ist, ergeben wird.
Damit aber betreten wir ein psychisches Gebiet. ■—

Ich bin, vom Praktischen ausgehend, nicht der Ansicht, daß ein Garten- und, was
wichtiger ist, ein Pflanzenzuchtbetrieb Sache eines Einzelnen und jedes Einzelnen
sein kann. Wir Menschen sind heute auf intelligente Einzelleistungen eingestellt,
und im Gegensatz dazu stellt ein Garten- und Pflanzenzuchtbetrieb ersten Ranges
eine Totalität dar, die nur ganz Wenige leitend beherrschen werden. Es wäre
praktisch von großer Bedeutung, wenn wir in einer kommenden Periode in einem
sehr großen Schulbetrieb versuchten, auf Einzelparzellen viele selbständige
„Gärtner" zu erziehen, aber eine solche Schule hat auf den Städtebau keinen ent-
scheidenden Einfluß. Der Nahrungsbau im Stadtgürtel wird ein Großunternehmen
sein. Auch er wird eine Gemüsefabrik werden. Daß hier Fabrik im guten Sinn
verstanden werden muß, versteht sich von selbst.

Es ergibt sich alsdann, daß man nicht für den Wohnraum, die jeweilige Umzäunung
etc. etc. unnötig Raum opfern wird, sondern für das Wohnen scheinen mir Hoch-
häuser bei weitem das Geeignetste zu sein. Im Hochhaus haben wir die vertikale
Straße, welche schon die horizontalen Straßen entlastet, im Hochhaus haben wir
die Möglichkeit, verhältnismäßig weit aus der schlechtesten Bodenatmosphäre
hinauszukommen, im Hochhaus haben wir auch einen Anfang vereinfachter Trans-
porte, besonders auch in der Zusammenleitung der Abfälle. Die französischen
Pläne, die schon allgemein bekannt sind, enthalten viel Richtiges. Ich glaube auch
nicht, daß der Bau von Hochhäusern real teurer ist, wenn man den 50—lOOjährigon
Nutzungsgewinn des ersparten Bodens und andere Faktoren beachtet. Solche
Wohntürme werden viel lockerer stehen als unsere bisherigen Straßenzeilen. Sie
werden sich mitten in der Obst- und Gemüsebaulandschaft erheben.
Es Ist aber gewiß auch richtig, daß man die Bevölkerung nach ihrer Lebensweise
nach und nach ein wenig rangiert. Die aus dem aktiven Leben Ausscheidenden
müßten gewiß nicht, wie heute, die zentralsten Gebiete belasten. Es wird immer
sein und bleiben, wie in der alten Bauernzeit, In welcher der erschöpfte Mensch
auf das Altenteil zog. Die Pensionäre der Städte und Staaten können wir heute und

besonders durch ein solches Bausystem aus den Nervenknoten der Städte entfernen.
Sie sind, seit wir Radio und alle andren Dinge haben, nicht mehr vom Leben abge-
schnitten, sie würden in einem solchen Stadtgürtel gesund und freudig leben, sie
würden Konsumenten sein, die ihre Hauptbestandteile der Existenz ohne Transport-
kosten aus erster Hand bekommen. Es wäre durchaus kein phantastischer Schritt,
wenn die Behörden den heute unorganischen Stadtbetrieb dadurch neu organisieren
würden, daß sie den Emplänger der Pensionen oder Renten bestimmte Wohnungen
außerhalb anwiesen. Wahrscheinlich würden die umfangreichen Gartenbetriebe aucn
den meisten Rentnern oder Pensionären noch eine leichte Ergänzungsbeschäftigung
erlauben.

