Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Santiago de Chile herangezogen wurde (über seine Resultate berichten wir an
anderer Stelle dieser Zeitschrift) und Le Corbusier 1930 nach Buenos Aires geholt
wurde, um sich über die Situation auszusprechen (woraus dann das ungemein
lebendige, viel zu wenig bekannte Buch „Precisions" entstand), so hat der Franzose
Agache im Auttrag der brasilianischen Regierung von 1927—30 ausgedehnte städte-
bauliche Reformvorschläge für Rio de Janeiro aufgestellt und ihre wesentlichen
Punkte in dieser opulenten Publikation der Fachwelt vermittelt.

Während nun Le Corbusier, der zum Schlüsse seines Buches, in einem „Corollaire
bresilien" auch auf Rio zu sprechen kommt, von einer panegyrischen Schilderung
des Landes ausgeht und von da gleich große Perspektiven absteckt, ist Agache
der nüchterne Verwaltungsarchitekt, der Schritt für Schritt, und Stein um Stein diese
Stadt untersucht, von ihrer Gründung durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert (in
der von bizarren Bergkuppen umstandenen Bucht von Guanabara), über die
Erhebung zur brasilianischen Hauptstadt (1639) bis zu der heutigen Metropole von
2 Millionen Einwohnern. So ist das Buch in erster Linie für die Fachinteressen des
praktischen Städtebauers bestimmt, der in seinen vielfarbigen Plänen und statisti-
schen Angaben ein interessantes Vergleichsmaterial finden wird. Die eigentliche
Arbeit Agaches, die ohne Autopsie schwer zu beurteilen ist, lag vor allem in der
Vorbereitung neuer Gesetze für die Zonenbestimmung, die Grünflächen, die Ver-
kehrsordnung, die Lokarisierung der „Cite universitäre" (eine typisch romanische
Idee, welch von Paris aus gegenwärtig ihren Siegeszug durch alle „lateinischen"
Länder angetreten hatl), sodann in der Einführung einiger europäischer Grundsätze
der Erhaltung alter Quartiere etc. Soweit sich anhand der Illustrationen ein Urteil
bilden läßt, bleibt Agache's Geschmack (Beispiel: Projekt eines monumentalen
Parks am Meer, I, S. 152) den Anschauungen der Ecole des Beaux-Arts treu, die ja
bekanntlich gerade in Süd-Amerika starken Anklang gefunden haben.
Dem genannten Studien-Material über die südamerikanischen Großstädte — Le
Corbusier, Brunner, Agache — sind auch Werner Hegemanns Vorträge zuzurechnen
(Wasmuths Monatshefte für Baukunst 1931).

Gustavo Giovannonl, Vecchie Cittä ed Ediliiia nuova.

Turin, Verlag Unione Tipografica — Editrice Torinese, 1931. Mit 177 Ab-
bildungen.

Giovannoni ist einer der bekanntesten Städtebauer Italiens, bekannt vor allem als
Direktor der Hochschule für Baukunst in Rom, sowie als Gutachter und Preisrichter
in allen den zahlreichen städtebaulichen Wettbewerben, die in den letzten Jahren
in Italien stattgefunden haben. Das Buch, das als I. Band einer von Giovannoni
geleiteten Schriftenreihe über Städtebau herauskam, ist gewissermaßen mitten aus
dieser Gutachtertätigkeit heraus geschrieben, bei der es in Italien ja stets darauf
ankommt, alte Stadtkerne mit wichtigen historischen Bauwerken so gut es geht zu
schonen und in den Neuanlagen auf dieses vorhandene „patrimonio" Rücksicht zu
nehmen.

Giovannoni gibt zunächst eine Uebersicht über die Typen alten Städtebaus, wobei
er eine ganze Reihe weniger bekannter italienischer Städtepläne publiziert, und
entwirft dann im Hauptteil des Buches eine Art praktischer Anleitung für die Durch-
führung der verschiedenen Arbeiten der Sanierung, der Grünflächen-, Verkehrs- und
Siedlungsgestaltung, wobei er allerdings von den deutschen, französischen und

amerikanischen Vorschlägen der letzten Jahre nur wenig weiß und sich noch ganz
in den Ideen der alten englischen Gartenstadtbewegung befangen zeigt. Die
römischen Gartenstädte der Garbatella und des Monte Sacro sind denn auch den
englischen Vorbildern aus den 90er Jahren wie aus dem Gesicht geschnitten, und es
ist bezeichnend, daß Giovannoni als „Esempio di associazione di piccoli elementi"
nichts Besseres zu zeigen weiß als eine belanglose Gruppe von Pappenheim. Von
den großen Siedlungen in Deutschland, Frankreich, Holland und Skandinavien —
kaum ein Wort. '*

So ist für den nichtitalienischen Leser das 8. Kapitel weitaus das interessanteste,
in welchem Giovannoni lauter Beispiele von italienischen Bebauungs-
plänen publiziert — ein Gebiet, auf welchem gegenwärtig in Italien eine sehr
große und fruchtbare Arbeit geleistet wird.

Eine knappe Zusammenfassung der sehr gemäßigten und keineswegs auf große
neue Ziele ausgehenden Ideen von Giovannoni findet sich in der Zeitschrift
,,Urbanistica", Dezember 1932, wo ein Vortrag Giovannonis „Nuovi sviluppi dell'
urbanistica in Italia" abgedruckt ist.

