Die neue Stadt: internationale Monatsschrift für architektonische Planung und städtische Kultur — 6.1932-1933

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Städtebau als Wirtschafts bau und Lebensbau

Von Stadtbaurat Martin Wagner, Berlin

Eine Weltkrankheit, die Pest der Arbeitslosigkeit, zieht über alle Länder und Wirtschaftsbau!
Nationen hinweg und leert die Fabriken, Kontore und Läden. Gestern waren Erster Teil
es erst 30 Millionen, heute sind es schon 40 Millionen, und wenn die apoka-
lyptischen Reiter dieser Pest ihren Schicksalslauf nicht hemmen, dann werden
es morgen 50 Millionen arbeitswillige Menschen sein, denen ein hinsterbendes
Wirtschaftssystem das Grundrecht auf Arbeit und damit den Bezugsschein auf
Nahrung, auf Kleidung, auf Wohnung und auf menschenwürdige Zivilisation
verweigert. Wo ist der Herd dieser Weltkrankheit und wo ist ihr Erreger, damit
wir ihn vernichten?

So fragt der Arzt, der einer Krankheit zuleibe gehen will. So fragt aber auch
der Ingenieur, der gerufen wird, die Maschinen wieder in Gang zu setzen, die
unberufene Hände zum Stillstand brachten.

Wenn es den Männern der Politik, der Wirtschaft, des Handels, des Rechts und
der Verwaltung bis heute nicht gelungen ist, die tieferen Ursachen der natio-
nalen und internationalen Arbeitslosigkeit sichtbar aufzudecken, so nur des-
halb, weil ihr Erkennen in den Irrgarten politischer und ökonomischer Theorien
gelockt wurde, obgleich das große schweigende Geheimnis aller brach-
liegenden Arbeitskräfte in der Gestalt stillstehender Maschinen vor ihren
Augen stand.

Die Maschinen stehen still! Der willige Arbeitsmensch wird von der willigen
Arbeitsmaschine gerissen und in Not und Hunger vor den Volksküchen und
Unterstützungskassen aufgereiht! Ingenieure an die Front! Eure Maschinen
stehen still! Wer hat sie stillgelegt? Welche unkundigen und böswilligen Hände
griffen in ihre Räder? Wo sind die Abtöter des Wohlstandes und die Erreger
der Arbeitslosigkeit jener (vor den Toren der Fabriken) schlangenhaft hin-
schleichenden Pest?

Wer legte die Maschinen still? Ingenieure an die Front! Sprecht es laut und sehr
vernehmbar aus. Das Zeitalter der Maschine sieht fachunkundige Köpfe auf
dem Führerstand der Wirtschaft! Weltklugheit, Handelsklugheit und Rechtsklug-
heit stehen auf der Kommandobrücke der Welt und der Nationen und wissen
nicht, daß das Leben aller Völker an den Maschinen hängt! Auf dem Führer-
stand der Wirtschaft spielten Unkundige mit Maschinen! Kein Wunder, wenn
sie aus dem Achslager und aus den Schienen springen, die Räder brechen,
Still Stehen und ZU keiner Arbeit fähig sind! Zeichen der großen Wirtschaftskrise

Die Ingenieure rufen im Sprechchor zum Stand der fahrlässigen Führer empor: 1

, . . ,. . _ . , ... ,. . . , ... .... . .. Am Rande der Großstädte wohnen Menschen

Maschinen sind kein Spielzeug! Maschinen sind arbeitswillige Diener der Men- jn glten Eisenbahnwagen

sehen! Was wißt Ihr von diesen Dienern? Ihr kennt nicht einmal ihre Zahl! Ihr symptömes de la grande crise economique

wißt nicht einmal, daß Ihr in Eurem Lande ein Sklavenheer von Maschinen kom- Aux abords des grandes villes, des personnes

mandiert, das 5- und 10- und 20- und 50-fach größer ist, als das Heer aller Men- habitent dans de vieux wagons de chemin de

schenarbeiter! Wißt Ihr Steuermänner unserer Wirtschaft, daß Ihr mit jeder ®r ' ' ' „ . , „, «
, , ,.,.«,.,. , .., Signs of the Great Economic Crisis

Pferdekraft einer Maschine die Arbeitsleistung von 10 Menschenkraften ver- pe0ple are living in obsolete railway-carriages

drängen könnt? in the outskirts of the big cities ....

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