Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Diskussionen

Der überaus reiche Zustrom von Beiträgen, Entgegnungen, Be-
richtigungen etc. zwingt uns, die nachfolgenden Aeußerungen
in kleinster Type zu drucken. Wir bitten unsere Mitarbeiter
neuerdings um äußerste Konzentration im Raum. Vor der Ein-
sendung größerer Aufsätze wolle man immer erst die Schrift-
leitung anfragen. gtr.

I. Zu Heft 5 „Die europäische Malerei der Gegenwart".

Lieber Herr Gantner,

es gehört nicht viel Mühe dazu — und auch nicht viel „Betriebsamkeit der jungen
Generation" — um in den Bildern, mehr aber noch im Text des Aufsatzes von Will
Grohmann in Heft 5 der „Neuen Stadt" festzustellen, wie sehr sich Ihre Zeitschrift
hier zur Plattform zweier Malergenerationen bereithält, von denen die eine, der
Jahrgang 1880, seit 1914 der ideologischen und soziologischen Struktur nach überholt
ist, die andere aber, der Jahrgang 1905, als verspätetes Leger Epigonentum ohnedies
hinlänglich profitiert. Was zwischen 1890 bis 1895 geboren wurde, ist zwar die von
Bluts wegen revoltierende Generation des Krieges — der Zerstörung und des Aufbaus
— aber trotz solcher aktivsten Beteiligung am gesellschaftlichen Gestaltwandel nicht
populär genug, um in einem Aufsatz „Neue schöpferische Kräfte in der europäischen
Malerei der Gegenwart" zu dominieren. Sie sollte es aber. Statt dessen drängt
sich uns ein Situationsdokument falscher Prägung auf, in dem alles und immer wieder
um Braque, Leger, „Die Brücke" und gleichzeitig um die der „neuen Sachlichkeit"
im Tode gefolgten Surrealismen kreist.

Es scheint, als ob man nach dem Kriege nichts anderes zu tun gehabt hätte, als
weiter für die Bedürfnisse der Gesellschaft von 1914 zu sorgen. Liegt die Vernach-
lässigung — sagen wir besser das eisige Schweigen um die 1914 etwa zwanzig-
jährigen Maler daran, daß sie immer noch als zu aufdringlich, zu abscheulich und
zu wenig kompromißbereit sich den Gesetzen und den Bedürfnissen des Kunst-
handels widersetzen?

Adolf Behne hat sich in Heft 6 7 schon gegen solche Kunstgeschichte gewehrt — er
tut es maßvoll und auf einen konkreten Fall bezogen. Trotzdem nannte er den
Aufsatz einen „Schiffskatalog" und den Verfasser „interessant und kenntnisreich".
Man möchte dem einiges hinzufügen; denn es ist nicht einzusehen, was solch
aktueller Aufsatz den dickleibigen, am rechtzeitigen Erscheinen verhinderten Kunst-
geschichten voraus hat. Grohmann spricht von einer gewaltsamen Unterbrechung
im Jahre 1914 die — „es ist heute kein Zweifel" — die Wirkung der Malerei der
„Brücke" schwächte und davon, daß dann für die Jüngeren — „die vorher ihre
Aufgabe noch nicht erkannt hatten" — (so zu malen wie die „Brücke"?) eine andere
Einstellung zum Leben entstand. Allerdings. Und darum, wird es immer lauter
gesagt und immer wieder, damit kein noch so dünn gewordener Faden abreißt, daß
der Maler von 1952 nur unter dem Zeichen „Braque, Leger, Brücke", also unter dem
Signum von 1912, siegen kann. Es geht in diesem Zusammenhang natürlich nicht um
die malerische Qualität und Bedeutung dieser Maler, des wichtigen und vor-
trefflichen „blauen Reiters", der „Brücke" usw., sondern um ihre geschichtliche und
soziologische Standortserklärung. Nicht nur um des Wortspieles wegen hat jede
noch so geartete Brücke zu irgend etwas hinüber zu führen, sondern tatsächlich.
Wenn sie das nicht tut, so ist sie ohne Funktion. Und wenn sie es doch tut, ohne
daß der Kritiker es weiß, dann ist der Kritiker ohne Funktion. Will er uns schließlich
aber sagen, daß es noch nicht so weit wäre, die Brücke noch im Bau sei, dann
glauben wir das nicht; und wenn sie nur soziale Gegensätze überbrücken will, dann
lehnen wir das ab. Es ist Zeit, wieder einmal die Dinge klar zu stellen und deutlich
zu sagen, daß 1914 nichts Schöpferisches unterbrochen, sondern alles vorangetrieben
wurde. Wehe aber (nach dieser Kunstgeschichte), wenn der Maler 1914 da — am
Kubismus — anknüpfte, oder ihn wie z. B. Otto Freundlich da fortführte, wo er 1914
auch wirklich stand, dann Ist er ein Loch in der Geschichte — mit seinen Kollegen
ein undurchdringliches Gestrüpp borstiger Zeitgenossen, die angeblich nichts weiter
zu tun haben, als die Zeit abzuwarten, wo die Geschichte sie zu ihrer Komplettierung
benötigt und sie von betriebsamen Wiederkäuern hörbar nach oben gebracht
werden.