In den City-Gebilden einiger weniger Städte hat sich von selbst jene Entwicklung
gezeigt, daß heterogene Teile einer Stadtbevölkerung wieder auseinander genom-
men werden können. Ein organischer Bau der Städte ist von Nöten, nicht deren
Zersetzung in kleine Partikel. Großstädte sind lebensfähig und lebenswert in dem
Augenblick, in dem man sie auf die Basis bringt, sich aus ihren eignen Altstoffen
regenerieren zu lassen. Wenn Leberecht Migge für den Kleingarten von Siedlern
schon nachgewiesen hat, daß er aus Arbeit und Altstoffen seiner Besitzer zu erhalten
ist, so gilt das im Prinzip auch für die Stadt. — Es ist für diese Betrachtung nicht
möglich, auf viele Einzelheiten einzugehen. Es ist natürlich unsinnig, Häuser und
Straßen auf fruchtbares Land zu legen. Die Orte der Wohntürme bestimmen sich aus
der Bodenqualität. Schematisch vorzugehen, hat überhaupt keinen Sinn.
Der Spekulationsgeist des Terrainhandels hat die Städte desorganisiert, er hat jeden
Gedanken an großzügige Stadtplanung überhaupt unmöglich gemacht. Das war eine
Entwicklungsphase, die nun einmal geschehen ist. Aber der Wille zur Großstadt
bleibt trotzdem elementar. Sie ist ein Ereignis der menschlichen Psyche. Und wenn
wir heute auch wissen, daß die Stadtbevölkerungen im Grunde ihre Großstädte
dazu mißbrauchen, aus ihnen hundert Dörfer zu machen, so hat es doch keinen Sinn,
diesem reaktiven Trieb nachzugeben und aus einer Großstadt dreißig oder mehr
Kleinstädte zu machen. Ein soziologisches Prinzip ist in der Großstadt angebahnt,
das wir nicht rückgängig machen können, denn es ist seit den Zeiten von Babylon
im Werden. Die auszuführen, wäre eine Aufgabe für eine weitere Betrachtung.

Ernst Fuhrmann, Friedrichssegen a. L.

Zeitschriften

Frankreich

Die überreich aufgezogene Zeitschrift „L'architecture d'au-
jourd 'hui" hat ihr Oktoberheft 1932 (No. VII) ganz der Lebensarbeit
von A. G. P e r r e t gewidmet. Die beherrschende Figur dieses überaus
konsequenten und klaren Führers der französischen Architektur tritt aus
den zahlreichen Abbildungen sehr deutlich zutage.

Bulgarien

Eine interessante Nummer der Zeitschrift „Architekt" (Organ des
Vereins bulgarischer Architekten, Targowska 9, Sofia) liegt uns vor:
No. 3—4 von 1932. Sie bringt vorwiegend städtebauliche Aufsätze von
Frantz Jourdain, Josef Frank, F. L. Wright, Mallet Stevens u. a.
Holland

Während in den offiziellen holländischen Bauzeitschriften eine gewisse
Stagnation der Ideen festzustellen ist, gibt das alle 14 Tage erscheinende
Organ der Gruppe „de 8", Opbouw, sehr lebendige Querschnitte
durch die modernen Probleme. Adresse: Keizersgracht 574, Amsterdam.
Deutschland

„Deutsche Kunst und Dekoration", die stets allzu schöne
Zeitschrift des Verlags Koch in Darmstadt, ist an den Verlag Bruckmann
in München übergegangen und dort mit der etwas hausbackenen
„K u n s t" vereinigt worden. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn mit dieser
Fusion auch eine etwas lebendigere Betrachtung heutiger Kunst ein-
setzen würde.

Die Zeitschrift „Kreis von Halle" hat sich ebenso wie das „Neue
Frankfurt" von der Verbindung mit der Ursprungsstadt gelöst und er-
scheint seit einigen Monaten unter dem Titel „Kreis der S t ä d t e",
„Mitteldeutsche Monatshefte für Kultur und den
Sinn der Wirtschaf t". Dr. E. Redslob in Halle zeichnet als Redak-
teur und Verleger. Die Zeitschrift ist sehr gepflegt und behandelt all-
gemein die Erscheinungen des kulturellen Lebens.

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