Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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dem Besucher in allgemeinverständlicher Weise Möglichkeiten der
Raumausstattung mit Einzelmöbeln. Die gegen Außenlicht abgeschlos-
sene Abteilung Beleuchtung läßt vielleicht am deutlichsten den Unter-
schied erkennen zwischen dem üblichen pompösen Aufwand und der
einfachen Schönheit eines zweckdienlichen Gerätes. Die Zuordnung
einer bestimmten Lampengattung zu ihrem Zweck (Deckenbeleuchtung,
Speise- und Schreibtisch-Beleuchtung usw.) ist so instruktiv, daß beleh-
rende Texte überflüssig sind. In der Möbelabteilung nehmen die zusam-
mensetzbaren Möbel nach Entwürfen von Professor Schuster einen relativ
breiten, aber berechtigten Platz ein; sie lösen das Problem der wachsen-
den Wohnung in der einfachsten Weise durch die mehrfache und fast
beliebige Zusammensetzung der ursprünglichen Möbelelemente. Uebri-
gens ist gerade in der zweiten Abteilung, in der Ausstellung eingerich-
teter Räume, zu sehen, daß selbst die Einheitlichkeit der Elemente über-
flüssig ist, daß man sehr wohl verschiedene Materialien und Möbel aus
verschiedenen Bezugsquellen zu einer Raumeinrichtung zusammenstellen
kann, wenn nur der Grundcharakter bei allen Stücken derselbe ist. Aehn-

liches mag für die Geschirrabteilung gelten, deren Betrachtung allein
schon einen ästhetischen Genuß bedeutet. „Services" scheinen ebenso
überflüssig zu sein wie Garnituren; der gute Geschmack im heutigen
Sinne ist ausreichend zur inneren Verbindung der Form alles dessen, was
zum Wohnbedarf gehört.

Man könnte einer Ausstellung solcher Selbstverständlichkeiten gegen-
über einwenden, daß sie nichts Neues besage. Gewiß — dem Einsich-
tigen ist das alles bekannt; er weiß aber auch, daß diese Dinge und ihr
gemeinsames geistiges Grundelement ihren Sinn verlieren, wenn sie
Privileg eines kleinen Kreises bleiben; daß die Masse des Volkes durch
alle Schichten hindurch vollkommen irregeführt ist und an einem ästheti-
schen Schwachsinn leidet, den zu bekämpfen ein kulturelles Verdienst
ersten Ranges ist.

Diese Ausstellung ist aus diesem Grunde viel wichtiger als eine Dar-
bietung von Neuigkeiten. Man sollte sie aus dem gleichen Grunde zu
einer ständigen Einrichtung aller Städte machen, vielleicht verbunden mit
einer deutlicheren Gegenüberstellung von Beispiel und Gegenbeispiel.

Karl Hailer.

Diskussion um die Stadtrandsiedlung

Die wachsende Siedlung.

Die Umsiedlung, die Rückkehr vieler städtischer Bewohner zum Boden
wird mehr und mehr als Schicksalsfrage für Deutschland empfunden. Es
ist soviel davon die Rede, daß man warnen könnte davor, sie zum
Schlagwort zu machen, von ihr zu erhoffen, daß sie rasch und unver-
züglich Berge versetzen könnte, und zu vergessen, daß sie als Kultur-
umstellung allergrößten Ausmaßes fachlichste Vorbereitung und orga-
nische Entwicklung braucht, wenn sie die Rettung für Deutschland bringen
soll, die man von ihr erwartet.

Leberecht Migge geht in seiner Schrift „Die wachsende Siedlung" •
auf diese Seite der Sache nicht ein, er hat gewiß als alter Vorkämpfer
für die Binnenkolonisation schon genügend klar ausgesprochen, daß er
die Gartensiedlung auch ohne die neueste Entwicklung in
Deutschland für notwendig hält. Er streift die Frage nur, wenn er sagt,
daß es heute schließlich um das „kapitalistische Arbeitsprinzip" geht,
und daß die Industrie gut daran täte, eigene Initiative zu entwickeln,
um „die Arbeitslosigkeit aus eigener Kraft im eigenen kapitalistischen
Betrieb zu beseitigen".