Es kann nicht darauf ankommen, einer Malschule mit ihren Professoren eine andere
gegenüberzustellen, wenn es darum geht, „die neuen schöpferischen Kräfte in der
europäischen Malerei der Gegenwart" zu präsentieren. Aber als Beitrag zu der von
Ihnen, Herr Dr. Gantner, erfolgreich diskutierten „Revision der Kunstgeschichte"
sollte man die Forderung aufstellen, daß es keine Kunstgeschichte mehr geben darf,
in der es darauf ankommt, festzustellen, daß Franz Wilhelm Seiwert und Heinrich
Hoerle Kreuzungen zwischen Leger und „sozialer Tendenz" sind. Es ist ein Beitrag
regionaler Gesinnung, wenn hier von Köln aus die Sache der Kunst anders aussieht
und der Ordnung halber berich'.igt wird, daß Hoerle und Seiwert in ihrem weiten
Wirken zwar die „soziale Tendenz" gemeinsam haben, in der Tiefe aber in Bezug

auf diese „soziale Tendenz" sich grundsätzlich und erheblich von Leger distan-
zieren — Leger hier als Typus einer Malergeneration betrachtet, die vor dem Kriege
erfolgreich vorstieß, heute aber nicht mehr die neuen schöpferischen Kräfte in
der europäischen Malerei der Gegenwart darstellt.

Ihr Walter Stern, Köln

II. Zu Heft 8 „Wirtschaftsbau — Lebensbau — Städtebau"

An die Betrachtung von Stadtbaurat Martin Wagner (Heft 8) möchte ich in die fol-
genden Zeilen anknüpfen.

Einer negativen Kritik der Darlegung des Herrn Wagner möchte ich mich im ganzen
enthalten. Kritik enthält zu oft Leerlauf.

Industrie, auf die sich Wagner bezieht, baut auf ganz verschiedenen Faktoren auf.
Einmal auf Importen (Veredlungswirtschaft etc.), dann auf Kraftquellen: Talsperren,
Kohlenlagern, Oelfunden, Kalilagern etc. etc. Jedes solcher Industrie-Fundamente
schreibt aus sich, auf Grund der technischen Zeitgesetze (die sich ändern) be-
stimmte Stadt- und Verdichtungsdimensionen vor. Den rheinisch-westfälischen Be-
zirk In „Fünfziger"-Städte, das heißt solche von je 50 000 Einwohnern, auflösen, heißt,
diese Einheiten doch wieder so nah aneinander heranbauen, wie sie heute liegen.
Andere Industrien mit sehr hochwertigen Produkten sind in ihrer Lage verhältnis-
mäßig unabhängig, aber sie bilden dann mit der horizontalen Vielheit ihrer Pro-
dukte so bedeutende Komplexe, daß sie nur in größeren Stadteinheiten möglich
sind. So AEG, Siemens, IG etc. etc.