Piano Regolatore di Roma. 1931. Herausgegeben vom Governatorato di Roma.
Verlag Treves-Treccani-Tumminelli, Milano-Roma.

Diese offizielle Ausgabe des neuen Generalbebauungsplans für Rom von 1931 ist
zweifellos eines der interessantesten Dokumente des heutigen Städtebaus. Es
umfaßt eine ausführliche Schilderung der sehr langwierigen Vorarbeiten, die Texte
aller Gutachten und Gesetze, sodann eine genaue Aufnahme des ganzen Stadt-
gebietes in 12 farbigen Einzelkarten, aus denen alle Details der geplanten Aende-
rungen hervorgehen, und endlich einige Pläne und Perspektiven zu gewissen
Sanierungen, Neuanlagen etc.

Auf die grundlegenden Neuerungen des Planes sowie auf einige Unternehmungen,
die seit 1931 begonnen worden sind — Cittä degli studi u. a. — werden wir hier
noch bei anderer Gelegenheit zurückkommen. Da der Plan mit einem starken An-
wachsen der Stadt rechnet, von 1 Million heute auf 2 Millionen schon 1950 und
3 Millionen am Ende des Jahrhunderts, so ist natürlich dem Problem der Besied-
lung der Region größte Aufmerksamkeit gewidmet, und in diesem Punkte haben
sich die Vorschläge der Gruppe der jungen „Urbanisti di Roma" sehr gut aus-
gewirkt. Mussolini nahm selbst die Parole auf und proklamierte die Notwendigkeit,
die neuen Menschenmassen bis ans Meer und an die Hänge der Sabinerberge hin
anzusiedeln.

Zunächst allerdings besteht die Sanierung der Altstadt im Mittelpunkt der Arbeiten.
Der Plan sieht durchgreifende Aenderungen vor, deren Tendenz man etwa dahin
zusammenfassen könnte, daß die wichtigsten Reste der Antike möglichst freigelegt
und die einzelnen historischen Teile des Stadtorganismus zu einer neuen architek-
tonischen Einheit gebracht werden sollen.

Schon an den Vorarbeiten, die viele Jahre zurückreichen, war Marcello Piacentini
führend beteiligt gewesen; nachdem nun die früheren, allzu großsprecherischen
Projekte von Armando Brasini offenbar abgelehnt worden sind, ist Piacentini vor
allem auch durch den Auftrag für die neue Universitätsstadt endgültig als leitender
Kopf für die städtebauliche Umgestaltung von Rom bestimmt worden.

Diskussionen

I. Um die abstrakte Kunst.

Es war zu erwarten, daß der große politische Umschwung in Deutschland den
Kampf gegen die sog. „abstrakte Kunst" aus den politischen Tageszeitungen, in
denen er bisher geführt worden war, auch hinübertragen würde in die Zeitschriften.
Als erster ergreift nun der Maler Richard Seewald in „Kunst und Künstlerl" das
Wort (März 1933), um die abstrakte Kunst, die ihm besonders in der Züricher Picasso-
Ausstellung mißfallen hat, als einen „Verrat am Menschen, am europäischen
Menschen" an den Pranger zu stellen. Er fordert von der Kunst „die Treue gegen
die großen Gesetze der abendländischen Kunst, deren erstes für die Malerei aber
lautet, daß sie gebunden ist an den Gegenstand . . ." Seewald geht zwar nicht
ganz so weit, eine neuere Theorie nachzusprechen, die erklärt, es gebe in der
Kunst nur ein Ideal: das nordisch-griechische, und er spricht sogar sehr spöttisch
über die zwei Säle im Kronprinzenpalais, in denen schon die Dokumente dieser
nordisch-griechischen Synthese aufgehängt sind, aber er findet dann doch wieder,
daß die drei Höhepunkte der deutschen Kunst, um 1500, vor hundert Jahren und in

Hans von Marees, emporgewachsen seien aus der „Durchdringung des deutschen
Geistes mit der Antike", und daß diese Durchdringung heute von neuem angestrebt
werden müsse.

Man wird wohl in Zukunft Stimmen dieser Art sehr zahlreich und gewiß auch von
offiziellen Stellen hören, und wenn dieses Programm wirklich zur Entstehung einer
großen Kunst führen wird, einer Kunst, die uns so ans Herz greitt wie Marees, dann
werden wir die ersten sein, diese neue Kunst mit Begeisterung zu begrüßen. Einst-
weilen sehen wir sie noch nirgends in Deutschland, auch nicht in den sehr achtbaren
Arbeiten von Seewald selbst und am wenigsten in den schwachen Zeichnungen,
mit denen er leider den Aufsatz in „Kunst und Künstler" begleitet hat.

Wir wenden uns aber hier gegen Seewald und seine Auffassung, weil Seewald in
diesem Aufsatz die dringend nötige Diskussion um die abstrakte Kunst auf das Feld
einer politischen Opportunltätsromantik hinüberschiebt, wo sie jeden-
falls nicht hingehört. Viel richtiger und fruchtbarer scheint uns die Kritik, die Fritz
Nemitz im Märzheft der „Tat" („Zwischenbilanz der Kunst") an der modernen Kunst

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