Ihm ist es vielmehr wesentlich, darzulegen, daß die rationellste Aus-
nutzung des Bodens ein Zwang ist, und daß die gärtnerische Bodenkultur
ihrer Vorgängerin, der landwirtschaftlichen Kultur, weit überlegen ist.
In dem Streit der Meinungen ist es wertvoll und wichtig auszusprechen,
daß wir eben mit der Umsiedlung, mit der Stadtrandsiedlung, dem
Schrebergartenwesen und wie die verschiedenen Formen auch heißen
mögen, grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind, auf dem Weg einer
organischen Entwicklung, und daß es sich hierbei nicht um aus der Not
geborene Gedanken handelt, die bald — wenn die schöne Konjunktur
wieder da sein wird — vergessen sein werden. Wie man sich einst der
Stadt zuwandte, so wendet man sich jetzt dem Land zu, und dem einsti-
gen Ideal der S t a d t - K u 11 ur wird jetzt ein neues Ideal, die Stadt-
Land-Kultur, gegenübertreten.

Migge befaßt sich hier nur mit der gärtnerischen Siedlung. Es ist ver-
ständlich, daß er aus diesem Gedanken heraus die bisherige städt. Sied-

• Die wachsende Siedlung nach biologischen Gesetzen von Lebrecht Migge 1932,
Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart.

lungspolitik in Deutschland als fehlerhaft bezeichnet, er nennt die
bisherigen Siedlungen „von der Stadtseite her" und „schlüsselfertig"
erdacht —, und daß er für die neue „richtige" Form der Siedlung ein
Zusammenwachsen von Mensch, Boden und Bauwerk fordert. Das Neue
ist, daß er für diese Art der Siedlung das „Bodenwerk" für wichtiger er-
klärt, als das „Bauwerk" und die „Bodenführung" und die „Boden-
ausrüstung" als unerläßliche Voraussetzungen des Gelingens ansieht.
Bei der grenzenlosen Armut Deutschlands kann es sich nur um einen
allmählichen Aufbau der Siedlung,um die„wachsende Siedlung" handeln,
und es muß nach Migge von den Bedingungen des Bodens ausgegangen
werden. Für eine dieser unerläßlichen Bedingungen erklärt er die von
Osten nach Westen über die ganze Breite des Grundstücks gezogene
Schutzmauer für Spaliere, die es zugleich gestatten, an ihr ein wachsen-
des Bauwerk anzugliedern. Er ist unbedingter Anhänger der reinen Süd-
lage für Garten und Haus und entwickelt daraus seinen Plan zum lang-
samen Ausbau von Garten und Haus (siehe Abbildung 20). Unter „Boden-
führung" versteht er die Einschaltung von gärtnerischen Fachleuten, Leu-
ten mit „Landverstand" als Führer dieser Siedlungen, die für die beson-
deren an dieser Stelle geeigneten Kulturen richtunggebend sein müssen.
Ferner fordert er eine organische Mischung von Schrebergartensiedlern,
Wohngartensiedlern und Nebenerwerbssiedlern, aus denen er sich eine
„Arbeitszelle" gebildet denkt. Mehrere solcher Arbeitszellen bilden
eine „Produktionsgemeinschaft" und mehrere solcher Produktions-
gemeinschaften bilden wieder eine „Fruchtlandschaft". Diese Frucht-
landschaft wird in Zukunft das Bild des Landes bestimmen. Es ist
nicht nötig, daß sie nach einem festen, detaillierten Plan entsteht. Sie
wird von selbst wachsen, wenn man die Arbeitszellen und die Produk-
tionsgemeinschaften richtig bildet und ihr den Raum absteckt, auf dem
sie gedeihen soll (Beispiel Vierlande bei Hamburg). Das klingt sehr über-
konstruiert und ergibt sofort die Perspektive für große Unternehmungen
und Kapitalinvestierungen. Es steckt jedoch darin der gesunde Kern
einer organischen Entwicklung, die vielleicht länger dauert, als man aus
den Worten Migges entnehmen mag, die aber in ihrer Grundtendenz
bestimmt richtig ist.

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