Wenn aber eine Anzahl sauberer Städte von je 50 000 Einwohnern hier und dort ent-
steht, so Ist durchaus nichts dagegen einzuwenden. Mit dem gesamten Wirtschafts-
und Lebensbau hat das nichts zu tun

Durchaus recht aber hat Wagner in bezug auf den Wertverlust durch zwecklose
Transporte und Nichtausnutzung von Maschinen. Gerade diese Frage hat nun mit
dem Architekturproblem nur ganz geringe Berührung. Sie ist ein soziologisches
Problem ersten Ranges, das aber gar nicht in diesen Zusammenhang gehört.
An diesem Ort soll aber zunächst von Bauproblemen und von dem Lebensort der
Menschen, von der Stadt, die Rede sein.

Daß wir an alles künftige Bauen mit großen Gesichtspunkten herantreten sollten,
ist außer Frage.

In dem schönen Malaien-Roman Hang Tuah ist gezeigt, wie die Bewohner tropischer
Orte zeitweilig, wenn sie einen Ort lange bewohnt haben, plötzlich und für sie
fast unerklärlich von Dämonen aller Art gequält werden. Sie sind genötigt, ihre
Städte, so wie sie stehen, zu verlassen und weitab einen neuen Ort aufzubauen.
Die Dämone sind Krankheitsdämone. Sie sind entstanden dadurch, daß alle Orts-
bewohner ihre Abfälle rücksichtslos um die Stadt herum aufhäuften und diese dann
mitten in ihrem Verwesungsstadium das Leben im Ort unmöglich machten. An diesen
sehr weit zurückliegenden Punkt, der übrigens in geringem Grade bis zur Cholera
in Hamburg 1892 und ähnlichen, wenn auch viel schwächeren Tatsachen bis zu den
heutigen Rieselfeldwirtschaften wiederkehrt, möchte ich anknüpfen.
Ueberlegen wir uns, was eigentlich den Menschen ernährt, so sind es die zer-
fallenen alten organischen Substanzen, wenn ihnen der richtige Weg offen ist.
Irgendein Boden kann nicht auf die Dauer fruchtbar sein, wenn man ihn ausnutzt.
Wohl aber kann der Nil dauernd befruchten, weil er immerwährend neue Ver-
wesungsprodukte über die Ländereien verteilt. Alle dauernd fruchtbaren Land-
schaften werden von solchen neuen Ablagerungen regeneriert. Daraus ergibt sich
die Tatsache, daß es zwei große Quellen der menschlichen Ernährung gibt, die kaum
jemals versagen werden: die Schwemmstoffe aus Verwesungsmaterial der Flüsse
und die Abfallstoffe der intensivsten Umsetzer vitaler Funktion, — also der Men-
schen. Diese beiden Hauptquellen bedeuten: Das ganze, unendliche Schwemm-
material der Flüsse dürfte man nicht mehr ungenützt in die Meere entkommen
lassen, sondern eine künftige Planwirtschaft wird diese wertvollsten und absolut
alle notwendigen Baustoffe enthaltenden organischen Substanzen der Flüsse an den
Mündungen in großen Stau- und Setzwerken festhalten und an Stelle heutiger Kunst-
dung-Wirtschaft dem Lande zurückgeben. Zweitens wird die fruchtbarste Wirtschaft
stets im Gürtel um die engst bewohnten Gebiete herumliegen müssen.
Die Frage also, aus welcher Substanz sich die neue Nahrung im Dasein im Prinzip
aufbaut, ist letzten Endes entscheidend. Bis heute nun müßten wir von einer Vor-
stellung ausgehen, daß für den Pflanzen- und Nahrungsbau notwendige Stoffe, wie
Stickstoff, Kohlenstoff etc. etc., immer nur aus dem Verfallprozeß wieder in die
Atmosphäre geraten können, und da ist es praktisch wieder eine der großen Fehl-
leitungen und Leertransporte, wenn man diese Substanzen erst in die Luft zurück-
gelangen läßt, um unter großem Aufwand dorther Stickstoffe etc. wieder zu ge-
winnen.

Gegenüber einer vagen älteren Gedankenreihe, daß eben Städte nur von Importen
aus fernem Land zu erhalten sind, müssen wir also umschulen zu der Gewißheit,
daß nichts als die alten verbrauchten Stoffe den Neubau ermöglichen, und daß

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