Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Neue schöpferische Kräfte in der europäischen

Es ist genau ein Menschenalter her, daß in ganz Europa die Grundlagen der
Malerei erneuert wurden. Mit einer so kühnen Revision aller darstellerischen
Absichten und Mittel, daß man an einen nur vorübergehenden barbarischen
Abbruch der geschichtlichen Kontinuität glaubte. Unterdessen haben die
Männer, die das zwanzigste Jahrhundert einleiteten, die damalige Leistung
stabilisiert. Ihre Wirkung ist noch nicht abgeschlossen. Das gilt für die deutsche
„Brücke" genau so wie für den „Blauen Reiter", für Picasso und Braque ebenso
wie für die Tektoniker. Nur daß die sofortige Wirkung zu unverstandener
Nachahmung führte, wie immer seit Auflösung des alten Schulbegriffs, während
die heutige Wirkung im neuen Sinne schulbildend ist. Denn der Begriff der
lokalen und nationalen Schule besteht nicht mehr. Konnte man noch von einer
Münchener Schule zur Zeit Leibis oder einem deutschen und französischen
Impressionismus sprechen, heute existieren nur noch europäische Schulen, wo
überhaupt es sich davon zu reden lohnt. Das neue Europa ist für die Kunst
bereits da und recht gut bewohnbar, zu einer Zeit, wo es politisch und wirt-
schaftlich von allen denen gewünscht wird, die eine Gesundung der Nationen
anstreben.

Wer im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts über die Grenzen seines
Landes nicht hinausschaute, konnte glauben, es handle sich bei den Klee,
Kandinsky, Picasso um einmalige Fakta, und diese instinktive Hoffnung war
vielen ein Trost. Es würde sich alles wieder einrichten. Das Rad der Geschichte
drehte sich aber weiter, und heute kann man nur noch einen verlorenen
Posten verteidigen (was man sehr wohl tapfer und gescheit machen kann und
mit Gewinn für die Entwicklung) oder an der neuen Zeit mitarbeiten (was
leider nicht immer mit dem nötigen Verantwortlichkeitsgefühl geschieht).

Das neue Europa ist für die Kunst bereits da. Man sehe sich daraufhin inter-
nationale Ausstellungen an oder, um ein Beispiel zu nennen, die sogenannte
Ecole de Paris, in der so ziemlich alle Nationen vertreten sind und aus ihrer
Mitte nicht die schlechtesten. Das heißt nicht, daß die nationale Provenienz
nicht sichtbar bliebe, aber sie tritt hinter die geistig-künstlerische zurück. Wie
es Vitalisten oder Bergsonianer oder Maritanisten gibt, eine Schule Joyce oder
Valery, so gibt es eine Schule Picasso oder Klee oder Kandinsky, um bei den
Initiatoren zunächst zu bleiben, und erst auf diesem Diapason wird Nationales
und Persönliches sichtbar.

Skeptiker stellen die Frage, ob die Jungen einen so starken Impetus für die Zu-
kunft bedeuten, wie die Aelteren bedeutet haben. Mir scheint, die Frage ist
ungerecht. Der Vorstoß nach 1900 war zu groß, um nach dreißig Jahren zur Seite
geschoben zu werden. Entscheidend ist, ob man die Bresche erweitert, sinn-
voll weiterbaut mit Eigenem. Das ist in allen Ländern der Fall, wenn auch der
Anteil an dieser Terraingewinnung verschieden ist. Die ausschließliche Führung
Frankreichs aber besteht seit Klee, Kandinsky und Picasso nicht mehr, obwohl
zunächst immer noch Paris der wichtigste Vorort der Kunst bleibt.

Die jüngste Generation steht auf den Schultern der älteren. Es wäre schlimm,
wenn es anders wäre. In e i n e r Generation ließen sich die neuen Fragen nicht
beantworten. Wer stellte sie?

Deutschland Allemagne Germany

1

Paul Klee

Der fliehende Geist. 1929

L'Esprit fuyant

The flying spirit

Will Grohmann

98
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